Weekend auf Usedom

Ja, gerne. Wie wäre es also mal mit der Insel USEDOM an der Ostsee? Denn wer schnell an den Strand möchte, muss nicht immer nur nach Bella Italia fahren. Die „Badewanne Berlins“ hat ebenso kilometerlange Sandstrände – nur sind die eben nicht so überfüllt.

Ehrlich, ich finde, meine Freundin M. ist selbst schuld. Denn immer wenn ein verlängertes Wochenende ansteht und sie ans Meer will, fährt sie nach Italien, an den immer gleichen Strand - und dann beschwert sie sich. Kein Wunder, dort liegt man wie eine Ölsardine aufgefädelt Liegestuhl an Liegestuhl und die Lokale in dem Ort lassen auch zu wünschen übrig.

Ich habe ihr schon öfter erklärt, dass sie mal ein bisschen „nördlicher" denken soll. Okay, eigentlich ein bisschen „nordöstlicher", denn die wunderschöne Insel Usedomliegt im deutschen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern an der Ostsee, zirka drei Stunden von Berlin entfernt.

Sonneninsel mit Ostseecharme

Während sich M. also in Italien geärgert hat, hatte ich weiter nördlich 42 Kilometer Sandstrand (fast) für mich. Und jede Menge Sonnenschein (bei M. war's bewölkt). Meteorologen haben nämlich ausgerechnet, dass Usedom die sonnenreichste Ferienregion Deutschlands ist mit 1.906 Sonnenstunden im Jahresdurchschnitt.

Tja, und dann gibt es auf Usedom auch die längste Strandpromenade Europas mit 13 Kilometern Länge. Die lässt sich perfekt mit dem Rad erkunden, weil es immer nur flach entlanggeht. Auch wenn man leider nicht immer Rückenwind hat. Von Bansin geht es nach Heringsdorf und Ahlbeck, wo man die alten Seebäder der Belle Epoque bewundern kann und weiter bis nach Swinemünde, was bereits zu Polen gehört.

Während zu DDR-Zeiten hier der Grenzschutz patrouillierte, fährt man heute mit dem Rad gemütlich über die Grenze. Passkontrolle gibt's keine. Aber weil ich weder billige Zigaretten vom Polenmarkt brauche, noch Bernsteinketten kaufen möchte, radle ich bald wieder zurück. Bernstein ist übrigens das „Gold des Nordens". An der Ostseeküste kann man mit ein bisschen Glück sogar selbst am Strand Bernstein sammeln, weil es hier vom Meer angespült wird.

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Usedom
Strandhotel Ostseeblick
Anreise: Vom 2. Juni bis 29. September gibt es erstmals Direktflüge ab Wien nach Usedom. OLT Jetair fliegt jeweils samstags direkt nach Heringsdorf. Flüge gibt’s um € 399. Buchungsinfos: www.ruefa.at.

Unterkunft: Direkt am Strand und der Seepromenade in Heringsdorf gelegen ist das „Strandhotel Ostseeblick“. Im Juni gibt’s Standardzimmer ab € 80. Ideal: Fahrräder gibt’s gleich im Hotel zum Ausleihen, ebenso ein Mini- und Käfercabrio.
Skurril: In Karnin gibt’s das kleinste Turmhotel Deutschlands in einem alten Lotsenturm. Innen ist es aber luxuriös ausgebaut und mit € 250 pro Nacht auch nicht billig.

Tipps: Unbedingt ausprobieren: eine der Sanddorn-Wellnessbehandlungen. Sanddorn ist „die Zitrone des Nordens“ und enthält viel Vitamin C. Kann man außerdem als Marmelade oder Vitamintrunk genießen.

Achtung: Hohen Sonnenschutz nicht vergessen! Die Sonne ist tückisch, weil ständig ein Lüftchen weht und man sie nicht spürt.

Die Badewanne Berlins

Usedom wurde einst die „ Badewanne Berlins" genannt, weil Heringsdorf dank der schnellen Verkehrsverbindung ein beliebtes Ausflugsziel der Berliner war. Allerdings waren es vor über hundert Jahren Reiche und Adelige, die hier ihre Sommerfrische in den mondänen Seebädern wie Bansin, Heringsdorf oder Ahlbeck verbrachten. Wer etwas auf sich hielt, flanierte nicht nur auf den Seebrücken, sondern zog sich bis zu dreimal am Tag dafür um.

