Weißt du eigentlich, was Sexorzismus ist?

Ganz klar: Wenn man den Geist seines Ex-Lovers durch teuflisch guten Sex austreibt. Wie das klappt, und falls ja, mit wem, verraten wir in dieser Anleitung zur erotischen Selbstbefreiung.

Willkommen in der Welt des Schmerzes. Eine Trennung ist nie sonderlich erbaulich, ganz egal, ob man verlässt oder verlassen worden ist. Seelentröster wie Schokolade, neue Schuhe oder die Schulter der besten Freundin helfen zwar in der größten Not, aber manche Bilder bleiben wie Kaugummi auf der Seele kleben: der erste Kuss, ein romantischer Urlaub ... und über der Kollage des Grauens hängt die ewige Frage: Was ist bloß schief gelaufen?

Unser Tipp: Grübeln Sie. Aber nicht zu lange. Und putzen Sie sich die Reste vom Ex vom Gemüt. Am besten express, durch guten Sex und heiße Flirts. Das macht zwar nicht alles wieder gut. Aber es befördert Sie auf die Abschussrampe in ein neues Leben. Wir verraten, wie Sexorzismus zum Vergnügen wird.

Anleitung zur erotischen Selbstbefreiung

1. Die richtige Einstellung

Sex? Igitt! Schon allein der Gedanke nach Intimität knapp nach einer Trennung lässt uns erschauern. Noch ist es zu früh, sich auf neue Abenteuer einzulassen: Wir sind zu verletzbar. Die Seele verdaut nun mal langsamer als der Körper und muss dem in der Trennungsphase Erlebten und Gesagten nachkommen. Und dann? Heißt es den eigenen Status quo überprüfen: "Sexorzismus ist erst dann gesund und praktikabel, wenn ich mich vom Ex so weit gelöst habe, dass ich akzeptiere, dass die Beziehung aus und vorbei ist", weiß Sexualtherapeut Dieter Schmutzer: "Und nicht, wenn ich noch unter gewissen Umständen der Zweisamkeit eine erneute Chance geben würde. Man muss sagen können: Wir sind getrennt. Nicht: Wir sind getrennt, aber ..."

Step 2: Die Bedürfnisse klären. Was wollen Sie erreichen? Ein Bedürfnis nach Nähe und Vertrautheit mit Sex zu kompensieren, ist der falsche Weg. Sexorzisten sind meistens Eintagsfliegen, und wenn nicht, so ist ihre Haltbarkeit doch stark limitiert.

Ebenfalls übel: den Sex als Betäubungsmittel zu nutzen. "Eines muss man sich klar machen: Sex mit dem Neuen hilft nie über den Ex hinwegzukommen oder ihn ganz und gar zu vergessen. Das muss man schon selber. Er kann aber die Zeit der Trauerarbeit verkürzen", meint Schmutzer. Und das auf recht vergnügliche Weise, meinen wir. Es gilt also: Ablenken - ja, bitte, sich sedieren - nein, danke. Wann Sie loslegen können? Wenn Sie akzeptiert haben, was es ist: Sex. Mehr nicht. Der kann helfen, sich wieder begehrt und weiblich zu fühlen. Und nicht als verheultes Nervenbündel ohne Libido.

Step 3: Sich treu bleiben. Sie haben Lust? Auf Sex? Ganz ehrlich? Oder treibt Sie nur der Rat der besten Freundin, die darauf schwört, ein neuer Mann sei das beste Mittel gegen Liebeskummer, aus dem Schneckenhaus? Wer sich auf die Suche nach dem geeigneten Sexorzisten begibt, muss das auch ausstrahlen. Und wirklich wollen. Im Bewusstsein, dass draußen auf der freien Wildbahn viele darauf warten, sich in Hoffnung auf eine schnelle Nummer in Ihrer Bluse zu verkriechen. Aber die wollen Sie doch nicht. Sie wollen ihn:

2. Der richtige Mann

... ist nicht die neue, verbesserte Variante ihres Ex. Frei nach dem Motto "Jetzt angle ich mir einen Modeltyp, der auch noch kochen und Computer programmieren kann". Wer so sucht, will eine neue Beziehung und keine heiße Liaison. Der adäquate Mann für Sexorzismus ist der, von dem sie kein konkretes Bild haben. Je verschwommener Ihre Vorstellung, desto besser. Klar gibt's gewisse Grundregeln: Er muss optisch gefallen und sollte Ihnen intellektuell nicht unbedingt unterlegen sein. Sex beginnt ja schließlich zwischen den Ohren. Aber je weniger Erwartungen Sie haben, desto leichter finden Sie das, was Sie brauchen - und desto weniger tut es weh, falls es doch nicht klappt.

Die magische Formel für guten Sexorzismus lautet: Überlisten Sie sich selbst. Vergessen Sie Ihr typisches Beuteschema. Wenn Sie in bisherigen Beziehungen die "Retterin" waren, dann suchen sie für Sexorzismus bewusst einen Mann, der nicht nach Rettung schreit. Dann schon lieber das krasse Gegenteil, einen dominanten Machotyp etwa. Schmutzer dazu: "So kommt man nicht in Versuchung, den Neuen mit dem Ex-Lover zu vergleichen und unbewusst nach einer neuer Beziehung mit ihm zu suchen."

