Weg mit dem Perfektionismus! Warum wir im Chaos glücklicher sind

Es gibt Dinge, bei denen wir nach dem Maximum streben müssen. Weil wir sonst uns oder andere gefährden würden. Doch in 98 Prozent der Fälle reicht auch schon die halbe Anstrengung, sagt Psychologin Irene Becker.

"Die Krankheit unserer Zeit ist der Perfektionismus", hat der ehemalige deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer einmal gesagt. Das war Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Im Vergleich dazu könnte man heute wohl von einer grassierenden Seuche sprechen. Wir haben uns mit der Autorin Irene Becker über die Ursachen, Folgen und Entwicklungen einer Epidemie unterhalten.

Perfektionismus - was ist das eigentlich?

IRENE BECKER: Es ist das Streben nach dem Idealen, nach etwas Unerreichbarem. Nach dem verzweifelten Kampf um einen im Vorhinein schon verlorenen Posten.

Wo liegt denn die Grenze zwischen gesundem Ehrgeiz und krankhaftem Perfektionismus?

Jeder von uns möchte einem Ideal nahekommen und die Dinge, die er tut, sehr gut machen. Die meisten können sich damit abfinden, dass nicht immer alles zu 100 Prozent hinhaut. Menschen, die den Perfektionismus übertreiben, können sich mit 98 Prozent nicht zufriedengeben. Sie versuchen dann mit allen Mitteln, doch noch das Maximum zu erreichen. Dieser überzogene Perfektionismus kann im schlimmsten Fall zum Zwang, zur Sucht werden.

Gibt es Zahlen, wie viele Menschen an Perfektionszwang leiden?

Nein. Wenn jemand professionelle Hilfe sucht, dann sind meist schon andere Probleme dazugekommen, wie eine depressive Störung oder eine Magersucht, die in der Behandlung im Vordergrund stehen. Aber Experten gehen davon aus, dass immer mehr Menschen davon betroffen sind.

Wann ist es an der Zeit, sich professionelle Hilfe zu holen?

Wenn es einem mit seinen überzogenen Erwartungen auf Dauer nicht gutgeht. Wenn jemand immer unzufrieden ist, weil er sein angestrebtes Ziel nie erreicht.

Gehört zu einem Perfektionisten dazu, dass er in allen Dingen nach dem Limit strebt?

Nein, Perfektionismus ist meist nur partiell. Sehr viele Menschen haben im heute herrschenden Arbeitsmarktdruck einen Perfektionismus im Beruf entwickelt. Sonst zeigen sie keine Anzeichen davon. Oder jemand strebt nach der perfekten Figur, aber ob der Küchenboden blitzblank strahlt, ist völlig wurscht. Gerade beim Thema Figur ist es gefährlich, übertrieben perfektionistisch zu sein. Die Ursachen für Essstörungen liegen oft in einem übertriebenen Schlankheitsideal.

Woher kommt denn der Perfektionismus - ist er angeboren oder anerzogen?

Sowohl als auch. Die Disposition ist angeboren, jeder von uns trägt einen gewissen Anteil an Perfektionismus in sich. Aber wie stark er zum Tragen kommt, hängt von der Erziehung ab und von den Erfahrungen in der Kindheit und Jugend.

Könnte man sagen: Je strenger die Erziehung, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass ein Perfektionist herangezogen wird?

Ja. Wobei ich nicht sagen würde, je strenger, sondern je leistungsorientierter.

Apropos Erziehung: Wie sieht perfektionistische Kindererziehung aus?

