Was lernen wir durch die Verwendung von Dating-Apps über uns?

Was lernen wir aufgrund unserer Dates über uns selbst und die Gesellschaft? Psychologin und Journalistin Pia Kabitzsch gibt im Interview Antworten.

Online Dating Interview

Viele Beziehungskonzepte und traditionelle Rollenbilder sind überholt. Dating-Apps wie Tinder, Bumble und Co haben die Art, wie wir daten und unsere Beziehungen führen, revolutioniert. Wenn das Ziel nicht mehr ist, eine*n Partner*in für die Ewigkeit zu finden, was sind die Regeln des neuen Dating-Games? Autorin Pia Kabitzsch hilft, sich im Dating-Dschungel zurechtzufinden.

WIENERIN Daten wir heute anders als unsere Eltern damals?

Pia Kabitzsch: Frauen sind viel unabhängiger geworden. Wir brauchen keinen Mann, außer wir wollen ein Kind bekommen. Das hat uns auch im Dating unabhängig gemacht. Ein reicher Mann ist nice to have, aber wenn er nicht den Versorgerjob hat, ist das kein Ausschlusskriterium mehr. Außerdem steht uns durch Onlinedating die Welt offen! Unsere Eltern haben nur die Menschen kennengelernt, die in derselben Straße gewohnt haben, Arbeitskollegen oder Freunde von Freunden waren. Ich wohne in Berlin und war noch nie an dem Punkt, an dem ich nicht mehr weiterswipen konnte. Das finde ich total faszinierend!

Ist das nicht weniger romantisch?

Ich persönlich finde es romantisch, sich im Internet kennenzulernen. Ob man sich matcht und dann miteinander schreibt, ist von vielen Faktoren abhängig: ob dir das Profil überhaupt angezeigt wird, wie weit entfernt ihr euch voneinander befindet, ob du gerade die Kapazität und Lust hast, auf Nachrichten zu antworten, et cetera. Ich finde es schön, wenn man sich im riesigen Onlinedating-Dschungel findet.

Warum installieren und de­installieren wir Dating-Apps immer wieder aufs Neue?

Story of my life! (Lacht.) Ich habe das total häufig gemacht. Das Stichwort ist „Dating-Burn-out“: Irgendwann ist man einfach so müde vom Dating, weil es wirklich sehr frustrierend sein kann. Man lässt sich immer wieder emotional auf eine neue Person ein, nur um dann beim ersten, zweiten Date zu bemerken, dass es nicht passt. Und dann geht alles wieder von vorne los. Eine große Auswahl ist eigentlich toll, aber daraus das Beste für sich zu finden ist sehr anstrengend. Das ist das große Problem am Onlinedating: Man will sich einfach nicht festlegen, weil es immer noch jemand Besseren geben könnte.

Man hört oft, dass man nach jeder Beziehung lernt, was man will und was nicht. Stimmt das?

Ja! Deswegen sage ich auch immer, es gibt keine schlechten Dates. Jede gute Erfahrung zeigt dir, wo­rauf du stehst, jede schlechte, was du vermeiden möchtest. Ich habe gelernt, mehr auf mein Bauchgefühl zu hören, wenn ich bei Dates schon vorher weiß, dass da was nicht passt. Meistens stimmt mein Bauchgefühl; und ich habe gelernt, Dates zu beenden, wenn ich nicht zwei Stunden mit einem Typen im Restaurant sitzen will, den ich eigentlich nicht mag.

Das heißt, wenn man viel datet, wird man darin auch besser?

Dating ist tatsächlich Übungs­sache. Bei meinem ersten Tinder-Date war ich extrem aufgeregt, mittlerweile ist es ganz einfach, neue Personen kennenzulernen. Was ich gelernt habe, ist, nicht zu hohe Erwartungen zu haben. Deswegen gehe ich immer mit der Einstellung in ein Date, einfach einen schönen Abend zu haben, egal, in welche Richtung. Vielleicht ist es die Liebe meines Lebens, vielleicht ist es eine gute Sex-Bekanntschaft oder eine neue Freundschaft. Das sind doch alles coole Ergebnisse.

Warum ist es oft so einfach, Menschen, die man gedatet hat, zu ignorieren?

Ghosting ist einfach der "easy way out". Eine Studie hat gezeigt, dass manche tatsächlich denken, sie tun der anderen Person weniger weh, wenn sie sie ghosten, als wenn sie ihr sagen, dass sie sie nicht toll finden. Dabei sind die meisten einfach nur dankbar für eine klare Ansage! Mir hat es geholfen, mich mit Konzepten wie Ghosting, Breadcrumbing et cetera vertraut zu machen. Wenn du dann geghostet wirst, weißt du, das ist einfach Part of the Game. Du bist nicht die Einzige, die geghostet wird.

Was sagen diese Datingtrends über uns und die Gesellschaft?

Man sagt ja, wir leben in einer Wegwerfgesellschaft, und ich würde sagen, das trifft heutzutage schon auch ein bisschen auf Dating zu. Der Nächste ist halt leider nur einen Swipe entfernt. Anstatt an der Beziehung zu arbeiten, kann man sich gleich jemand anderen suchen, der besser passt. Heute ist alles so schnelllebig. Wir wollen direkt eine Antwort, ein Match, das Date, einen Typen finden. Wir sind es einfach nicht mehr gewohnt, auf irgendwas zu warten. Dafür werden wir in jedem neuen Date herausgefordert. Durch jedes Gespräch reflektiert man sich selbst und erweitert seinen Horizont. Wir lernen, was uns bei einem Partner wichtig ist, worauf wir stehen, was unsere sexuelle Orientierung ist und vieles mehr.

Was sind deine Datingtipps?

Ein authentisches Profil ist superwichtig! Es ist deine Möglichkeit, zu kommunizieren, wer du bist und was du suchst. Ich rate auch immer wieder, Datingpausen einzulegen und nicht den Spaß daran zu verlieren. Mach dir einfach eine gute Zeit und scheiß auf alle Regeln! Wenn du ein gutes Date hattest, dann schreib der Person und sag genau das. Warte nicht drei Tage, denn in den drei Tagen – da gibt es auch Studien dazu – hat die Person vielleicht schon wieder das Interesse verloren.

 

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