Was Sie über das Brustkrebs-Screening wissen sollten

Wie läuft das Brustkrebs-Screening? Wer sollte unbedingt daran teilnehmen? Warum? Gibt es Frauen, die von regelmäßigen Mammographien nicht profitieren? Dr. Marianne Bernhart, programmverantwortliche Medizinerin des Österreichischen Brustkrebs-Früherkennungsprogramms, steht Rede und Antwort.

Wie läuft das Brustkrebsscreening momentan? Wie viele Frauen haben es heuer in Anspruch genommen?

Das Programm läuft mittlerweile gut. Seit Programmstart im Jänner 2014 wurden österreichweit etwa 490.000 Mammographien durchgeführt (Stand: 7. November 2014). Der Anteil der Screening-Mammographien daran liegt seit einigen Wochen bei rund 60 Prozent. D.h. von allen bundesweit durchgeführten Mammographien erfolgen mittlerweile knapp zwei Drittel im Rahmen des Früherkennungsprogramms.

Damit das Screening effizient wird, müssen 70 Prozent der eingeladenen Personengruppe kommen. Wie wollen Sie das erreichen und bis wann soll dieses Ziel erreicht werden?

Um diese Frauen zu erreichen, haben wir die e-card für die Kernzielgruppe der Frauen im Alter von 45 bis 69 Jahren freigeschalten. Die Einladungsbriefe zur Erinnerung an die Untersuchung erhalten die Frauen weiterhin alle zwei Jahre. Mit verstärkter Information – im Herbst 2014 läuft eine österreichweite Infokampagne, weitere Maßnahmen sind für das nächste Jahr geplant – möchten wir das Programm noch bekannter machen. Besonders wichtig ist dabei, dass auch die Ärztinnen und Ärzte die Frauen informieren.

Unser vorrangiges Ziel ist es, dass alle Frauen in Österreich über das neue Programm und die Nutzen/Risiken informiert sind und eine informierte Entscheidung über die Teilnahme treffen können. Wichtig ist vor allem, dass die „richtigen“ Frauen im „richtigen“ Intervall gehen. Und das sind also die „richtigen“ Frauen im „richtigen“ Intervall. Das sind laut internationalen Untersuchungen Frauen im Alter von 45 bis 69 Jahren, die alle zwei Jahre zur Früherkennungsmammographie gehen.

Marianne Bernhart

Dr. Marianne Bernhart. Die Ärztin für Innere Medizin war lange als Hämato-Onkologin im Hanuschkrankenhaus tätig.

Und bis wann sollen die angestrebten 70 Prozent der Zielgruppe erreicht werden?

Die laut EU-Leitlinien gewünschte Teilnahmerate von 70 Prozent kann nur langfristig erreicht werden. Das zeigen auch internationale Erfahrungen: in Deutschland beispielsweise wurde das Mammographie-Screening zwischen 2005 und 2009 regional zeitlich unterschiedlich eingeführt und unterlag insbesondere in der Aufbauphase teilweise deutlichen saisonal bedingten Schwankungen. Die Teilnahmerate im deutschen Programm liegt seit Programmeinführung weitgehend stabil bei 54 %. Im Jahr 2010 wurde eine Teilnahmerrate von 70 Prozent oder mehr nur in 7 Ländern erreicht; in diesen wurde das Mammographie-Screening zwischen 1986 und 1990 eingeführt: Dänemark 73 Prozent (1991), Finnland 85 Prozent (1987), Großbritannien 73 Prozent (1988), Niederlande 81 Prozent (1989), Norwegen 76 Prozent (1996), Spanien (Navarra) 87 Prozent (1990), Schweden 70 Prozent (1986).

Ich habe gehört, dass teilweise die falsche Personengruppe zum Screening kommt. Es kommen viele junge Frauen, die Hauptzielgruppe ist aber zwischen 45 und 69 Jahren alt. Warum bringt das Screening bei jüngeren und älteren Frauen wenig?