Da gibt es zwei Ausrichtungen: Perfektionismus in der Mutter- bzw. Vaterrolle oder das Streben nach dem perfekten Kind. Im ersten Fall plagen sich die Eltern selber, vor allem wenn sie berufstätig sind. Wollen sie beides super hinkriegen, geraten sie in Stress und haben zu wenig Zeit für die wichtigen Dinge im Umgang mit Kindern: Aufmerksamkeit und Liebe. Die andere Möglichkeit ist, dass sich der Perfektionismus auf die Kinder bezieht. Dann ist es für die armen Kleinen anstrengend. Wenn sie immer die Botschaft bekommen: Du musst besser werden! Und Fragen gestellt bekommen wie: Warum bist du nicht Klassenbeste? Dann glauben sie, so wie ich bin, bin ich nicht in Ordnung. Ich muss besser werden, um geliebt zu werden. Wenn Zuneigung nur über Leistung geht, verhindert das die Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins.

Und das führt letztlich wohin?

Die meisten machen sich später als Erwachsene kleiner, als sie sind, können andererseits nur schlecht mit Kritik umgehen. Oft fällt es ihnen schwer, gleichberechtigte Partnerschaften einzugehen, weil sie sich von der Meinung des anderen abhängig machen und sich ständig fragen: Bin ich auch gut genug?

Was sind Wege aus der Perfektionismusfalle?

Zuerst sollten sie sich über die Prioritäten in ihrem Leben klarwerden. Ich rate Perfektionisten dazu, schmutziges Geschirr einfach mal stehen zu lassen. Sie sehen, dass davon die Welt nicht untergeht. Für manche eine neue Erfahrung. Dann sollten sie ihre überzogenen Maßstäbe auf ein realistisches Maß runterschrauben. Was auch sehr gut hilft: den Blickwinkel wechseln. Betroffene sollten sich vorstellen, jemand anderer erledige ihre Aufgabe. Was würden sie dann erwarten? Denn: Perfektionistische Ansprüche sind meist nur an sich selbst gestellt.

Was können Angehörige tun?

Wichtig ist es, ein Gespräch über das Problem zu führen - wie empfindet der Außenstehende den Zwang? Perfektionisten ist oft nicht klar, dass ihr Tun andere Menschen stört und beeinträchtigt. Zudem sollte Perfektionisten signalisiert werden: Ich liebe dich so, wie du bist. Du musst keine Leistung dafür erbringen.

Gibt es auch Vorteile daran, perfektionistisch zu sein?

Selbstverständlich. Perfektionistische Menschen sind in der Arbeitswelt beliebt und meist sehr erfolgreich. Sie sind gründlich, zuverlässig und zielorientiert. Perfektionisten werfen die Flinte nicht so schnell ins Korn, auch wenn etwas einmal nicht so gut läuft. In manchen Bereichen, wie beim Leistungssport, kommt man ohne einen Hang zum Perfektionismus vermutlich nie ganz nach oben aufs Stockerl.

Gibt es weitere Fälle, in denen Perfektionismus gefordert ist?

Ein Chirurg sollte auf jeden Fall nach Perfektion streben und nicht sagen: 70 Prozent zugenäht reichen schon. Auch ein Ingenieur sollte sich nicht damit zufrieden geben, dass die Bremse in 85 Prozent der Fälle funktioniert.

Ihr Buch trägt den Titel "Lieber schlampig glücklich als ordentlich gestresst". Sind schlampige Menschen wirklich glücklicher?

Im Gegensatz zu ordentlich Gestressten haben Schlampige sicher eine höhere Lebensqualität. Ich glaube, wenn man in der Lage ist, flexibel, je nach Situation und Kontext, auch mal fünf gerade sein zu lassen, ist man glücklicher.

Mit anderen Worten, auch Schlampinen sind liebenswert ...

Ja, wenn nicht sogar eine Spur liebenswerter. Vermeintlich perfekte Menschen, bei denen immer jedes Haar an der richtigen Stelle sitzt, sind einem unheimlich und auch ein bisschen unsympathisch. Dazu kommt, dass man dadurch seine eigenen Unzulänglichkeiten noch deutlicher vor Augen geführt bekommt. Und wer will schon sehen, dass er selbst nicht perfekt ist?

Lieber schlampig glücklich als ordentlich gestresst – Wege aus der Perfektionismusfalle.
Campus Verlag
 

Aktuell