Was, wenn Frauen das Sagen hätten?

Khaddu, so nennt man die jüngste Tochter im Khasi-Matriarchat in Ostindien. Die Kleinste ist hier die Mächtigste, denn eine Khaddu wird nach dem Tod der Eltern zum Familienoberhaupt. Aber sind mit der Frauen-Stärke wirklich alle Probleme gelöst? Ein Report über eine ganz andere Kindheit und die Ohnmacht der Macht.

Wie immer ist Mebada Khongjee am Morgen um vier Uhr aufgestanden und hat einen Spaziergang durch das schlafende Dorf gemacht. Es ist die einzige Zeit des Tages, die sie für sich alleine hat. Die Luft ist so früh am Morgen noch kühl und am liebsten geht die 17-Jährige bis zu der kleinen Lichtung, die die Männer des Dorfes in den Dschungel gerodet haben, damit die Burschen Fußball spielen können. Dann sitzt sie einen Augenblick dort in der Morgenstille und hängt Träumen nach, von denen sie weiß, sie werden nicht erfüllt.

Die Jüngste muss den Clan erhalten

„Ich bin eben die Khaddu“, beendet Mebada jedes Gespräch über diese Träume, denen sie auf ihren einsamen Morgenspaziergängen nachhängt. Mebada würde gerne Englisch studieren und Lehrerin werden, noch lieber aber würde sie einen Ausländer heiraten und mit ihm nach Europa oder Amerika gehen. Khaddu ist ein Titel für die jüngste Tochter einer Familie. Er verleiht der Trägerin das Recht, nach dem Tod der Eltern das Oberhaupt der Familie zu werden. Mebada wird das Haus erben, den Acker, den kargen Besitz aus Töpfen und Schränken, Blechlöffeln und Schüsseln, Matratzen und Kochlöffeln, aus ausgetretenen Schuhen und dünn gewaschener Kleidung. An ihr wird es sein, den Clan zu erhalten, im Geist der Ahnen und der ersten Urmutter der Khasi, aus deren Leib alles Leben kam.


Mawlynnong, Mebadas Heimat, ist ein kleines Dorf im indischen Bundesstaat Meghalaya. Nicht weit von hier entfernt verläuft die Grenze zu Bangladesch, im Süden liegt der indische Bundesstaat Assam. Meghalaya bedeutet „Wo die Wolken wohnen“, und die Region macht ihrem Namen stets Ehre. Nirgends in Indien regnet es mehr als hier und die Wolken hängen stets so tief, dass man in ihnen eingehüllt ist wie in einem nassen Tuch.
In den East und West Khasi Hills, Vorläufern des Himalaya-Gebirges, leben die Khasi, ein matrilineares Volk, dessen Erbfolge von der Mutter auf die Töchter übergeht. Rund 1,1 Millionen Angehörige hat diese Volksgruppe, bestehend aus Hunderten von Clans. Die meisten von ihnen leben in Meghalaya, einige Zehntausend in Assam oder Bangladesch.

Frauen nicht zu achten schadet der Gesellschaft

Die auf den Hügeln verstreut liegenden Dörfer sind erst seit einigen Jahren über feste Straßen zu erreichen. Mawlynnong ist eine gut dreistündige Fahrt von Meghalayas Hauptstadt Shillong entfernt, tief im dichten Dschungel gelegen, umgeben von kleinen Flüsschen. Rund 550 Menschen, verteilt auf 95 Häuser, leben dort, bis vor einigen Jahren noch verborgen vor dem Rest der Welt.
Durch ihre matrilineare Erbfolge unterscheiden sich die Khasi deutlich von den anderen Volksgruppen Indiens. Bei den Khasi sind Töchter mehr wert als Söhne. Sie werden weder ausgesetzt noch sexuell missbraucht noch vergewaltigt. Jene Nachrichten, die aus anderen Bundesstaaten Indiens auch bis Mawlynnong dringen, stoßen dort auf großes Unverständnis. Frauen nicht zu achten heißt für die Khasi, der Gesellschaft Schaden zuzufügen. Hat eine Familie nur Söhne, gilt sie als unglücklich, weil nur die Tochter die Kontinuität eines Clans fortsetzen kann.

