Was wäre, wenn wir aufhören würden, uns täglich zu schminken?

WIENERIN-Redakteurin Teresa hat als Teenager angefangen, sich täglich zu schminken. Seit ein paar Monaten genießt sie das Leben neu. Make-Up-frei und überhaupt frei.

Ich kann nicht mehr genau sagen, wann ich angefangen habe, mich täglich zu schminken, aber es hatte sicher viel mit meiner Teenager-Akne zu tun. Ich war ziemlich depressiv in dieser Phase und das Leben meiner Eltern war deswegen damals auch nicht das schönste, glaube ich. Wenn sie mich in einem meiner verzweifelten Versuche, die Pickel zu stoppen, schon wieder mit weißem Baby-Puder im Gesicht rumlaufen gesehen haben, wussten sie schon, dass sie besser damit beraten waren, mich nicht anzusprechen, wenn sie nicht halb-weinerlich, halb-aggressiv für das Leid der Welt beschuldigt werden wollten. Manchmal ist halt alles scheiße und Pickel machen das echt nicht besser. Und Eltern, so sehr sie sich bemühen, leider auch nicht. (Hab‘ ich schon erwähnt, dass ich meine Teenager-Zeit nicht sonderlich vermisse? Ich weiß nicht, was alles immer mit Anti-Aging haben, ich finde das Älterwerden eigentlich ziemlich geil.)


Zehn Jahre dieselbe Routine


Jedenfalls hab ich mir damals eine Routine zugelegt. Ich hatte so ein Make-Up von Vichy, dass gut bei Akne - weil atmungsaktiv - sein sollte, ein bestimmtes Rouge, einen Eye-Liner und eine Mascara. (Wenn es Mascara gegen Akne gegeben hätte, hätte ich das sicher auch gekauft, aber auf diese Produktinnovation warten wir noch. Können Sie langsam das Maß meiner Obsession nachvollziehen? Ich hatte übrigens Akne.) Diese Produkte verwende ich jetzt seit gut zehn Jahren jeden Tag. Damals noch in der Schule, auf der Uni, und lange auch im Job. So sehr ich auch, wie jede gute Frau, von meinem Aussehen voreingenommen war, hatte ich doch nicht genug Geduld, um mich damit zu beschäftigen, ob meine Wimpern mit diesem oder jenen Produkt länger werden.


Eine heiße Revolution


Ich weiß nicht, ob es Ihnen aufgefallen ist, aber dieser Sommer war recht heiß. Ich sehe es heute nicht mehr als den heißesten Sommer aller Zeiten, sondern als Gottes Weg, mir meine wahre Schönheit vor Augen zu führen. Der Schweiß, der meine weichen Wangen konturierte, war einfach zig-mal erträglicher, wenn er nicht in einem künstlichen Gemisch aus Mascara und Make-Up dahin floss. Und da schwante mir auch schon: Alles ist besser ohne Schminke!


Eine Lehre für Sie alle


Wirklich alles! Was jetzt kommt, hat keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, aber jede/r kann etwas von Jammerlappen wie mir lernen. Ich habe sehr trockene Augen (Büroarbeit, yeah!), was dazu führt, dass meine Augen einmal täglich einen willkürlichen Tränen-Ausbruch haben. Außerdem leide ich an einem – wie der Facharzt es nennt – Lidekzem. (Sprich: Eine Hautkrankheit auf dem Lid, die, wie jede verdammte Hautkrankheit, mit Cortison behandelt wird und rot ist und brennt). Der aufmerksamen Leserin ist vielleicht schon aufgefallen, dass ich zu Problemhaut neige. Ohne jemals einen bewussten Entschluss zu fassen, schminkte ich mich sukzessive immer weniger. Einfach, weil es unglaublich nervtötend ist, einmal am Tag die Schminke des gesamten rechten Auges komplett wegzuheulen, und für wen überhaupt? Damit ich im Büro gut aussehe? Meine Kolleginnen schätzen mich für meinen scharfen Humor, ausgegorenen Intellekt und mein sympathisches Lächeln. Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass sie mich auch ohne Schminke supergeil finden. (Ich warte einfach mal, wie sie reagieren, nachdem ich diesen Artikel online gestellt habe). Und jetzt kommt überhaupt der Clou!


Neues Selbstbewusstsein


Ich fühle mich ohne Schminke selbstbewusster. Die Akne hat sich heute glücklicherweise auf ein paar wenige Gelegenheiten, die ich als Zusatzgeschenk zu jedem McDonald’s Besuch sehe, reduziert. Ich spare jeden Morgen 15 Minuten und habe weniger Stress, aus dem Haus zu kommen. Keine Panik, dass da irgendwas verschmiert oder rinnt. Die Schönheitsindustrie und ihre Bilder haben mir beigebracht, dass mit mir etwas nicht stimmt. Dass ich an mir arbeiten muss, um zu genügen. Dass ich längere Wimpern, rosigere Wangen und eine ebenmäßigere Haut brauche, um zufrieden zu sein. Aber es fühlt sich ziemlich gut an, sich schön zu finden, so wie man ist. Befreit. Ja, das ist es: ein neues Freiheitsgefühl.


Ich schminke mich immer noch gerne zum Ausgehen. Manchmal hab‘ ich einfach Lust. Am Wochenende ist es eine schöne Routine, sich für einen besonderen Anlass fertig zu machen. Aber gleichzeitig ist es unglaublich befreiend, nicht auszuzucken, weil Abends noch einen Termin ansteht und man nicht ordentlich geschminkt ist. Meine Haut dankt mir die geringere Belastung, und zum Abschminken bin ich eigentlich auch zu faul. Ich verstehe sehr gut, warum sich viele Frauen jeden Tag die Zeit für Make-Up nehmen, und sich damit schöner und selbstbewusster fühlen. Aber dass ich dieses Gefühl auch ohne Make-Up haben kann, fühlt sich für mich an wie ein Befreiungsschlag.

UPDATE: Meine Kolleginnen haben Tränen gelacht, als sie meine Unterstellung, sie würden mich supergeil finden, gelesen haben. Dabei hat sich die Schminke ziemlich verschmiert. Verstehen Sie meinen Punkt?

 

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