Was würde flächendeckende Kinderbetreuung an der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ändern?

Und wäre flächendeckende Kinderbetreuung in Österreich überhaupt möglich? Was braucht es dazu?

Wäre flächendeckende Kinderbetreuung in Österreich überhaupt möglich?

Die Corona-Krise und vor allem die Lockdowns haben einen Scheinwerfer darauf gerichtet, dass Frauen nach wie vor in vielen Familien die Haupt-Caretaker von Kindern sind. Das heißt, sie sind es häufig, die in Karenz gehen, im Beruf zurückstecken und die Kinderbetreuung übernehmen.

Laut einer Studie der AK Wien aus dem Jahr 2019 gehen bei acht von zehn Paaren die Väter weder in Karenz, noch beziehen sie Kinderbetreuungsgeld. Nur drei Prozent der Väter gehen länger als drei Monate in Karenz, ein Prozent davon sechs Monate. Damit Familie und Beruf vor allem für Frauen besser vereinbar ist, wäre flächendeckende Kinderbetreuung ab dem ersten Lebensjahr ein wichtiger Schritt.

10.000 fehlende Kinderbetreuungsplätze

Wie relevant und aktuell diese Thematik ist, zeigt sich auch dadurch, dass die AK, Gewerkschaft, Industriellenvereinigung und WKÖ gemeinsam an einem Strang ziehen und überzeugt sind, dass das sowohl umsetzbar, als auch finanzierbar ist.

Der geforderte Betreuungsplatz soll wohnortnah, hochwertig, leistbar sein und ganztägig sowie ganzjährig zur Verfügung stehen. Ziel muss sein, dass die Öffnungszeiten so gestaltet sind, dass beide Eltern einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen könnten. Aktuell liegt die Kinderbetreuungsquote der unter Dreijährigen bei gerade mal 27,6 %. Österreichweit fehlen rund 10.000 Kinderbetreuungsplätze, damit gerade einmal 33 % der Kinder betreut wären. Diese 33 % wurden in Barcelona von der EU festgelegt und wird als Barcelona-Ziel bezeichnet. Besonders im ländlichen Raum bestehen große Engpässe.

Faire Chancenverteilung

Martha Schultz, Vizepräsidentin der WKÖ weiß, dass von dem Ausbau der Kinderbetreuungsmöglichkeiten nicht nur die Eltern, sondern auch die Kinder profitieren würden: "Frühkindliche Bildung legt den Grundstein für Chancengerechtigkeit und den späteren Erfolg von Kindern. Wir haben hier enormen Aufholbedarf. Deshalb fordern wir einen Rechtsanspruch für Kinderbetreuung ab dem ersten Lebensjahr."

Bildungseinrichtungen, Tageseltern und Kindergruppen sind neben der Familie die ersten Bildungsorte für Kinder. Und gerade Bildung ist der erste Schritt zur Chancengleichheit. Aktuell ist das Niveau der Bildungseinrichtungen für kleine Kinder und die strukturellen, organisatorischen und pädagogischen Rahmenbedingungen in ganz Österreich unterschiedlich. Eine gute Frühbildung hängt vom Wohnort ab und ist somit ein Glücksspiel. Das muss sich ändern.

Durch die frühe Förderung der Kinder wird sichergestellt, dass sich die Talente aller, unabhängig vom sozialen Hintergrund, entfalten können. Kinder, die schon früh einen Kindergarten besuchen, haben mehr Chancen auf bessere Bildung und damit auch auf ein höheres Einkommen, weil damit ein Grundstein in den jeweiligen Bildungsbiografien gelegt wird.

Gleichstellung am Arbeitsmarkt

Auch die Wirtschaft würde durch den Ausbau der Betreuungsplätze angekurbelt werden, da mehr Arbeitsplätze für – vor allem weibliche – Fachkräfte geschaffen werden. Diese sollten, so die Forderung der Sozialpartnerinnen und Industriellenvereinigung, möglichst nach neusten Erkenntnissen ausgebildet werden. Die Diversität und Inklusion muss hier gefördert werden und auch mehr Männer sollten für diese Berufsgruppe begeistert werden. Damit der Beruf für Frauen wie Männer attraktiver wird, sind die richtigen Arbeitsbedingungen wichtig, das heißt auch eine gute Bezahlung.

Die Mütter erreichen durch die gute Betreuung außerdem leichter die volle Erwerbstätigkeit und so kommt Österreich einer Gleichstellung am Arbeitsmarkt einen Schritt näher. Martha Schultz sieht die Aufstockung der Kinderbetreuung nicht als Option. Im Gegenteil: "Der Ausbau einer flächendeckenden und qualitativ hochwertigen Kinderbetreuung ist ein Muss. Dass dieser notwendige Ausbau etwas kostet, ist uns bewusst. Klar ist aber auch: Das ist eine Investition, die sich lohnt."

Die Kosten

Aber wie soll das in der Praxis funktionieren? Würde das nicht enorme Kosten verursachen? Laut der vorgelegten Rechnung würden bereits 2/3 der entstehenden Kosten durch den Ausbau innerhalb kürzester Zeit durch zusätzliche Einnahmen aus öffentlichen Abgaben gedeckt werden. Diese Einnahmen entstehen durch die erhöhte Erwerbsbeteiligung von Eltern, was zu mehr Steuereinnahmen führt. Dazu kommt der Anstieg des Privatkonsums, da Familien mehr Haushaltsvermögen zur Verfügung haben. Längerfristig ist zu erwarten, dass diese Bilanz sogar noch positiver ausfällt.

Kindergarteneinnahmen

In der Kalkulation von Econ Austria werden drei verschiedene Szenarien berechnet.

In Szenario 1 wird die Betreuungsquote um zehn Prozent erhöht. Dadurch entstehen jährliche Kosten von knapp 450 Millionen Euro im Gegensatz zu rund 283 Millionen an Einnahmen aus öffentlichen Abgaben sowie ein Plus an privatem Konsum in Höhe von 407,5 Millionen Euro pro Jahr.

Werden, wie in Szenario 2, 20 % mehr Betreuungsplätze geschaffen, so würde das knapp 895 Millionen Euro jährlich kosten. Im Gegensatz dazu stehen 570 Millionen an Einnahmen aus öffentlichen Abgaben sowie ein Plus an privatem Konsum in Höhe von 815 Millionen Euro pro Jahr.

Als Barcelona-Ziel wurde festgelegt, dass 33 % der Kinder einen Betreuungsplatz haben müssen. Dafür müssten, wie oben beschrieben, 10.000 zusätzliche Plätze geschaffen werden. Dies ist das "günstigste" Szenario mit Kosten von 241 Millionen. Allerdings fallen auch die Rückflüsse der öffentlichen Abgaben mit 153 Millionen geringer aus. Die höheren Konsumausgaben werden nur auf 220 Millionen Euro geschätzt.

 

Aktuell