Was tun, wenn Angst den Alltag bestimmt?

Seit Ausbruch der Coronapandemie haben viele Menschen mit neuen Ängsten zu kämpfen. Wie können wir wieder lockerer und unbeschwerter werden? Arzt und TCM-Experte Experte Dr. Weidinger gibt Tipps.

Was, wenn Angst den Alltag bestimmt?
Frei von Angst, Weidinger

Mehr Gelassenheit, mehr Leichtigkeit, frei von Angst sein – das wünschen wir uns wahrscheinlich alle, oder? Georg Weidinger, Arzt und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für TCM, weiß Rat: In seinem neuen Buch "Frei von Angst durch die Heilung der Mitte" (um 23,00 € im Kneipp Verlag) beschreibt der Autor, wie wir mittels der Traditionellen Chinesischen Medizin unseren Ängsten gesamtheitlich begegnen, was wir tun können, um Körper und Psyche zu stärken und wie wir raus aus der Angstfalle rein in einen unbeschwerteren Alltag kommen. Wir durften dem Arzt einige Fragen stellen.

WIENERIN: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Angst durchaus einen Sinn hat. Welcher ist das?

Georg Weidinger: Wir brauchen die Angst. Sie schützt uns davor, Blödsinn zu machen und unser Leben zu gefährden. Allerdings kann es problematisch werden, wenn unser ganzes Sein nur noch davon bestimmt ist, Angst zu vermeiden. Tatsächlich gibt es hier interessante kulturelle Unterschiede: So konzentriert man sich in der traditionellen chinesischen Medizin etwa nicht auf die Angst an sich, sondern darauf, den Körper so zu stärken, dass die Angst gar nicht auftritt.

Auch in der Yogaphilosophie fokussiert man sich nicht auf die Angst, sondern viel mehr auf das Vertrauen. Wenn das Vertrauen ins Leben, in Menschen sehr stark ist, dann tritt keine Angst auf, sagt man.

Im Westen liegt der Fokus immer auf der Angst selbst. Wenn jemand eine Angststörung hat, konzentriert man sich darauf, alles zu tun, damit die Angst wieder weggeht. Dabei kann es sinnvoll sein, bewusst in die andere Richtung zu gehen, den Fokus nach außen auf den Körper zu legen, diesen zu stärken und so der Angst entgegenwirken.

Ohne Beschäftigung mit dem Inneren, etwa in Form einer Psychotherapie, wird es aber oftmals nicht gehen, oder?

Das Wichtige ist, dass man gut leben kann und die Angst einen nicht grundlegend einschränkt. Ist die Angst so massiv, dass jemand etwa keine Beziehungen zu anderen Menschen eingehen kann oder sich nicht mehr aus der Wohnung traut, dann ist es wichtig, die Angst im ersten Schritt zu lösen, damit der Mensch überhaupt wieder handlungsfähig wird. Dafür kann es manchmal auch Medikamente brauchen.

Und wenn man dann merkt, okay ich bin wieder handlungsfähig, dann mach ich gezielte Schritte und kann sagen, ich gehe die Angst direkt an und mache etwa eine Psychotherapie, zum Beispiel in Form einer Verhaltenstherapie. Da muss man einfach ausprobieren, was für einen das Beste ist.

Was man immer manchen kann, ist zu schauen, dass es dem Körper richtig gut geht. Ausgewogen ernähren, täglich bewegen, Gewicht normalisieren, regelmäßig nach draußen in die Sonne gehen. Ganz wichtig ist da die Regelmäßigkeit. Schlechte Gefühle haben nur dann eine Chance, wenn wir uns allgemein nicht wohlfühlen.

Was noch notwendig ist, ist dass man Menschen um sich hat. Damit man aus der Isolation rauskommt und nicht allein gelassen ist. Wenn wir ein Problem haben und wir damit allein sind, wirkt es unendlich groß. Es wird kleiner dadurch, dass ich jemand anderen habe, der sagt, 'Geh so schlimm ist es ja nicht. Komm probieren wir‘s einfach'. Sonst ist das ein Teufelskreis und man steigert sich immer mehr hinein. Und dann wird die Angst übermächtig und man kommt in diese schwere Angststörung.

Das Schlimmste bei Ängsten ist, wenn man das Gefühl hat, man kann nichts machen. Aber man kann immer etwas machen.

von Dr. Georg Weidinger

Durch Corona sind wir alle immer ängstlicher geworden. Bisher nie dagewesene Ängste sind dazu gekommen. Wie lernen wir, wieder lockerer und unbeschwerter zu werden?

Das große Problem sind die Ängste, die nicht real sind. Ob mit Terroranschlägen oder Corona: Ängste, die nicht fassbar sind. Wenn man etwas nicht fassen kann, ist die Reaktion Rückzug, weil man nicht weiß, wie man sich wehren kann. Da ist es wichtig, dass man viel für sich tut, kräftiger wird, schaut, dass es dem Immunsystem so richtig gut geht, damit man diese Ohnmacht nicht hat.

Das Schlimmste bei Ängsten ist, wenn man das Gefühl hat, man kann nichts machen. Aber man kann immer etwas machen. Oder wenn man Zukunftsängste hat: Ich nütze diese Zeit, um bewusst noch eine Fortbildung zu machen, etwas zu lesen, aus der Not eine Tugend machen.