Mädchenland

Es ist 4:30 Uhr, als Mebada Feuer macht, den Reis aufsetzt, das Daal aus Linsen kocht, aus Gemüseresten kleine Frikadellen bäckt. Die wird der Vater mit aufs Feld nehmen, werden die Brüder und die Mutter zu Mittag essen, wenn Mebada noch in der Schule ist. Khaddu zu sein ist eine große Verpflichtung. Mebada ist für ihre Eltern bis zu deren Tod verantwortlich, es wird von ihr erwartet, im Elternhaus wohnen zu bleiben, sich um die Mutter, den Vater, die Brüder zu kümmern. Kochen, einkaufen, Wäsche im Fluss waschen, Kranke pflegen, putzen. Für Träume und Freiheit bleibt da kein Raum, jedenfalls nicht in Mawlynnong, wo alles noch immer so gemacht wird wie seit Jahrhunderten.

Bei den Khadi zieht der Mann zur Frau

Die Herdstelle ist das Zentrum des Hauses, besonders an kalten Tagen der einzige Ort, an dem man Wärme finden kann. Die Häuser der Khasi sind wegen der Überschwemmungen auf niedrigen Stelzen gebaut, die Wände sind aus Bambus und Lehm, zur Monsunzeit dringt die Feuchtigkeit ein, im Winter die Kälte.
Mebadas Bewegungen sind schnell, routiniert. Der Tee darf nicht zu spät kommen, sonst wird der Vater schimpfen, die Mutter aus ihrem Bett zetern, in dem sie seit einigen Wochen mit einer Grippe liegt. Der Vater, Morkan, ist mit seinen 55 Jahren noch kräftig, aber die Mutter, Merona, neun Jahre jünger als er, ist schon fragil. Die älteste Tochter der Familie Khongjee ist Eva. Sie ist 26 Jahre alt und hat schon zwei Kinder. Zwei Jahre nach Eva wurde Mebada geboren, und danach noch die beiden Söhne. Vor drei Jahren zog Provenus mit in das Haus, Evas Lebenspartner. So ist es Sitte bei den Khasi: Der Mann verlässt das Haus seiner Eltern, um im Haus seiner Schwiegereltern zu leben. Eva hat Provenus in Shillong kennengelernt, wo sie als Dienstmädchen bei einer reichen Khasi-Familie arbeitete. Er lernte einen Handwerksberuf und sie verliebten sich. Sie hat die Eltern nicht gefragt, ob ihnen diese Liebe passt, weil ein Khasi-Mädchen nicht fragen muss, sondern sich ihren Partner frei wählen darf. Eva und Provenus haben nicht geheiratet, nicht offiziell. Die Khasi sind Christen, sie wurden von den englischen Kolonial­herren zum Glauben an Gott gebracht. Trotz der tiefen Religiosität reicht es bei ihnen, wenn Mann und Frau unter einem Dach leben, sie gelten dann als Ehepaar. Eine Hochzeit kostet Geld, die Khasi aus den Dörfern sind arm. Sie leben von der Landwirtschaft und vom Fischen, sie können sich gut ernähren, aber Bargeld besitzen sie kaum.


Fast zwei Jahre ging es damals gut, nachdem Eva mit Provenus wieder nach Hause zog. Doch Provenus fand nicht immer Arbeit, die Eltern beklagten sich, er bringe nicht genug Geld heim, die Mutter sagte, was Mütter auf der ganzen Welt ihren Töchtern sagen: Du hättest doch auch etwas Besseres finden können. Provenus hätte Eva gerne ein Haus gebaut, wäre gerne mit ihr fortgezogen aus dem Dunstkreis dieser Schwiegereltern. Aber ein Haus zu bauen kostet 50.000 ­Rupien, und bis sie diesen Betrag zusammengespart haben, wird es Jahre dauern.

