Was Sex-Blockaden verursacht und wie man sie lösen kann

Wir sprachen mit Experten über Ursachen und Behandlung. Denn viele Blockaden wurzeln tiefer, als man denken mag.

Wie ist Sex ohne Blockaden?

Na, wie - geil natürlich. Wie eine gebutterte Rutschbahn in einen Swimmingpool voll Schlagobers. Der Typ berührt dich unten, und von dort fährt dir eine Stichflamme durch den Bauch bis hinauf zur Kehle. Deine Lippen öffnen sich, du saugst die Luft tief und noch tiefer in deinen Körper. Du atmest langsam aus, stöhnst dabei und verschwendest keinen Gedanken daran, ob du tierisch oder brünftig oder sonst wie klingst. Dein Körper fühlt sich an, als würde eine Meeresbrandung mit ihm spielen. Vielleicht spielst du auch selbst ein wenig mit ihm, um ihn noch besser zu spüren. Und wenn du den Orgasmus kommen fühlst, wirst du ganz weich - und offen wie ein Tor zum Himmel.

Und wie ist Sex mit Blockaden

Na ja. Er findet statt. So wie der Stop-and-go-Verkehr im Freitagsstau. Manches daran fühlt sich vielleicht gar nicht so schlecht an. Aber irgendwann kommt man an einen Punkt, wo es eng wird. Und zwar im Wortsinn. Sagen wir, der Mann verschwindet mit seinem Kopf zwischen deinen Beinen. Oder er will dir einen saftigen Zungenkuss geben. Oder er hört einfach auf, den Gentleman zu spielen und wird zum Hengst. Und du? Hast plötzlich keinen Platz mehr in deinem Körper. Ob unten, oben oder in der Mitte, irgendwo ist auf einmal der Verkehr abgeriegelt. Straßensperre. Es fließt nicht mehr, alles steht erst mal. Du atmest flach, kriegst die Luft nicht bis in den Bauch runter. Manchmal wird der Körper auch steif wie ein Bügelbrett. Totstell-Reflex aus Angst, sagen die Psychologen. Und im Extremfall kommt es sogar zum Vaginismus, sprich: Scheidenkrampf. Einfahrt verboten. Shit, denkst du dir, was macht der Typ da bloß. Wenn du mutig bist, sagst du dann: "Sorry, aber ich habe mich gerade total eingekrampft." Ansonsten tust du so, als wär' nix und lässt ihn einfach weitermachen - bist im Kopf aber ungefähr so lustvoll wie eine Hausmeisterin beim Stiegenwaschen. Und nachher? Springst du auf und würdest dich am liebsten beuteln wie ein nasser Hund.

Was ist da eigentlich los?

Sexualtherapeut Dr. Dieter Schmutzer: "Man stößt psychisch an Grenzen, die sich durch körperliche Symptome bemerkbar machen. Das sind zum Beispiel Angstschwellen, über die man glaubt, nicht drüber zu kommen." Die Lebensberaterin und Tantra-Lehrerin Mag. Helena Krivan sagt: "Alles, was tabuisiert ist, lässt eine Schranke im Kopf fallen. Das kann ein gesellschaftliches Tabu sein oder andere Dinge, die man aus seinem Erleben ausgrenzt, wo man nicht hindenken darf und lieber wegschaut. Und je mehr solcher Dinge es in einem gibt, umso enger wird der Bewegungsspielraum." Anders ausgedrückt: um so weniger Wege stehen den Lust-Impulsen offen, um sich im Körper zu tummeln. Aus medizinischer Sicht sind es die Muskeln, die sich in bestimmten Bereichen so verspannen und verkrampfen, bis sie wie ein lebendiger Panzer den Körper umschlingen. Nach fernöstlicher Anschauung ist es die Lebensenergie Chi (chinesisch) oder Prana (indisch), die auf ihrem Fluss durch den Körper in einem der Zentren (Chakren) gebremst und aufgestaut wird. Doch egal, ob man jetzt die materielle oder die feinstoffliche Ebene betrachtet - das Prinzip ist: Da geht's nicht weiter. Sackgasse.

Woher kommen Blockaden?

