Welche Folgen Kindheitsbelastungen auf unser späteres Ich haben

Jeder von uns trägt Ballast auf seinem Rücken. Der eine mehr, der andere weniger – je nachdem, wie viel die Eltern draufgepackt haben. Was besonders schwer wiegt und wie die Last abgeworfen werden kann, fragte die WIENERIN Psychologin Ursula Nuber.

Wie groß ist die Macht der Kindheit auf unser Erwachsenendasein denn nun tatsächlich?
Enorm. Psychologische Untersuchungen haben gezeigt: Die ersten drei Lebensjahre sind die Grundlage für seelische Stabilität und körperliche Gesundheit. Deshalb ist es entscheidend, was und wer uns in dieser Zeit begegnet.

Und dabei reichen die Erinnerungen meist nur bis zum vierten Geburtstag zurück ...
Auf alles, was davor liegt, können wir nicht willentlich zugreifen, abgespeichert ist es in unserem Körpergedächtnis trotzdem. Und gerade dieses Unbewusste steuert das Verhalten massiv. Ein Beispiel: Ein Mädchen, das in den ersten Lebensjahren oft allein gelassen wurde, kann sich später nicht mehr daran erinnern. Und sich als erwachsene Frau auch nicht erklären, warum sie so verzweifelt ist, wenn der Partner auf Dienstreise fährt. Ihre Seele kennt aber diese Einsamkeit und die Angst davor, verlassen zu werden.

Ist es richtig, dass die Weichen für späteres Glück oder Unglück auch schon vor der Geburt gestellt werden?
Die pränatale Psychologie hat eindrucksvolle Studien vorgelegt, die das bestätigen. Kinder die ungewollt sind, haben einen schwierigen Start und oft auch Lebensverlauf. Weil sie den Stress der Eltern bereits im Mutterleib mitbekommen haben. Eine schwere Geburt kann ebenfalls ein Trauma auslösen, das dauerhaft Probleme verursacht.

Ist die Zugfahrt ins Verderben damit unaufhaltsam in Gang gesetzt?
Nicht zwangsläufig. Kursänderungen sind in jedem Lebensalter möglich. Wenn zum Beispiel das Baby nach der Geburt in ein Nest aus Geborgenheit fällt, können die frühen Erlebnisse abgemildert werden. Bleibt das Kind ungewollt oder wird es von einer Hand in die andere gegeben, potenziert sich das. Wie ein Schneeball, der einen Berg hinunterrollt, mehr und mehr Schnee aufnimmt und immer größer wird.

Sie haben Geborgenheit angesprochen. Ist diese das Maß aller Dinge für die gesunde Entwicklung eines Kindes?
Ja, und die Message der Eltern: „Du bist richtig, so wie du bist." Kinder, die sich verbiegen müssen und lernen, dass sie nur geliebt werden, wenn sie sich so verhalten, wie Mama und Papa das wollen, laufen Gefahr, ein sogenanntes „falsches Selbst" zu entwickeln und auch später immer so zu agieren, wie andere es erwarten.

Welche Fehler machen Eltern häufig?
Gerade die, die alles richtig machen wollen, verwöhnen oder behüten ihren Nachwuchs zu sehr. Auch ein Übermaß an grundlosem Lob oder ein Zuviel an Förderung von Talenten und oftmals auch Nicht-Talenten schadet. Manche Paare setzen ihren Erfolg als Eltern mit dem Erfolg des Kindes gleich und drücken ihm einen Terminkalender auf, der dem eines Managers gleicht. Das kann nur schiefgehen.

Was sind mögliche Konsequenzen?
Die Folgen können gravierend sein. Wenn Kinder etwa mit ihren Nöten allein gelassen werden, entgeht ihnen die Chance, Vertrauen zu lernen. Sie ziehen sich in sich selbst zurück. Daraus entwickelt sich ein Misstrauen, das bis ins Erwachsenenalter bestehen bleibt. Aus der Überzeugung heraus: „Ich werde sowieso enttäuscht."

Gibt es einen Zusammenhang zwischen glückloser Kindheit und dem Auftreten von psychischen Störungen?
Auf jeden Fall. Die meisten psychosomatischen Probleme sind darauf zurückzuführen. Aber auch Depressionen, die genetisch verankert sind, kommen nur zum Tragen, wenn bestimmte Kindheitserfahrungen dazukommen und / oder in weiterer Folge Stresssituationen. Auch zu Angsterkrankungen gibt es eine direkte Verbindung. Wer als Kind Ängste ausstehen musste, wird sie oft auch später nicht los.

Ganz schön viel Verantwortung, die auf den Eltern lastet. Kann die auf weitere Schultern verteilt werden?
Der positive Umgang mit Gleichaltrigen hilft, Selbstvertrauen aufzubauen. Und Großeltern, eine Tante oder Nachbarin, die sich liebevoll kümmern, können Fehler der Eltern ausgleichen.

