Was, wenn die Selbstzweifel überhandnehmen?

Viele von uns haben kleine Minderwertigkeitskomplexe. Dann passt die Nase oder die Haut nicht, aber es lässt sich schon damit leben. Durch Corona sind Ablenkungen lange Zeit weggefallen und der Fokus auf "Makel" hat sich verstärkt. Was tun, wenn die Selbstzweifel kaum noch zu ertragen sind?

Was, wenn die Selbstzweifel überhandnehmen?

Der Schweizer Philosoph und Psychologe Paul Häberlin (1878-1960) schrieb: "Beherrschen im Sinne von Vollkommenheitsidealen unerreichbare Wunschbilder die persönlichen Maßstäbe, so führt dies zu chronischer Selbstüberforderung und Entmutigung."

Zweifelsspirale

"Ich halte mich momentan überhaupt nicht aus", sagt Caroline, "ich fühle mich wertlos und fehlerhaft." Die Härte, mit der sie sich, ihr Aussehen und ihren Körper bewertet, empfand sie zuletzt in der Pubertät. "Ich vergleiche mich die ganze Zeit mit anderen, kontrolliere mein Aussehen, meine Haare oder Beine in Auslagen und Spiegeln, und wenn ich mit einem Makel konfrontiert bin, reißt mich das in eine Grübelspirale." Hätte die 36-Jährige genug Geld und keine Angst vor Schmerzen, stünde eine Liste an ästhetischen Behandlungen an: Nasen-und Brustkorrektur, Botox, Zahnspange, Oberschenkelstraffung, Muttermale entfernen "Scherz beiseite - dass ich mich so reinsteigere, macht mir Angst", sagt Caroline.

Der Zoom-Effekt

Eine Botoxbehandlung hat sie bereits hinter sich - und ist damit nicht allein: Ästhetik-Ärzte und -Ärztinnen berichten seit Beginn der Lockdowns von vermehrter Nachfrage, vor allem nach minimalinvasiven Gesichtsbehandlungen. Laut den Fachleuten ist der " Zoom-Effekt" der Grund: Wir sehen uns in Videokonferenzen vermehrt selbst und entdecken, was uns an unserem Gesicht stört.

Bärbel Wardetzki, deutsche Psychotherapeutin und Autorin von Büchern über Selbstzweifel, Kränkung und Narzissmus, meint freilich: "Die aktuelle Zeit macht auf jeden Fall etwas mit uns - all die Ablenkungen, die wir sonst gewohnt sind, fehlen. Wir sind auf uns zurückgeworfen und kommen dadurch in Kontakt mit Seiten von uns, die im normalen Alltag nicht so auftauchen. Das kann auch Selbstzweifel und Minderwertigkeitsgefühle sichtbar machen. Dann sollte man sich diese Seite ansehen und fragen: 'Na, was ist denn da los mit mir?'"

Neue und alte Krisen

Bei Caroline war in den letzten Monaten jedenfalls viel los. Mit dem Partner war es schwierig, er war zu Hause nur anstrengend und grantig. Im Job gab es Unsicherheit, weil die Firma Leute kündigte. Beides schürt Carolines Existenzängste. Anmerken lassen darf sie sich das nicht - in der Marketingabteilung einer Kosmetikfirma ist ein fröhliches und gestyltes Auftreten gefragt.

Bärbel Wardetzki: "Viele Leute sind gerade in existenzieller Not; da ist es schwieriger, ein gutes Selbstbild zu erhalten, als in positiven Zeiten. Dennoch sind Selbstzweifel Einstellungen - internalisierte negative Botschaften, die Gefühle auslösen. Wenn ich an mir zweifle, werde ich kein gutes inneres Gefühl haben, sondern Angst kriegen, wütend sein oder mich schämen."

Wie solche inneren Botschaften lauten, hat mit Erfahrungen zu tun, die wir in der Welt gemacht haben - in der Kindheit, im Heranwachsen, in unseren Bindungen; in Problemen, Rückschlägen, Trennungen und Momenten des Verlusts und des Versagens. "Sie prägen, wie wir in der Welt sind, wie wir uns selbst und die anderen sehen", erläutert Wardetzki.

Dabei ist das soziale Umfeld - Stichwort kriselnde Beziehung oder Angst in der Arbeit - auch noch für Erwachsene wichtig: "Unser Selbstwertgefühl ist nicht etwas, das fest und in allen Bereichen gleich ist. Ich kann mich in manchen Dingen sehr selbstsicher fühlen und in anderen gar nicht, und ich muss immer wieder für Balance sorgen. Dafür braucht man Menschen, die gut mit einem umgehen, einem freundlich begegnen und auch mal etwas Schönes sagen. Durch Menschen, die schlecht mit uns umgehen und unser Selbstwertgefühl mit Füßen treten, fühlen wir uns auch schlechter."

Was tun?

Um sich zu helfen, empfiehlt die Psychologin, sich die negativen Botschaften - die man meistens so automatisch abspielt, dass man es nicht merkt - bewusst zu machen. "Beobachten Sie, wie Sie mit sich reden und welche Sätze da fallen. Wenn es 'Ich bin hässlich!' ist, werden Sie nicht einfach anfangen, sich schön zu finden, aber Sie finden bestimmt etwas, das Sie an sich mögen. Schauen Sie, ob schön sein überhaupt so wichtig ist und was sonst noch wertvoll an Ihnen ist."

Es geht darum, gut trainierte Selbstzweifelschleifen im Gehirn zu Nebenschauplätzen zu machen und stattdessen positivere Denkwege zu stärken. "Ich kann mir neue Sätze holen und einüben. Ich kann die Probleme bearbeiten, die dazu geführt haben, dass ich solche Zweifel überhaupt erst entwickelt habe. Und ich kann mir die Frage stellen: Wie lebe ich eigentlich? Bin ich zufrieden oder lebe ich an so vielen Bedürfnissen vorbei, dass es mir schlecht geht? Auch das können wir beeinflussen."

Die von Selbstzweifeln geplagte Caroline wird erst mal auf Urlaub fahren. Die Auszeit an einem Ort, wo es egal ist, wie man aussieht, wird ihr gut tun - und vielleicht schon reichen, um ihr Selbstbewusstsein wieder zurechtzurücken.

 

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