3. Das richtige Jagdrevier

Es gibt nur eine Regel. Und die lautet: weg. Je weiter, desto besser: "Die beste Ausgangslage für Sexorzismus ist immer noch ein Urlaub", so Schmutzer. Denn: Je weniger die Umgebung über Sie preisgibt, desto ungehemmter l(i)eben und experimentieren Sie - und desto erfolgreicher wird der Ex auf Teufel komm raus ausgetrieben. Es muss ja nicht gleich das Malediven-Vollprogramm sein. Ein günstiger Städtetrip tut's auch: neue Umgebung, neues Ich, inklusive jeder Menge Experimente - zumindest für kurze Zeit.

Zu Hause geblieben? Im Freundeskreis oder in Ihrer Lieblingsbar zu wildern, empfiehlt sich nicht. Es geht um Sex, um mehr (vorerst) nicht - schon vergessen? Und erfahrungsgemäß reißt sich männliche Beute leichter, wenn nicht die verbissene Kollegin oder gar der beste Kumpel des Ex um die Ecke biegt. Erweitern Sie also Ihren Flirt-Radius. Testen Sie neue Bars und Restaurants. Nehmen Sie jede Einladung an, die da kommt. Und schließen Sie Internet-Kontaktbörsen nicht im Vorhinein aus.

Wenn Sie sich dann reif fürs Flirten fühlen, schleppen Sie Ihre beste Freundin mit. Als Ego-Booster und zwecks Selbstschutz: "Niemand erwartet, dass Sie alleine losziehen", beruhigt Sexualtherapeut Schmutzer: "Das Ganze ist neues Terrain. Da ist es klar, dass man verkrampft und nervös ist."

4. Der richtige Sex

Muss sich gut anfühlen. Sonst bringt es ja nichts. Außer einem schalen Nachgeschmack und der Frage: "War das wirklich nötig?" Doch die Qualität der heißen Nummer hängt nicht nur von seiner Erfahrung ab, sondern auch von Ihnen. Das Geheimnis lautet: Schrauben Sie Ihre Erwartungen herunter - und der Sex wird besser. Denn: "Beim Sexorzismus geht es vorrangig um das Körperliche", weiß Schmutzer: "Deshalb erwarten wir Sex, der uns vom Hocker reißt, wir erhoffen uns eine noch nie dagewesene Erfahrung." Bloß: Daraus wird meist leider nichts. Sex mit einem Neuen ist zwar immer aufregender als mit dem Ex, aber eben auch oft holprig. Also: Je diffuser Ihre Vorstellungen sind, desto eher gehen Sie mit einem Strahlen aus der Sache.

Die gute Nachricht: Sexorzismus eignet sich bestens, um zu experimentieren. Mal härter angefasst zu werden, kann durchaus reizvoll sein. Genauso wie Stellungen, die über die klassische "Missionierung" hinausgehen. Spielen Sie mit Rollen: Geben Sie den Vamp oder das schüchterne Mädchen, auch wenn Sie das vielleicht nicht sind - und holen Sie sich so den zusätzlichen Kick.

Den Kerl aber zu sich nach Hause zu holen - oder zu ihm nach Hause zu gehen - ist nicht ratsam. "Mit der eigenen Wohnung gibt man zu viel von sich preis", warnt Schmutzer. "Sexorzismus kann nur funktionieren, wenn das Ganze nicht auf Beziehung und weiteres Kennenlernen angelegt ist. Je neutraler der Ort und je geheimnisvoller man selbst ist, desto besser." Also ab ins Hotel. Ins Auto. In die freie Natur. Und dort heißt es: Liebe machen und nicht beichten. Verkneifen Sie sich, über Ihre Kindheit, Ihre Ängste oder das, was mit anderen Männern schief gelaufen ist, zu reden. "Bleiben Sie an der Oberfläche, verraten Sie sehr wenig Details über sich", rät Schmutzer. So entfällt der Erwartungsdruck. Und hoffen Sie nicht doch insgeheim, dass er mit einem Blumenstrauß vor Ihrer Wohnung ("Er könnte sich ja die Adresse gemerkt haben, das Schwein.") oder in Ihrer Lieblingskneipe aufkreuzt, um Sie wiederzusehen.

Fazit: Behalten Sie die Oberhand. Über sich selbst. Und ihn. Auch bei der Frage nach der Telefonnummer: Holen Sie sich seine. Oder besser seine E-Mail-Adresse. Ist unverfänglicher.

5. Das Danach ...

Es gibt kein Danach. Okay, es gibt vielleicht mehr als nur einmal Sex. Mehrere Treffen. Eine Affäre. Aber keine Beziehung. Nur den schnellen Kick, der die Trauerphase verkürzt. Um sich wieder als Frau zu fühlen. Um Spaß zu haben. Beziehungsmaterial sind solche Männer nicht. Was aber, wenn Sie danach doch alles rosarot sehen und glauben, verliebt zu sein? Dann warten Sie einfach. Zwei, drei Tage. Melden Sie sich vorher nicht bei ihm. Wahrscheinlich verraucht das Gefühl von selbst. "Wir neigen dazu, Verliebtsein mit der Lust auf Nähe zu verwechseln", so Schmutzer. "Wer miteinander im Bett herumkugelt, gibt Nähe. Das vermissen frisch Getrennte am meisten."

Und wenn doch mehr dran ist? Haben Sie sich ja seine E-Mail-Adresse (siehe Punkt 4) geben lassen. Und der Rest? Steht nicht hier. Den schreiben Sie. Und das Leben.

Dieser Text erschien zuerst in der WIENERIN Nr. 180/04 vom 27.08.2004.

 

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