Aus tausend Ecken. Da sind zum Beispiel die schon erwähnten Tabus. "Ein anständiges Mädchen tut so etwas nicht." Und diese Tabus müssen nicht einmal bewusst sein, so Dr. Schmutzer: "Gewisse Glaubenssätze muss einem keiner drei Mal laut vorsagen. Es reicht, wenn es unter der Hand weiter tradiert wird, durch Mimik, in Nebensätzen und Mythen." Sein markantestes Beispiel: "Ich hatte einmal eine Klientin, die im Genitalbereich chronisch Entzündungen hatte. Dabei war die Beziehung zu ihrem Mann voll in Ordnung. Erst nach einigen Stunden sind wir draufgekommen, dass sowohl ihre Mutter als auch ihre Tante vom Großvater sexuell missbraucht worden waren. Und obwohl ihr als Jugendliche nie jemand etwas davon gesagt hat, hat sie unbewusst die sexuellen Ängste dieser Frauen übernommen - und in Form von Ekzemen ausgedrückt."

Gewisse Tabus muss einem keiner drei Mal laut vorsagen. Es reicht, wenn es unter der Hand weiter tradiert wird, durch Mimik, in Nebensätzen und Mythen.
von Dr. Dieter Schmutzer, Sexualtherapeut

Stichwort Missbrauch oder Vergewaltigung: solche traumatischen Erfahrungen verursachen natürlich die stärksten Blockaden. Die meisten Frauen, die so etwas erlebt haben, berichten davon, dass sie sich währenddessen gewissermaßen tot gestellt und gefühlsmäßig voll aus ihrem Körper zurückgezogen haben. Ein sinnvoller Selbstschutz in dieser Situation - später allerdings ein schwer zu überwindendes Verhaltensmuster. "Die Frage ist", so Tantra-Lehrerin Helena Krivan, "wie gehe ich mit solchen Übergriffen um? Schaue ich mir gründlich an, was da passiert ist, oder verdränge ich die ganze Sache?" - In letzterem Fall liegt das Verdrängte wie altes Gerümpel auf dem Dachboden herum. Und türmt sich so hoch auf, dass es nicht möglich ist, einfach drüberzusteigen.

Eine Blockade kann aber auch ohne "richtigen" sexuellen Missbrauch hervorgerufen werden: Als Teenager angegrapscht werden, aufgezwungene Zärtlichkeiten ("Lass dich vom Opa küssen, Kindchen!") in jungen Jahren oder auch nur anzügliche Bemerkungen à la "Schau, schau, unser Mädchen hat ja schon einen richtigen Busen!" können ausreichen, um im Körper ein striktes Nein! zu manifestieren. "Man baut gegen die ,Schockenergie' einen Panzer auf, der sich ganz konkret in Spannungen ausdrückt. Das kann ein einzelner Muskel sein oder ein ganzer Bereich", weiß Mag. Krivan.

Unangenehme sexuelle Erfahrungen mit einem früheren Partner speichert der Körper - und geht auch beim nächsten Mann in Abwehrhaltung.
von Mag. Helena Krivan, Lebensberaterin und Tantra-Lehrerin

Weitere Ursachen, die das Lustempfinden blockieren: zum Beispiel die "ganz normalen" Ängste, nackt nicht gut auszusehen. Oder unangenehme sexuelle Erfahrungen mit einem früheren Partner, der sich ungeschickt oder grob angestellt hat oder etwa immer zu früh gekommen ist. Auch solche Dinge speichert der Körper - und geht auch beim nächsten Mann in Abwehrhaltung.

Kann man sie wieder loswerden?

Im Prinzip ja. Sexualtherapeut Dr. Dieter Schmutzer meint: "Grundsätzlich kann alles, was an Blockaden errichtet wurde, auch wieder abgebaut werden. Aber: Es kann ein langwieriger und schmerzender Prozess sein. Und wenn man einen Partner hat, muss der sehr, sehr geduldig und einfühlsam sein." Das Wichtigste, so Helena Krivan, "ist einfach, dass man erkennt, was mit einem los ist. Denn erst, wenn einem das Problem bewusst wird, hat man die Chance, es auch anders zu machen." Die Schwierigkeit beim Erkennen der eigenen Blockaden: Der Körper ist den Panzer schon so gewohnt, dass man ihn gar nicht mehr spürt. Doch wenn man - wie etwa bei Krivans Tantra-Seminaren - sich mit speziellen Übungen intensiv auseinandersetzt, "kann es schon ziemlich schnell gehen, dass man Veränderungen herbeiführt. Man stößt im späteren Leben vielleicht immer wieder mal an die alten Grenzen - aber dadurch, dass man sie erkennt, kann man besser damit umgehen."