Das Österreichische Brustkrebs-Früherkennungsprogramm richtet sich an gesunde Frauen ab 40 Jahren ohne Anzeichen einer Brustkrebserkrankung. Die Hauptzielgruppe sind Frauen im Alter von 45 bis 69 Jahren. Für diese Altersgruppe weisen internationale Untersuchungen das beste Nutzen-Risiko-Verhältnis für die Teilnahme an einem Screening auf. Die e-card dieser Frauen ist seit Juli alle zwei Jahre für die Früherkennungsmammographie freigeschaltet. Sie können nur mit der e-card zur Untersuchung gehen. Das Einladungsschreiben erhalten sie alle zwei Jahre zur Erinnerung an die Untersuchung zugeschickt.

Frauen im Alter von 40 bis 44 Jahren und ab 70 Jahren (Opt-In Zielgruppe) können sich bei der Serviceline oder auf der Programmwebsite www.frueh-erkennen.at zum Programm anmelden. Sie gehen mit der Einladung und ihrer e-card zur Früherkennungsmammographie. Die Einladung erhalten sie rund fünf Werktage nach der Anmeldung. Da die Nutzen-Risiko-Bilanz für Frauen dieser Altersgruppen nicht so eindeutig ausfällt wie für Frauen der Kernzielgruppe, ist es wichtig, dass sich diese Frauen aktiv für die Teilnahme am Programm entscheiden. Daher ist ein Opt-In vorgesehen.

Im Unterschied zur Früherkennungsmammographie bei gesunden Frauen ohne Anzeichen einer Brustkrebserkrankung erfolgt die Mammographie zur Abklärung von Beschwerden, bei Krankheitsverdacht, bei einer Brustkrebserkrankung oder im Rahmen der Nachsorge einer Brustkrebserkrankung sowie bei familiär erhöhtem Risiko auf Zuweisung durch die Vertrauensärztin bzw. den Vertrauensarzt.

Und warum profitieren Frauen unter 40 oder über 70 Jahren nicht?

Bei Frauen unter 40 Jahren ist das Brustgewebe meist so dicht, dass bei einer Mammographieaufnahme gesundes Gewebe viel schwieriger von krankem Gewebe unterschieden werden kann. Zudem ist Brustkrebs bei jungen Frauen seltener und ihr Brustgewebe ist empfindlicher gegenüber Röntgenstrahlen. Es ist nicht auszuschließen, dass die Mammographie aufgrund der deutlich erhöhten Strahlensensibilität des Brustdrüsengewebes bei jungen Frauen sogar schädlich sein kann - aufgrund des Risikos durch wiederholte Röntgenbestrahlung könnte Brustkrebs ausgelöst werden. Daher wird die Mammographie als systematische Früherkennungsuntersuchung für unter 40-jährige Frauen weltweit von keiner medizinischen Fachgesellschaft empfohlen.

Für Frauen von 70 bis 74 Jahren konnte bisher in wissenschaftlichen Untersuchungen nicht sicher nachgewiesen werden, dass durch die Teilnahme an einem Brustkrebs-Früherkennungsprogramm die Brustkrebssterblichkeit in dieser Altersgruppe vermindert wird.

Für Frauen ab 75 Jahren gibt es bis heute keine wissenschaftlichen Untersuchungen, um den Nutzen oder die Risiken einer Mammographie-Untersuchung beurteilen zu können. Nicht zuletzt zeigt die Todesursachenstatistik der Statistik Austria deutlich, dass in diesem Alter andere Erkrankungen im Vordergrund stehen, allen voran Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Welche Risiken birgt eine Mammographie?

Risiken einer Mammographie-Untersuchung liegen in falsch positiven Befunden (auffälliger Befund, obwohl keine Brustkrebserkrankung vorliegt), falsch negativen Befunden (unauffälliger Befund, obwohl eine Brustkrebserkrankung vorliegt), Überdiagnosen (eine Brustkrebserkrankung, die zu Lebzeiten der Frau nicht auffällig geworden wäre und keine Beschwerden hervorgerufen hätte) sowie Übertherapien (Behandlung von Überdiagnosen), Strahlenbelastung und Intervallkarzinome (Karzinome, die sich zwischen zwei Früherkennungsmammographien bilden).