Einmal angenommen, unsere Erzieher haben vieles richtig gemacht - warum tragen wir dann trotzdem einen Rucksack aus Kindheitstagen mit uns herum?
Weil auch die besten Eltern nur Menschen sind und Fehler machen. Und wir wiederholen sie unbewusst, indem wir etwa auf Kritik vom Chef mit Rückzug reagieren statt uns zu rechtfertigen, oder in Liebesbeziehungen Verhaltensweisen an uns sehen, die uns nicht gefallen. Da wirken alte Erfahrungen, nicht selten Beziehungsmuster, die die Eltern vorgelebt haben, und die uns später ein Bein stellen.

Was läuft da für ein Programm ab?
Wir rutschen in ein Kind-Ich, verhalten uns wie 4-Jährige, ohne dass wir es merken. Mein Rat: Egal, welche Kindheitsbelastung wir mit uns herumschleppen, wir sollten uns klarmachen: Damals haben wir uns als Kind verhalten, weil wir eines waren. Heute sind wir erwachsen und haben andere Mittel zur Hand. Auch solche, um uns von diesem alten Ballast zu befreien.

Welche Mittel können das sein?
Reflexion lautet das Zauberwort. Indem wir in unsere Vergangenheit schauen und die Wurzeln für solche Muster ausfindig machen. Gut ist auch, in sich hineinzuhören und innere Selbstgespräche zu registrieren. Viele tragen Glaubenssätze aus Kindheitstagen mit sich herum, die sie immer wieder rezitieren. Denn wenn uns früher oft gesagt wurde: ,Du bist ein Tollpatsch! Dir gelingt doch nichts!‘, kann das als selbsterfüllende Prophezeiung bis ins Erwachsenenleben hinein wirken. Einmal erkannt, kann die Endlosschleife aber gestoppt werden.

Können wir unsere Biografie auch neu auflegen?
Ja, indem wir uns fragen: War meine Kindheit denn wirklich nur schlecht? Dinge, die einst belastend waren, haben vielleicht Stärken in uns entstehen lassen. Wenn eine Tochter dazu gedrillt wurde, die Bedürfnisse der Mutter zu erfüllen, hat sie sicher ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen entwickelt. Das war als Kind völlig schädlich, aber später kann sie dadurch vielleicht in einem Beruf erfolgreich sein, wo ihre gerade diese Sensibilität zugute kommt.

Warum tun sich dennoch viele so schwer, sich mit ihrer Kindheit auszusöhnen?
Weil sie in der Opferrolle verharren, glauben, wenn sie nur eine andere Kindheit gehabt hätten, wäre alles besser. Sie suchen die Schuld für ihr Versagen bei den Eltern. Ich kann dazu nur sagen: Ab einem gewissen Zeitpunkt liegt es bei uns, was wir aus unserem Leben machen. Das ist nicht einfach, aber man kann es schaff en. Oft hilft es auch, sich mit der Geschichte von Vater und Mutter auseinanderzusetzen, sich zu fragen: Welche Kindheit hatten sie? Was haben sie erlebt, als sie klein waren? Nicht, um sie aus der Verantwortung ihrer Elternschaft von damals zu entlassen, aber aus jener von heute. So kann man Frieden schließen.

Was kann die eigene Elternschaft bringen?
Manche werden in eine Krise gestürzt. Bei anderen kommt es zu einer Wiederholung: Eine Frau, die von ihrer Mutter abgelehnt wurde, lehnt ihr Kind oft ebenfalls ab. Aber es gibt genauso Fälle, und die sind häufiger, in denen Verständnis für die Eltern entwickelt wird. Etwa dafür, dass die Mutter auch mal müde oder ungeduldig war. Da passiert nicht selten eine Annäherung zwischen den Generationen.

Gibt es ein Ablaufdatum, fürs Kind-sein-Dürfen? Kann man sich mit 20 noch auf seine Erziehung rausreden, muss aber mit 30 selbst Verantwortung übernehmen?
Das kann man so nicht sagen. Nicht selten beginnen gerade ältere Menschen damit, sich mit ihrer Jugend zu beschäftigen und erkennen erstmals, wie sehr ihr Leben fremdbestimmt wurde. Prinzipiell ist es nie zu spät. Aber je früher wir uns mit unserer Biografie auseinandersetzen, umso größer ist die Chance, das eigene Leben leben zu können, und nicht ein von der Kindheit gesteuertes.

Der Ratgeber.
Lass die Kindheit hinter dir! Das Leben endlich selbst gestalten.
Autorin: Ursula Nuber.
Campus Verlag. € 20,50.

Der Bestseller.
Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben.
Autor: Ben Furman.
Verlag: Borgmann publishing. € 15,80.

Der Begleiter.
Der Weg zum Ich: Wie ich wurde, der ich bin.
Autor: Mathias Jung.
Erschienen im Emu-Verlag. € 17,30.

 

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