Niederreißen kann man sexuelle Blockaden nicht. Viel eher schon niederstreicheln oder rausatmen. Lockerungstipps von Tantra-Lehrerin Mag. Helena Krivan und Sexualtherapeut Dr. Dieter Schmutzer.

Die Beckenschaukel. Eine einfache Übung, um Blockaden des Körpers oder hemmende Gedanken bewusst zu machen. Sie sitzen im Schneidersitz, Hände auf den Schenkeln. Dann rollen Sie das Becken vor und zurück, also: Hohlkreuz, dann Rundrücken. Beim Vorrollen atmen Sie tief ein, beim Zurückschaukeln aus, und zwar mit stimmlicher Unterstützung: "Haaaah". Nach ein paar Minuten - Sie dürfen das Tempo variieren - merken Sie schon, welche Gedanken dabei hochkommen - und ob Sie diese Bewegung locker ausführen können.

Starre lösen. Wenn Ihr Körper sich beim Sex "steif wie ein Bügelbrett" anfühlt, versuchen Sie zunächst, Ihren Körper zu entspannen. Da die Luft im Brustkorb steckt und festgehalten wird, hilft bewusstes Ausatmen - tiefes Einatmen geschieht dann wie von selbst. Wichtig: Atmen Sie immer länger aus als ein. Zählen Sie etwa beim Einatmen bis drei, beim Ausatmen bis fünf. Oder: Einatmen bis fünf, Ausatmen bis zehn.

Herzöffnung. Die Übung für mehr Innigkeit wird gemeinsam mit einem Partner ausgeführt, der auch innerlich bereit ist, Ihnen sein Herz weiter zu öffnen. Sie sitzen einander gegenüber und schauen sich in die Augen (leichter: nur ins linke Auge). Versuchen Sie, den anderen sein zu lassen, wie er ist - und das größere Prinzip, das hinter ihm steht, zu erblicken. Vergessen Sie nicht, dabei zu atmen. Sie werden spüren, wie sich in dem Spannungsfeld zwischen Ihnen etwas tut. Achtung: Diese Übung kann so tief gehen, dass manche sie kaum ertragen.

Befreiung der Kehle. Die einfachste Lockerungsübung: täglich laut singen. Oder schreien. Der ganze Körper vibriert, das Tor für Gefühle öffnet sich.

Kuss-Enthemmung. Blockaden, sich beim Küssen zu öffnen, sind gar nicht so selten. Hilfreich: Der Partner macht eine gefühlvolle und dennoch kräftige Gesichts-massage mit warmem Öl. Besonders wichtig sind die Kaumuskeln am Unterkiefer und die Region um den Mund. Die Lippen können zwischen Daumen, Zeige- und Mittlefinger geknetet werden. Prinzipiell gilt: Jeder Region, die blockiert ist, kann durch gefühlvolle Massagen frische Energie zugeführt werden.

Mentale Bilder. Funktioniert nach dem Grundsatz: Die Energie folgt der Vorstellung. Machen Sie es sich bequem, stellen Sie sich angenehme, wärmende Bilder vor. Etwa: Ich schicke ein sanft loderndes Feuer auf eine Reise durch meinen Körper. Oder: Ein tropischer Wasserfall prasselt auf meine Haut, und ich fühle, wie die Tropfen langsam an mir herabfließen. Das hilft, um vom Kopf wieder ins Fühlen zu kommen. Empfehlung: "Trocken" üben, also nicht erst beim Sex!

Vertrauen aufbauen. Das Wichtigste, wenn ein Partner blockiert ist: Geduld haben. Druck verstärkt die Blockade nur. Stattdessen immer wieder darüber reden. Zum Beispiel zugeben: Wenn wir das machen, krampfe ich mich ein. Oder aber: Das finde ich jetzt angenehm.

 

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