Warum bringt eigentlich ein jährliches Screening kein besseres Ergebnis als ein zweijähriges?

Da gibt es mehrere Gründe:

  • Der Nutzen und die Risiken der Mammographie-Untersuchung wurden weltweit in großen Studien mit mehr als 600.000 Frauen untersucht. Daraus wurden international in den meisten Ländern Empfehlungen für eine Mammographie alle 2 Jahre für Frauen von 50 bis 69 Jahren abgeleitet.
  • In Österreich wurde nach eingehender Diskussion und Analyse verschiedener medizinischer Expertinnen und Experten gemeinsam mit der Österreichischen Ärztekammer das bisher schon im Rahmen der Brustkrebs-Früherkennung (Vorsorgeuntersuchung) vorgesehene 2-jährige Intervall für die Mammographie-Untersuchung bestätigt.
  • Derzeit gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg für einen zusätzlichen Nutzen von Screening-Programmen mit jährlich durchgeführten Mammographien gegenüber Screening-Programmen mit längeren Intervallen.
  • Durch die steigende Anzahl an Mammographien bei einjährigen Intervallen wäre eine Zunahme der falsch positiven Befunde (auffällige Befunde, obwohl keine Brustkrebs-Erkrankung vorliegt) und Überdiagnosen (eine Brustkrebserkrankung, die zu Lebzeiten der Frau nicht auffällig geworden wäre und keine Beschwerden hervorgerufen hätte) sowie Übertherapien (wie operative Eingriffe bis hin zur Brustentfernung, Chemotherapie, Strahlentherapie) zu erwarten, was zu einer Verschlechterung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses führen würde.

Welche Personengruppen kommen derzeit zum Screening und welche noch nicht?

Erfahrungsgemäß wird das Programm von der jüngeren Hälfte unserer Hauptzielgruppe der 45- bis 69-Jähringen am besten angenommen. Frauen zwischen etwa 45 und 55 sind meist bereits von Haus aus am besten über das Thema Mammographie informiert. Wir möchten verstärkt jene Frauen der Kernzielgruppe ansprechen, die noch nie bei der Mammographie waren. Es ist uns bewusst, dass diese Frauen schwierig zu erreichen sind. Wir erreichen Sie jedenfalls über die Einladungsbriefe und über Informationsmaßnahmen im Rahmen der Infokampagne wie Inserate oder Plakate. Ende 2015 werden alle Frauen der Kernzielgruppe einen Einladungsbrief erhalten haben. Genaue Zahlen über die Verteilung der Gruppen, z.B. nach Altersstufen oder Bundesländern, werden Inhalt der Programmevaluierung sein.

Was kann jede einzelne Frau machen, um Brustkrebs vorzubeugen bzw. diesen rechtzeitig zu erkennen?

Generell sind ein gesunder Lebensstil und Normalgewicht vorbeugend für viele Erkrankungen sinnvoll und empfehlenswert. Es ist wichtig, dass eine Frau sich bei Veränderungen der Brust wie z.B. tastbare Knoten, Dellen oder Verhärtungen der Haut, sichtbare Verformungen, Hautveränderungen oder Einziehungen der Brustwarze, Blutungen oder andere flüssige Absonderungen aus der Brustwarze so rasch wie möglich an die Ärztin bzw. den Arzt ihres Vertrauens wendet. Wenn in ihrer Familie Fälle von Brustkrebs aufgetreten sind, soll die Frau bitte genauso mit ihrer Ärztin/ihrem Arzt darüber sprechen. Gesunde Frauen ab 40 Jahren ohne Anzeichen einer Brustkrebserkrankung können im Rahmen des qualitätsgesicherten Österreichischen Brustkrebs-Früherkennungsprogramms alle zwei Jahre eine Früherkennungsmammographie durchführen lassen.

 

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