Was passiert eigentlich mit unserer ausgemisteten Kleidung?

Alle misten aus. Doch was geschieht eigentlich mit den Kleiderbergen, die täglich in Sammelcontainern landen?

Ausmisten

Stapelweise prall gefüllte Plastiksäcke, Berge von Jacken und Hosen, große Metallkörbe gefüllt mit Schuhen und Taschen und dazwischen eine Handvoll Menschen an langen Tischen, die jedes Stück mit routinierten Handgriffen einzeln begutachten: Das Sortierwerk der Volkshilfe Wien ist eine großzügige Industriehalle im dritten Bezirk.

Recycling von Fast Fashion fast unmöglich

Rund 500 Tonnen Alttextilien kommen hier jährlich an, mehrmals pro Woche bringen Lkws neuen Containerinhalt. Zuerst wird grob sortiert: Es wird zwischen A-Ware für eigene Sozialprojekte und Secondhand-Shops (rund 15 Prozent fallen in diese Kategorie) und B-Ware zum Weiterverkauf an zertifizierte Großhändler unterschieden. Etwas mehr als die Hälfte wird zu Dämmstoffen oder Putzlappen verarbeitet oder an professionelle Altkleiderrecycler verkauft. Ein nicht mehr brauchbarer Bettbezug etwa ist B-Ware.

"Wenn etwas zerrissen oder stark verschmutzt ist, können wir nichts mehr damit anfangen", erklärt Ella Rosenberger, Betriebsleiterin der Volkshilfe Wien. Während sich reine Baumwollstoffe dabei jedoch immerhin noch gut zur Weiterverarbeitung eignen, führt der wachsende Anteil an billig produzierter Fast Fashion mit Mischgeweben zu Problemen - denn der Mix aus Natur- und Synthetikfasern kann zurzeit noch nicht adäquat recycelt werden. Was weder A-noch B-Kriterien entspricht, fällt in die Kategorie Restmüll. Solche Kleidungsstücke, die nur noch entsorgt werden können, landen laut Ella Rosenberger immer öfter im Container. Sie spricht von einem tatsächlichen Müllanteil von zehn bis zwölf Prozent. Die kontinuierlich sinkende Qualität der Kleiderspenden beobachtet man auch bei der Caritas seit Längerem.

Genau wie die Volkshilfe sortiert sie ihre Kleiderspenden in Österreich, einen Teil davon im Caritas-Lager im fünften Wiener Bezirk, kurz Carla. Hunderte Boxen sind hier dicht in Regalen verstaut. Jede ist beschriftet: Badetaschen, Sommerhüte, Vintage-Fashion - daneben Schneiderbüsten, die bunte Blazer und wuchtige Kleider tragen. Der Ort erinnert an Omas Dachboden. Ausgewählte Stücke werden mitunter sogar mit Nadel und Faden aufgearbeitet. Wie man der Problematik der Wegwerfmode hier entgegentritt, hat etwas Tröstliches.

Altkleider für den guten Zweck

Sowohl Caritas als auch Volkshilfe sind sogenannte Non-Profit-Organisationen, deren Umsätze karitativen Zwecken zugeführt werden. Beiden dient das Altkleiderrecycling zugleich als Beschäftigungsinitiative. Die Preise in den Shops orientieren sich an Menschen mit geringen finanziellen Mitteln. Das Geschäft mit gebrauchter Kleidung hat hier vorrangig den Zweck, zu helfen. Gesammelt wird zunehmend aber auch von privaten Unternehmen, die in einer Grauzone zwischen gemeinnützig und profitorientiert arbeiten - Humana ist eines davon. Der Sortiervorgang ist zwar ähnlich - A-Ware für die eigenen Shops, B-Ware für die Großhändler; Restmüll -, allerdings ist man mit den Abnehmern nicht ganz so streng. Man könne kaum mehr nachverfolgen, wer die B-Ware kaufe und was damit gemacht werde, so Henning Mörch, Geschäftsführer von Humana Österreich.