Ich habe das jetzt mit Corona viel erlebt, viele Jugendliche, die als Patienten zu mir gekommen sind, immer positiv waren, immer glücklich und durch diese schwere Isolation auf einmal auf ihre Ängste zurückgeführt und sehr besorgt waren. Wichtig ist hier vor allem, nicht allein in der Isolation zu versinken, sondern sich mit anderen auszutauschen und zu schauen: Was hat mir früher gutgetan? Und das wieder zu machen – soweit es die Einschränkungen zulassen.

Oft ist das Gefühl der Machtlosigkeit aber einfach so groß und die Angst so lähmend, dass es schwerfällt, wieder ins "Machen" zu kommen, oder?

Ja, vor allem wenn keine Bezugsperson da ist. Jemanden zu finden, mit dem man plaudern kann, bewirkt schon viel. Und dran denken: Wir brauchen keine Angst vor dem Coronavirus zu haben, wir sind nicht machtlos. Wir haben ganz viele Möglichkeiten, etwas Gutes zu tun. Neben der Impfung können wir uns besser ernähren, Bewegung machen, sozial vernetzen, etc., das Immunsystem stärken. Was das Immunsystem stark unterdrückt, ist Angst - das ist das Absurde. Der Körper glaubt, 'Okay, da ist etwas Gefährliches'.

Es ist normal, dass wir erstarren, wenn wir Angst haben, wie ein Tier, dass nicht vom Löwen erwischt werden will. Das sind die normalen Reaktionen, die unser Stammhirn auslöst, damit wir diese schwere Situation überleben.

Welche Übung kann ich im Alltag nutzen, wenn mich die Angst gerade lähmt?

Zum Beispiel kann man mit der Atmung arbeiten. Wenn man vor Angst erstarrt, kann man meist nicht mehr richtig ausatmen. Da kann man Übungen machen wie beim Yoga die Vorbeuge: tief ausatmen, ein bisschen die Luft anhalten und dann langsam wieder einatmen und das wiederholen. Dann kommt man wieder in die Ruhe.

Sofern es möglich ist, wäre es natürlich toll, in einen Yogakurs zu gehen oder Chi Gong zu betreiben, wo man lernt, mit stressigen Situationen umzugehen oder eine Gruppe zu bilden, etwa auch im Lockdown, mit der man sich 1x am Tag verbindet und z.B. sagt, man macht jetzt eine halbe Stunde lang solche Übungen wie mit der Ausatmung oder Gymnastikübungen. Wichtig ist dabei auch die Struktur, die Regelmäßigkeit.

Es ist ganz wichtig zu lernen, dass man Ziele braucht im Leben. Genauso wichtig ist es aber, zu lernen, dass ich diese Ziele nicht erreichen muss.

von Dr. Georg Weidinger

Sie haben die Angst, Beziehungen mit anderen einzugehen, bereits angesprochen. Tatsächlich ist Bindungsangst gerade bei jungen Menschen ein aktuell weit verbreitetes Problem. Woran liegt das?

Wir können nur das, was wir üben. Speziell, was wir in der Kindheit mitbekommen, prägt uns weit ins Erwachsenenalter. Wenn ich etwa als kleines Kind eine Mutter habe, die mich sofort vom Klettergerüst hebt, wenn ich hinaufsteige und mir sagt, 'Nein, das ist gefährlich, da kannst du runterfallen' - dann werde ich nicht lernen, wie man klettert, sondern lernen, 'Gerüst raufklettern ist gefährlich'.

Man weiß heute, dass solche Ängste im späteren Lebensalter dadurch entstehen, dass die Eltern zu protektiv sind, die Kinder viel zu sehr beschützen. Speziell Beziehungsängste rühren oft daher, dass wir in den Bindungsstrukturen in den Familien, Patchworkfamilien, Single-Haushalten (da wahrscheinlich am meisten) einfach nicht mehr lernen, wie man eine Beziehung führt, eine gute oder eine schlechte. Auch aus schlechten Erfahrungen lernt man wahnsinnig viel, aber wenn Beziehung einfach nicht stattfindet, weil keiner da ist, weil man nur in den Medien herumhängt - wie soll man dann lernen, wie man eine Beziehung lebt?

Tatsächlich sollten wir also vielleicht lieber bei den Älteren ansetzen, denn wo sollen die Jungen es sonst herhaben? Dass man über Dinge redet? Wer redet denn schon über Probleme? Die meisten Jugendlichen sagen den Eltern nicht, was los ist. Weil die Eltern das ja auch nicht gesagt haben. Das ist das Riesendilemma unserer Gesellschaft. Meistens macht man sich's dann allein aus.

Konfliktfähigkeit muss man lernen. Und dass man sich traut, Fehler zu machen. Dass Beziehungen schiefgehen, ist ganz normal. Aber ich muss von anderen, idealerweise von den Eltern lernen, wie man damit umgeht.

Welche Botschaft möchten sie allen mitgeben, die momentan sehr ängstlich und besorgt sind?

Wir sagen in der chinesischen Medizin, das Gegenteil von Angst ist Freude. Ich würde raten, sich auf die Frage zu konzentrieren: Wo krieg ich wieder meine Freude her? Weniger: Wie werde ich meine Angst los? Da fällt mir das klassische Beispiel vom halbvollen, halbleeren Glas ein. Dass man sich sagt: 'Gott sei Dank habe ich noch ein halbvolles Glas' und nicht: 'Mist, das Glas ist schon halb leer'. Und: Ziele setzen! Es ist ganz wichtig zu lernen, dass man Ziele braucht im Leben. Genauso wichtig ist es aber, zu lernen, dass ich diese Ziele nicht erreichen muss. Allerdings brauche ich eines, damit ich überhaupt losgehe.

 

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