Weg mit der Selbstoptimierung und her mit dem Leben

Alle machen Yoga, alle essen clean und niemand ist glücklich: warum wir uns gegen den Selbstoptimierungswahn wehren sollten und was es mit uns macht, ständig besser, schöner und perfekter sein zu wollen.

Kein Tag vergeht, ohne dass wir auf Instagram die schöneren, besseren und tolleren Menschen in den Feed gespült bekommen. Von perfekten Lippen, perfekten Reisen, perfekten Kissenüberzügen. Und wir uns ständig fragen: warum hat die so ein gutes Leben, so einen perfekten Körper und so eine schöne Wohnung? Hinzu kommen Anleitungen, wie wir clean essen sollen, welches Training uns zur perfekten Bikinifigur verhilft und welche Foundation unsere Poren verschwinden lässt. Wer sich dem Diktat nicht anpasst, wird zumindest schief angesehen. Wer sich anpasst, erhält Anerkennung. Diese Welt der immer gleichen, genormten Schönheitsideale macht uns aber vor allem eins: kaputt, unpolitisch, gestresst.

Denn in diese Welt passen sie nicht hinein, die "Versagerinnen". Und was Versagen bedeutet, weiß jene Gesellschaft, in der vermeintliche Freiheit groß geschrieben wird, am besten: es bedeutet, nicht konsumieren zu können, es bedeutet, keinen Job, keinen genormten Körper, keine reine Haut zu haben. Der Perfektionswahn führt sogar dazu, dass sich selbst Essstörungen zu einem erstrebenswerten Lifestyle inszenieren lassen. Denn diesem immensen Konkurrenzdruck können nicht alle standhalten. Am wenigsten junge Mädchen, die ihre Körper hassen.

Lebt wie ihr wollt – nur seid euch bewusst, was ihr damit anrichtet


Versteht mich nicht falsch: bewusste Ernährung ist wichtig – nicht nur für uns, sondern vor allem für unsere Umwelt. Massentierhaltung, Überproduktion und umweltverschmutzende Chemikalien sind halt keine Kleinigkeiten. Und daran sollten wir denken, bevor wir uns importiertes Billigfleisch kaufen. Das Bewusstsein über die eigenen Handlungen muss da sein. Egal ob wir uns gut ernähren, politisch aktiv sind oder das dreißigste Billigshirt in einem Monat kaufen.

Genauso müssen wir auch wissen, was wir damit anrichten, wenn wir diese perfekt inszenierte Welt auf Instagram weitertragen. Denn wer perfekte Fotos postet, erzeugt Druck. In einer Gesellschaft, in der Frauen ohnehin ständig unter Druck stehen. Die Vorstellungen, wie unser Leben auszusehen hat, wann wir Sex haben sollten, welche Kleidung wir tragen sollen – das alles wird bereits sehr früh in unsere Köpfe gepresst. Und geht dort leider auch nicht mehr so leicht weg. Und je intensiver wir uns damit beschäftigen, welchen Filter wir über unseren fancy Bikini packen, desto weniger interessieren wir uns dafür, was sich eine 14-Jährige denkt, die keinen "perfekten" Körper hat. „Je mehr wir uns mit unserem Aussehen beschäftigen, desto weniger setzen wir uns für unsere Rechte ein", sagt auch Body-Positivity-Aktivistin Michelle Serna. Und sie hat Recht.

Schließlich sollen wir uns irgendwann selbst lieben können


Und ja, Selfies können emanzipatorisch sein. Sie sagen der Welt: "Ich liebe mich selbst." Und das ist gut so. Doch ein wenig mehr Vielfalt innerhalb dieser Norm wäre wünschenswert. Und weil Plus-Size-Kampagnen diverser Modeunternehmen nicht genug sind, müssen wir in unserem Umfeld laut sein. Müssen wir damit aufhören, auf die Speckröllchen anderer zu zeigen, müssen uns Komplimente machen - dafür, dass wir ungeschminkt, geschminkt, groß, klein, dünn, dick und einfach wir sind. Solidarität ist die einzige Gegenbewegung, die gegen diesen Wahnsinn hilft.

In einer Welt, in der uns ständig eingeredet wird, kontrolliert, hübsch und brav zu sein, ist es ein Akt der Rebellion, es nicht zu sein.

Doch auch die Instagram- und Fitness-BloggerInnenwelt hat erkannt, dass sich immer mehr Frauen gegen den Selbstoptimierungswahn wehren. So wird gerade "Retox" zum neuen Modebegriff - eine Philosophie, die besagt, dass wer genug Sport macht, sich auch etwas gönnen darf. "Vor der Happy Hour eine Yogastunde einlegen oder nüchtern raven gehen“ – so die Britin Toni Lauren auf ihrem Blog „Detox Retox“. Der Gedanke dahinter: ein ausgewogenes Leben ist besser als ein striktes Diktat. Wir sollten mehr auf unsere Intuition hören und uns weniger vorschreiben lassen.

Wir haben unser Leben nicht unter Kontrolle – und das ist gut so


Entgegen der "Retox"-Philosophie können wir aber auch einfach: nicht ausgewogen leben. Keinen Sport machen. Und so viel saufen, wie wir wollen. Wenn wir das wollen. Schließlich können wir mit unseren Körpern machen, was wir möchten. Und wenn das bedeutet, dass wir uns ein Glas zu viel Wein gönnen, bis in die Früh durchfeiern, um uns dann eine fettige Pizza hineinzustopfen, dann soll das so sein. Solange es uns glücklich macht.

Denn in einer Welt, in der uns ständig eingeredet wird, kontrolliert, hübsch und brav zu sein, ist es ein Akt der Rebellion, es nicht zu sein. Wir können faul, frei und fett sein, wenn wir wollen. Und wir können uns selbst lieben. Auch wenn uns die Welt da draußen sagt, dass wir nicht in ihr Konzept der Perfektion und konstruierten Normalität hineinpassen. Denn am Ende des Tages sind wir einfach viel glücklicher, wenn uns Green Smoothies, Instagram-Filter & Co. einfach: wurscht sind.

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