Das Sortierwerk von Humana befindet sich in der Slowakei. Es ist wesentlich größer als vergleichbare Werke und verfügt über Fließband und Textilpresse. Auf diese Art produzierte Kleiderbündel würden, so erfahren wir im Zuge der Recherchen, auf den Weiterverkauf nach Afrika hindeuten. Im Fall von Humana ist ein solcher Handel schon aufgrund der enormen Menge gesammelter Altkleider wahrscheinlich - das Unternehmen verfügt über mehr als 2.200 Boxen in Österreich; die Volkshilfe kommt auf 200, die Caritas hat aktuell 240 Sammelcontainer. Konkret äußern möchte man sich bei Humana dazu aber nicht. Fest steht: Rund 400.000 Tonnen gebrauchter Kleidung werden jährlich in den Häfen Afrikas ausgeladen. Über die Auswirkungen dieser Textilschwemme sind sich KennerInnen der Branche jedoch uneinig: Während die einen argumentieren, dass die billigen Secondhand-Importe aus Europa und die daraus entstandene Industrie die lokale Textilwirtschaft zerstören und ganze Städte vermüllen, sehen andere sie als Lebensgrundlage vieler Kleinhändler. Dass manche afrikanische Regionen bereits mit Einfuhrverboten reagieren, spricht aber für Ersteres.

Aus Altkleidern wird Kunst

Einer, der sich auf völlig andere Art mit dem Thema beschäftigt, ist Jojo Gronostay, Gründer von Dead White Mens Clothes. Für sein Modelabel arbeitet der aus Berlin stammende und in Wien lebende Künstler ausschließlich mit Kleidungsstücken, die in Altkleiderboxen entsorgt werden und schließlich in Ghana - Jojo Gronostay hat hier familiäre Wurzeln - ankommen. Auf dem Kantamanto-Markt in Accra, einem der größten Umschlagplätze für europäische Secondhandkleidung, kauft er regelmäßig Teile, um sie als kuratierte und mittels Logoprints neu gestaltete Unikate zurück auf den westlichen Modemarkt zu bringen.

Seine Kollektionen sollen dabei nicht nur avantgardistische Fashionstatements, sondern vor allem ein Denkanstoß, eine bewusste Irritation sein, die bereits beim Markennamen Dead White Mens Clothes beginnt: "Als in den Siebzigern die erste große Secondhand-Welle nach Afrika kam, gingen die Einheimischen davon aus, es handle sich um die Kleidung Verstorbener. Dass sich Leute freiwillig von den Stücken trennten, war für sie kaum vorstellbar. Die Ghanaer nennen die gebrauchte Kleidung 'Obroni wawu' - übersetzt: 'Kleidung toter weißer Männer'." Gerade hat Jojo Gronostay eine Capsule Collection mit einer Siebdruckerei und einer Stickerei in Ghana kreiert. Für ihn ist klar, dass all jene, mit denen er vor Ort kooperiert, fair bezahlt werden und ein Teil der Verkaufserlöse in das Land zurückfließen sollen: "Nicht zuletzt dafür, dass das Projekt dort geboren ist."

Was tun?

An den Schäden, die Überproduktion und -konsum Mensch und Umwelt zufügen, können wohl weder Altkleiderspenden noch aufrüttelnde Kunstprojekte etwas ändern. Sie leisten im besten Fall Schadensbegrenzung und fungieren als Müllverwerter. Selbst die Tatsache, dass Secondhand zu den am schnellsten wachsenden Sparten der westlichen Bekleidungsindustrie zählt, vermag (noch) nicht für nachhaltige Veränderungen im System zu sorgen. Dennoch lohnt es sich, zu versuchen, im Kleinen Kreisläufe zu schaffen - auch, wenn das nur bedeutet, zu hinterfragen, in welchem Zustand und vor allem wo und wem man seinen ausgemusterten Pulli hinterlässt.

 

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