Was wird jetzt aus meinem Engländer?

Kolumnistin Martina Parker fragt sich, welche Konsequenzen das heutige Referendum hat und ob ihr britischer Ehemann jetzt ausreisen muss.



5h58, Tagwache. Normalerweise checke ich erst mal Mails und Social Media. Heute tippe ich als erstes das Wort "Brexit" ein. Die erste Headline die aufpoppt: "Ukip-Chef Farage feiert den Unabhängigkeitstag". "Scheiße", denke ich.

Weil ich jetzt auch noch googeln muss, was der "Spiegel" und "die Zeit" dazu sagen, versäumt unser Sohn den Schulbus und der Tee den mein britischer Ehemann und ich in der Früh immer trinken ("Earl Grey" von "Twinings", gekauft letzte Woche in London bei "Waitrose", 3Pfund 85) wird auch kalt. Interessiert aber gerade eh niemanden.

Mein englischer Ehemann lebt seit 15 Jahren in Österreich. "Red' lieber Englisch als gebrochen Deutsch", hab ich ihm geraten, als ihn Polizisten in Wien bei Verkehrskontrollen, ob seiner damals schlechten Sprachkenntnisse blöd angequatscht haben. Die grausame Wahrheit dahinter: Wiener Kieberer sind zu Engländern gemeinhin netter, als zu "Tschuschen". Mein britischer Ehemann hatte nie Probleme hier ein Handy anzumelden, ein Auto zu kaufen, oder eine Wohnung zu mieten. Engländer gelten als wohlhabend, weltoffen und zivilisiert. Engländer sind Ausländer erster Klasse. Ob das so bleibt, wird sich jetzt zeigen.

Die Tabloids allen voran "The Sun" und "Daily Mirror" haben in den letzten Wochen mit ihrer Schmutzkübel Kampagne gegen die EU alles daran getan, um den Ruf einer weltoffenen, liberalen Nation zu zerstören. Die Methode dahinter ist auch bei uns bekannt: Gezielte Panikmache bei den Sozialschwachen und den Pensionisten durch "anchoring". "Wir zahlen 350 Millionen Pfund in der Woche an die EU", hieß es. Die Schlagzeile stellte sich als unwahr heraus, brannte sich aber für immer ein. Dazu die Angst vor den Ausländern. Die Merkel hat die Fremden eingeladen. Was, wenn die alle auf die Insel wollen. Man hat doch eh genug Scherereien mit den eigenen Ausländern, all den Indern, Schwarzen und Pakistani, von denen einer jetzt sogar Bürgermeister von London ist.

Darüber hinaus lässt sich nicht leugnen, dass sich der Engländer immer in erster Linie als Engländer und erst dann als Europäer sieht.
"When are you going back to Europe?", war in der Vergangenheit eine häufig gestellte Frage bei unseren Englandaufenthalten. Ganz so, als ob sie selbst gar nicht dazu gehören würden.

"Der Pfund ist auf Talfahrt", heißt es um 7h bei Ö3. "Wir hätten mit der Anzahlung unserer Cornwall Urlaubs lieber noch warten sollen", witzle ich - wohl wissend, dass es um den Euro gerade auch nicht viel besser steht.
"Da gibt es Leuten die verdienen gerade ein Vermögen an dem ganzen Drama", sagt mein Mann resigniert.
Er will wissen, "was die deutschen Zeitungen schreiben", weil uns unsere gemeinsame Vergangenheit gelehrt hat, dass es je nach Nation immer mindestens zwei Arten der Realität gibt.

"Es gibt Leute, die meinen, es wird vielleicht nicht so schlimm. Amerika wird sich jetzt auf Deutschland und Frankreich als Ansprechpartner konzentrieren Und die EU wird möglicherweise homogener ohne die Briten, die ständig Extrawürste haben wollen", sage ich.
"Aber wir sind England!", protestiert er.
"Ihr seid Inselaffen und schon lange keine Weltmacht mehr", foppe ich ihn. Die Antwort gefällt ihm jetzt auch nicht, also versuche ich ihn aufzumuntern: "Vielleicht gibt es ja wieder eine Ausnahmeregelung. England wird 'Friends of the EU' und alles bleibt mehr oder weniger so wie es war".
"Und was, wenn ich hier nicht mehr arbeiten kann?",
"Im Notfall suchst Du eben um die österreichische Staatsbürgerschaft an und wirst Burgenländer!". Es gibt wirklich Schlimmeres im Leben.

Zur Person: Martina Parker ist WIENERIN Kolumnistin und Beauty-Representative und lebt mit ihrem britischen Ehemann im idyllischen Burgenland.

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