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Ich trage gerade mal Jeans und Chucks, als ich mir in Heringsdorf am Strand mein erstes Matjesbrötchen kaufe (unbedingt Matjes Bismarck bestellen, da wird der Hering vorher in eine Marinade eingelegt) und das Treiben auf der Seebrücke beobachte. Auffällig ist vor allem die Riesenleinwand, die aus dem Wasser ragt. Die Fußball-WM wird hier vom 8. Juni bis 1. Juli übertragen. Sogar Torwartlegende Olli Kahn wird auf der offiziellen ZDF-Fußballbühne moderieren. Wenn EM bedeutet, dass ich in einem hübschen Strandkorb mit Blick aufs Meer sitze, während ich Alsterwasser (sowas wie Radler) trinke und meine Zehen in den Sand bohre, würde ich wohl auch noch zum eingefleischten Fußballfan werden.

Strandkorbidylle

Aber apropos Strandkörbe. Die sind nicht nur hübsch anzusehen, sondern fast schon überlebenswichtig. Denn während an der Nord- und Ostsee ständig der Wind geht, muss man sich nur in einen Strandkorb verkriechen - und schwupps ist es windstill und man spürt, wie stark die Sonne runterknallt. Kein Wunder, dass alle, die einen gemietet haben, sich im Bikini in der Sonne aalen, während ich noch Windjacke trage. Das Argument von M., dass man im Norden nicht braun wird, gilt also nicht.

In Heringsdorf gibt es übrigens eine der wenigen Strandkorbfabriken weltweit, die alles noch von Hand fertigen. An die 2.500 Modelle sind das im Jahr. Ich verliebe mich sofort in das Modell „Pretty Woman", brauner Stoff mit weißen Punkten, genau wie das Kleid, das Julia Roberts im gleichnamigen Film trägt. Allerdings hätte das Riesenteil niemals Platz auf meinem kleinen Balkon.

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Inselgeheimnisse

Die Strandkorbfabrik ist übrigens die einzige „Industrie" hier auf der Insel, die nahezu ein einziges Naturschutzgebiet ist. „Wenn eine Kuh furzt, hat das hier mehr Auswirkungen auf die Umwelt als alles andere", sagt Uwe Wehrmann und lacht. Er ist vor über fünfzehn Jahren hierhergezogen, um das „Hotel Ostseeblick" seiner Großeltern zu übernehmen. Er erzählt, dass sogar der Sultan von Brunei öfter auf Usedom ist, wenn er mal wieder eine seiner Verkehrsmaschinen fliegen will. Seine Mitarbeiter suchen dann nämlich ruhige Gegenden mit wenig Flugaufkommen. „Ja, hier ist alles etwas gemächlicher. Es heißt sogar, dass die Welt in Mecklenburg-Vorpommern 30 Jahre später untergeht", sagt Wehrmann und lacht.

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Doch so gemächlich es auch sein mag, wenn man als Tourist einiges von der Insel sehen will, ist man trotzdem dauernd auf Achse. Noch dazu, wo mir der Hoteldirektor höchstpersönlich einige Geheimtipps der Insel verrät, etwa das beste Plätzchen, um den Sonnenuntergang zu genießen. Das ist nämlich in einem Liegestuhl im „Sommercafé Rankwitz" am Achterwasser, einer Bucht des in die Ostsee mündenden Peenestroms. Gleich nebenan gibt es den besten Räucherfisch und die besten Fischbouletten der Insel, auch wenn sich beide Lokalbetreiber spinnefeind sind. Also besser, man erwähnt nicht, wo man das Fischbrötchen her hat.

Ein toller Platz zum Schwimmen und Grillen ist auch Warthe am Achterwasser. Einfach beim Café „Zum alten Kahn" einbiegen und den Radweg entlangfahren. Und die besten Waffeln der Insel gibt's in der „Alten Schmiede" beim Wasserschloss Mellenthin. Die Örtchen Stolpe und Morgenitz sehen dafür so kitschig pittoresk wie die Kulisse eines Märchenfilms aus.

Und während ich mir die Inseltipps brav notiere, piept mein Handy. Eine SMS von M. aus Italien ist gerade reingekommen. Sie schreibt, sie hätten die Preise für die Liegestühle erhöht, Sonnenschirme gäbe es auch keine mehr und ihre Laune sei im Keller. „Nächstes Jahr komme ich mit dir in den Norden. Okay?" „O.K. Ich freue mich", tippe ich zurück. Das mit dem „Hab ich dir doch gesagt" erspar ich mir lieber.

 

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