Was können Eltern tun, die momentan mental an ihre Grenzen kommen?

Wenn Feuer am Dach ist, bekommen das vor allem die Hilfseinrichtungen mit. Sie berichten, dass durch die Pandemie noch mehr Kinder und Eltern belastet sind als sonst. Expertin Corinna Harles im Interview.

Was können Eltern tun, die momentan mental an ihre Grenzen kommen?

Vera Baubin vom Verein HPE, die als Pädagogin seit 15 Jahren mit Kindern psychisch erkrankter Eltern arbeitet, berichtete unserer Autorin Jana Reininger: "So problematisch wie während der Coronapandemie waren die Umstände zuvor nie. Durch die Alltags­einschränkungen und Bedrohungen der Pandemie verstärken sich die Ängste, die Sorgen und die Einsamkeit der ohnehin schon belasteten Kinder."

Und auch, wenn niemand in der Familie aktiv erkrankt ist, können Belastungen wie die der vergangenen ­Monate schnell das familiäre Gleichgewicht stören und psychische Probleme hervorrufen. Geht es einem dann als Elternteil schlecht, fühlt man sich schnell wie auf Glatteis: balancierend, versuchend, aufrecht zu bleiben und alles unter Kontrolle zu behalten, während man das Gefühl hat, jederzeit fallen zu können. Auch bei 147, dem Notruf von Rat auf Draht, riefen im Zuge der Coronakrise nicht nur vermehrt Kinder und Jugendliche, sondern auch immer mehr Eltern an. Daher wurde das Angebot ausgebaut und elternseite.at als Beratungsplattform entwickelt. Wir sprachen mit Corinna Harles, der psychologischen Leiterin des Projekts, über die Situation.

Was können Eltern tun, wenn es ihnen selbst gerade nicht gut geht?

Corinna Harles: Sehr wichtig ist, dass man seine Gefühle ernst nimmt und sich das Ausmaß ansieht. Bei einer vorübergehenden Verstimmung helfen vielleicht schon die eigenen Strategien, es sich besser gehen zu lassen. Wenn die Beeinträchtigung aber schon längere Zeit anhält und das Leben erschwert, man zum Beispiel mit den Alltagsanforderungen nicht mehr zurechtkommt, sollte man sich Hilfe von außen holen.

Was wären Warnsignale, bei denen die Alarmglocken schrillen sollten?

Jeder Mensch hat andere Warnzeichen, aber wenn man sehr angespannt und gereizt ist, nicht mehr ein- oder durchschlafen kann, Ängste entwickelt, die Verzweiflung nicht mehr aufhört und man keinen Kopf mehr für andere Menschen hat, sollte man aufmerksam werden; vor allem, wenn es auch die eigenen Kinder betrifft. Alarmierend ist, wenn der Alkoholkonsum steigt, man keinen Ausweg mehr sieht und Suizidgedanken hat. Da ist es notwendig, mit jemandem zu sprechen, um eine neue Perspektive zu bekommen.

Was, wenn es dem Partner oder der Partnerin nicht gut geht?

Man kann unterstützen und anbieten, Hilfe zu suchen, aber wenn der andere nicht bereit ist, seine Probleme anzugehen, kann man ihn nicht dazu zwingen. Die Sache ist: Wenn man ständig ausgleicht und die emotionale Last übernimmt, hält man ein System aufrecht, das nicht gut ist. Dann ist es wichtig, auf seine Grenzen zu achten und sich nicht zu viel aufzuladen. Sonst sind am Ende beide ausgebrannt – und das ist gerade mit Kindern noch schwieriger.

Wie können Väter und Mütter ihre Kinder schützen, wenn es psychisch belastete Episoden in der Familie gibt?

Wenn ein Elternteil psychisch erkrankt, ist es wichtig, Kindern altersgerecht zu erklären, was los ist, und sie über die Krankheit aufzuklären. Kinder suchen die Schuld oft bei sich. Man muss ihnen klar sagen, dass es nichts mit ihnen zu tun hat, dass der betroffene Elternteil sie trotzdem lieb hat und die Verantwortung bei den Erwachsenen liegt. Sie übernehmen sonst zu viel Last, es kann zu einer Rollenumkehr kommen, und das ist natürlich nicht gut.

Nicht gut auch auf längere Sicht, richtig?

Kinder, die damit aufwachsen, sich um Mama oder Papa kümmern zu müssen, deren Bedürfnisse keinen Platz haben, lernen nicht ausreichend, auf sich selbst zu hören. Später wird es ihnen schwerfallen, ihre Grenzen und Bedürfnisse wahrzunehmen. Viele Kinder entwickeln auch eine erhöhte Sensibilität gegenüber den Stimmungen und Launen anderer. Sie nehmen kleinste Veränderungen wahr und versuchen, auszugleichen – eine Überlebensstrategie, die später zum Problem werden kann, wenn sie sich nicht abgrenzen können oder ständig in Alarmbereitschaft sind. In emotional belasteten Situationen kann es also günstig sein, Kinder geeignete Gruppen, Einzelberatung oder Therapie besuchen zu lassen, wo sie sich mit anderen austauschen können und lernen, dass ihre Gefühle und Grenzen wichtig sind; wo sie Strategien entwickeln können, auch ihren Eltern gegenüber Grenzen zu setzen.

Gibt es weitere Faktoren, die Kinder schützen?

Am wichtigsten ist, dass sich die Eltern helfen lassen, dass es eine gesunde Schutz- und Bezugsperson gibt und eine altersgerechte Auf­klärung über die Erkrankung erfolgt. Ich glaube auch, dass nicht darüber zu reden und sich nicht auszukennen zu vielen Ängsten, Schuldgefühlen und Problemen bei Kindern führt. Es ist schon gut, wenn sie wissen, dass das, was passiert, nicht normal ist – wenn man weiß, da geht es wem schlecht, aber ich kann nichts dafür und ich darf und muss sogar auf mich schauen, dann kann man die Situation ganz anders verarbeiten.

Wie ist es aktuell in der Beratungsfunktion? Ist gerade viel los?

Die Zeit war und ist belastend für viele Familien. Auffällig ist: In der Krise funktionieren die Menschen oft noch irgendwie, denn sie müssen ja durchhalten. Wenn dann die Lockerungen kommen, merken sie oft erst das ganze Ausmaß der Erschöpfung. Bei Rat auf Draht merkt man, dass es vielen Kindern und Jugendlichen psychisch nicht so gut geht: Sie erzählen von Depressionen, Erschöpfung, Ausgebranntsein, Angst vor der Schule und Sinnlosigkeits­gefühlen bis hin zu Suizidalität. Es gibt eine generelle Verunsicherung, die man auch bei den Eltern spürt.

Wohin kann man sich wenden, wenn der Hut brennt?

Eltern und Bezugspersonen von Kindern können bei uns Termine buchen. Wenn es ganz akut ist, erreicht man rund um die Uhr die Psychiatrische Soforthilfe Wien unter 01/313 30, die Telefonseelsorge unter 142 und in Bezug auf Familien­themen auch immer den Notruf von Rat auf Draht unter 147. Das Kriseninterventionszentrum ist von Montag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr unter 01/406 95 95 erreichbar.

 

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