Was kommt nach Traiskirchen?

In der verschlafenen, südburgenländischen Heimat von WIENERIN-Autorin Martina Parker sind Flüchtlinge eingezogen. Parker hat sie besucht. Ein persönlicher Bericht.

„Jetzt glotzen sie schon wieder blöd aus dem Fenster“, sagt die 15-jährige Tamara verächtlich zu ihren Freundinnen. Die - das sind die Flüchtlinge, die seit sechs Wochen im verschlafenen südburgenländischen Dorf für Aufruhr sorgen. Keiner hat gewusst, dass sie kommen würden, bis plötzlich am Gemeindeamt zehn zumeist dunkelhäutige Männer aufgetaucht sind und nach einem Meldeschein gefragt haben. Ihre Wohnadresse direkt an der Hauptstraße: ist eines dieser Häuser, die am Land bislang als unverkäuflich galten. Zu groß, zu alt, zu hässlich. Doch seit wenigen Wochen werden genau solche Häuer für Spekulanten attraktiv. Denn durch die Flüchtlingssituation werden sie zur Goldgrube. 19 Euro erhält der Unterkunftgeber pro Flüchtling und Tag. Bei zehn Flüchtlingen sind das mindestens 5700 Euro im Monat. Abzüglich der 45 Euro pro Woche, die jeder Flüchtling für seine Versorgung erhält, bleiben da fast 4000 Euro übrig. Und der Hausherr soll bei der Landesregierung bereits um weitere zehn Asylwerber angesucht haben.

Das Dorf tobt. Handzetteln wurden verteilt, um vor der potentiellen Gefahr zu warnen. „Passt auf Eure Frauen und Töchter auf, die Asylanten sind da!“. Jetzt hat sich der Vizebürgermeister vor die Flüchtlinge gestellt. „Ich bin so erzogen worden, dass man den Schwächeren hilft“, sagt er. Er hat Kleider für die Flüchtlinge besorgt (das meiste, was gespendet wurde, war zu alt, das sind ja alles junge Burschen), ihnen erlaubt am Sportplatz Fußball zu spielen (sie spielen immer barfuß, um ihre Turnschuhe zu schonen) und sie zum Langos essen eingeladen (weil Frankfurter essen die ja nicht).

Seit er sich vor die Asylanten gestellt hat, sind die lauten Hasstiraden gegen diese leiser geworden. „Passieren darf halt jetzt nichts“, sagt er: „Weil angenommen, jetzt würde irgendwo im Dorf was gestohlen werden, dann würde es gleich heißen, das waren die“.

Er nimmt uns mit ins Haus der Flüchtlinge. Es ist spartanisch, aber blitzsauber. Im 11m2 großen „Wohnzimmer“ stehen zwei Betten und eine Ausziehcouch. Die Couch wird in der Nacht zur weiteren Schlafstätte. Jetzt sitzen wir darauf. Bekommen auf einem Tablett Frucade-Werbegläsern mit Leitungswasser serviert. Rund um uns zehn junge Männer mit freundlichen, wachen Gesichtern, die uns erwartungsvoll anlächeln. Sie tragen Sportkleidung und Flip Flops. Reichen uns die Hand: „Guten Tag. Wie geht es Ihnen? Es freut mich sehr.“ Sie sind glücklich, die ersten deutschen Floskeln anbringen zu können. Ob es ihnen gut geht: „Yes, no problem“. Ob sie etwas brauchen, sich etwas wünschen? „No, no wishes!“ sagen sie.

Der Vizebürgermeister widerspricht. Sie würden gerne fernsehen, um zu wissen, was bei ihnen daheim passiert. Aber das müsse der Vermieter anmelden und zahlen und der sagt, er habe kein Geld. Über die Diakonie können die Flüchtlinge einmal die Woche nach Hause telefonieren. Das nächste gratis WLAN hat der rund 20 km entfernte Media Markt. Die digitale Nabelschnur zur Welt ist derzeit gekappt, das Smartphone dient nur mehr als Erinnerungskapsel .

Einer zeigt uns ein Handyfoto seiner Familie. Westlich gekleidete Menschen strahlen uns an. „Wer kümmert sich jetzt um die?“- „My brother“, sagt er und Tränen schießen ihm in die Augen. „Home dangerous, very dangerous“, wispert er und blickt minutenlang stumm auf das Bild auf dem Display, als wir es zurückreichen.

Er hat als Übersetzer und Vermittler für die amerikanischen Truppen in Afghanistan gearbeitet. Diese hatten versprochen, sie nach dem Abzug mitzunehmen, jedoch nicht Wort gehalten. Jetzt steht er auf der Abschussliste der Taliban.

„Die Flüchtlinge hier sind alle aus dem Mittelstand: Wirtschaftsstudenten, Elektroingeneure, Computerspezialisten“, sagt der Vizebürgermeister. „Nur die können sich die teuren Schlepper leisten.“

Ihre Beweggründe: Wer nicht für den Islamischen Staat oder den Taliban kämpft und somit selbst zum Mörder werden möchte, wird gefoltert und getötet. Also senden die Familien vor allem ihre jungen Söhne im wehrfähigen Alter fort. Viele haben bereits Schlimmes erlebt und leiden unter postraumatischen Belastungsstörungen. Sie haben auf der Flucht alles verloren: Familie, Wohlstand, sozialen Status, Freunde, Hobbys, die vertraute Umgebung und ihre Würde. Sie sind hergekommen, weil sie gehört haben, dass in Europa alle Menschen gleich behandelt werden, egal welcher Nationalität oder Religion sie angehören. Dass sie hier im Dorf gestrandet sind, ist reiner Zufall.

Jetzt wohnen sie zu dritt oder zu viert in einem Zimmer mit Fremden. Nicht alle sprechen dieselbe Sprache. Sie dürfen nicht arbeiten, obwohl sie das gerne würden. In der Nähe gibt es nichts, womit sie sich beschäftigen können.

Jemand hat ein Fahrrad gesponsert, das tatsächlich noch fahrtauglich ist. Einer der Flüchtlinge probiert es auf der Straße aus.

„Jetzt fahren sie auch noch deppert mit dem Radl herum“, ätzt Tamara.

Integration ist nicht einfach.

Wenn auch Sie helfen möchten:

Das Grazer Online-Startup Buddyme wurde urpsünglich gegründet um Freizeitpartner zu vernetzen, in letzter Zeit wird es hauptsächlich genutzt um die Flüchtlingsproblematik zu unterstützen: Spendenaufrufe, freiwillige Mitarbeiter und Deutschunterricht wird koordiniert. In Zukunft soll die Seite auch genutzt werden, um Flüchtlinge mit Österreichern zu vernetzen (für z.B. gemeinsame Freizeitaktivitäten und Deutschunterricht), dafür sind die Initiatoren auch schon mit dem Innenministerium in Kontakt.

 

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