Weinstein-Skandal: Der Stand der Dinge

Vor über zwei Jahren kamen erste Vorwürfe sexuellen Missbrauchs gegen den Studioboss auf. Diese Woche hat der Strafprozess gegen Weinstein endlich begonnen.

Harvey Weinstein vor dem Strafgericht in Manhattan

"Justice for Survivors!“ fordern Protestierende, die sich Montagmorgen vor dem Strafgericht in Manhattan zum Prozessbeginn gegen US-Filmproduzent Harvey Weinstein versammelt haben. Rund zwei Jahre nach Aufkommen der ersten Anschuldigungen gegen Weinstein und dem Entstehen des weltumspannenden #metoo-Movements, muss sich der 67-Jährige nun vor Gericht verantworten.

Was bisher geschah

Ein kurzer Rückblick: Nachdem im Oktober 2017 der erste Enthüllungstext der zwei US-Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey über Weinsteins mutmaßliche Sexualverbrechen in den New York Times erschienen war, meldeten sich mehr als 80 (!) Frauen aus der Filmbranche (darunter Hollywoodgrößen wie Rose McGowan oder Gwyneth Paltrow) und gaben an, ebenfalls von Weinstein belästigt oder missbraucht worden zu sein. Nachdem die Vorwürfe bekannt wurden, entließ ihn seine Produktionsfirma, auch aus der Academy of Motion Picture Arts and Sciences (die jährlich die Oscars verleiht) wurde er ausgeschlossen. Weinstein bestreitet, jemals nicht einvernehmlichen Sex gehabt zu haben.

Im Zuge der Veröffentlichungen teilten etliche Frauen auf der ganzen Welt unter dem Hashtag #metoo ihre Erlebnisse mit sexueller Übergriffigkeit. Das Ausmaß sexueller Belästigung und Übergriffe gegenüber Frauen rückte weltweit in den Fokus der Aufmerksamkeit.

Urteil frühestens in sechs Wochen

Während der ehemalige Studioboss mutmaßlich dutzende Frauen belästigt hat, beschränkt sich der nun laufende Prozess lediglich auf zwei Fälle: Den einer ehemaligen Produktionsassistentin Weinsteins, die den US-Produzenten beschuldigt, er hätte ohne ihr Einverständnis Oralverkehr an ihr verübt. Die zweite Anklägerin wirft Weinstein vor, er hätte sie in einem Hotelzimmer vergewaltigt. Weitere Frauen werden Aussagen machen, um dabei zu helfen, ein Muster erkennbar werden zu lassen. Dem Angeklagten droht eine lebenslange Haftstrafe.

Weinstein plädiert auf "nicht schuldig“ und weist alle Vorwürfe zurück. Ob es letztendlich zu einer Verurteilung kommt, ist derzeit völlig offen. Laut Expert*innen müsse sich die Anklage darauf konzentrieren, zu zeigen, dass die Vorfälle tatsächlich so passiert sind, wenngleich Erinnerungen verschwommen sein können. Auch gilt es zu erklären, warum die Frauen nicht eher mit ihren Vorwürfen an die Öffentlichkeit gegangen sind.

Voraussichtlich wird der Prozess sechs bis acht Wochen andauern. Momentan ist man mit der Auswahl der Geschworenen beschäftigt, was alleine bis zu zwei Wochen brauchen kann. Kein leichtes Unterfangen, schließlich ist es letzten Endes die Jury, die über Schuld oder Unschuld Weinsteins entscheidet.

Mitleidsmasche

Kritiker*innen werfen Weinstein vor, der am Montag auf eine Gehhilfe gestützt im Gericht erschien (angeblich habe sich der Filmproduzent vor kurzem einer Rücken-OP unterzogen), Mitleid heischen zu wollen.

Ganz aus der Luft gegriffen ist der Vorwurf vielleicht nicht, versuchte der ehemals gefeierte Filmmogul erst im Dezember (wenn auch mit anderen Mitteln), seinen Ruf aufzupäppeln und sich als Pionier der Frauenförderung darzustellen: "Ich habe mehr Filme von und über Frauen produziert als jeder andere Filmemacher“, erklärte er gegenüber der New York Post und beschwert sich, dass seine Arbeit in Vergessenheit geraten wäre. Ob ihm all das im Gerichtsprozess von Vorteil sein wird, ist fraglich.

Weitere Anklagen in L.A.

Kurz nachdem der Prozess in New York angelaufen ist, wird Weinstein nun auch in Kalifornien wegen mutmaßlicher Sexualverbrechen formal beschuldigt. So teilt die Staatsanwaltschaft in Los Angeles mit, dass man in zwei Fällen Anklage aufgrund sexueller Nötigung erhebt. Weinstein wird beschuldigt, am 18. Februar 2013 in das Hotelzimmer einer Frau eingedrungen zu sein und sie vergewaltigt zu haben. Am folgenden Abend habe er eine weitere Frau in einer Hotelsuite in Beverly Hills sexuell angegriffen.

Prozess-Urteil: Enttäuschung oder Genugtuung?

Natürlich geht es bei dem Prozess um Gerechtigkeit für die Frauen, die Weinstein (mutmaßlich) belästigt hat. Allerdings geht es um noch viel mehr. Zwar wurden im Laufe der #metoo-Bewegung bereits einige in der Öffentlichkeit stehende, mächtige Männer zu Fall gebracht (Louis C.K., Kevin Spacey,...), für viele galt allerdings gerade Weinstein als das Vorzeige-Beispiel männlichen Machtmissbrauchs. Das abzuwartende Urteil wird also in jedem Fall heftige Reaktionen auslösen und entweder für Enttäuschung oder Genugtuung bei von sexualisierter Gewalt betroffenen Menschen weltweit sorgen.

 

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