Frauen gehört hier alles

Früher musste die Frau nur eine Münze werfen, dann war sie vom Mann „geschieden“. Niemals hat es bei den Khasi den Zwang gegeben, bei einem ungeliebten Mann zu bleiben. Auch heute ist das Auseinandergehen eine leichte Sache, denn die matrilinearen Gesetze der Khasi sind auch in der Verfassung von Meghalaya verankert. Aller Besitz gehört den Frauen. Ein Mann kommt mit leeren Händen ins Haus der Frau, er muss auch mit leeren Händen wieder gehen. Auch auf die Kinder hat er keinen Anspruch. Kein Richter Indiens würde einem Khasi-Vater je das Sorgerecht zusprechen, denn die Kinder gehören zum Clan der Mutter, der Vater aber nicht.

Mädchenland

Gesellschaft im Wandel

„Der Khasi-Mann ist wie ein Kind“, sagt Laloo Deepak und rührt mit düsterem Gesicht in seinem Morgentee – es ist Sonntag in Mawlynnong. Deepak schiebt auf seinem Teller Reis und Linsen hin und her, als läge darunter die Lösung für das Dilemma der Khasi-Männer. „Unsere Kultur hat dazu geführt, dass er keine Verantwortung übernimmt und infantil bleibt. Er ist ein Hedonist. Er will das Leben genießen, um jeden Preis. Wundert es da, dass die Frauen keine Khasi-Männer mehr wollen?“, klagt er. Eine Gruppe von Khasi-Männern, Deepak gehört dazu, will die matrilineare­ Erbfolge abschaffen. Sie verlangen, dass die Söhne ebenso viel erben wie die Töchter und die Kinder ihren Namen tragen. Sie sehen sich als Emanzipationsbewegung. Sie behaupten, Khasi-Männer stürben früh, aus Gram oder wegen ungesunden Lebens, weil sie sich ungeliebt und nutzlos fühlen. 4.000 Mitglieder soll diese Bewegung haben. Bislang sind sie an den Gerichten Meghalayas gescheitert, vor allem aber an der Frage, wann und warum die matrilineare Kultur entstand.

Ist sie nur ihrer Zeit geschuldet oder ist sie der Kern allen Khasi-Seins? Sie sei entstanden, als die Männer Kriege führten und die Frauen daheim alles alleine regeln mussten, sagen die Emanzipations-Männer – daher könne sie wieder abgeschafft werden. Mebada weiß nicht, ob sie die Gesetze der Khasi ändern möchte. Es sei immer so gewesen, es habe wohl seinen Sinn, sagt sie, wenn man sie fragt. Dennoch würde sie gerne aus den Zwängen ausbrechen, hat Angst, der Last als Familienoberhaupt eines Tages nicht gewachsen zu sein. Wenn Mebada aus der Schule nach Hause kommt, hat sie noch zwei Stunden Zeit, bis es dunkel wird. Zwei Stunden, um im Fluss die Kleidung der Familie und sich zu waschen, die Schüsseln mit der Wäsche zu schultern und nach Hause zu laufen.

„Spute dich, Mebada“, sagt Eva, als diese das Haus betritt, „du bist spät.“ Eva hat schon Feuer gemacht und Tee gekocht, hat das Essen für ihren Mann und ihre Töchter aufgesetzt. Mebada kocht für die Eltern, die Brüder. Nie verlässt das Lächeln ihr Gesicht. Nach dem Essen sitzen die Geschwister um die Herdstelle, Eva und Mebada kuscheln mit den Kindern, die Brüder bauen aus Holz und Blechresten ein Auto. „Wenn ich nicht die Khaddu wäre“, hatte Mebada am Nachmittag gesagt, „dann wäre ich freier. Aber ich würde trotzdem immer bei meiner Familie bleiben wollen.“

 

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