Was kannst du tun, wenn die Beziehung zu deiner Mutter toxisch ist?

Eltern sind für viele Menschen ein ­sicherer Hafen. Aber was, wenn die eigene Mutter einem nicht gut tut?

Toxische Mutter
"Mir wäre lieber, wenn meine Mutter mich nach der Geburt abgegeben hätte. Viele sagen mir, ich solle ihr verzeihen, sie wird für immer meine Mutter sein – aber ich werde ihr nie vergeben." Romana * (47) hat vor mehreren Jahren den Kontakt zu ihrer Mutter abgebrochen und damit einen Bruch gewagt, den Menschen in schwierigen Familienbeziehungen häufig nicht schaffen. Während sie über ihre Mutter spricht, bleibt sie sachlich, lacht an einigen Stellen bitter.

Erst am Ende des Gesprächs – auf die Frage, ob sie ihre Mutter vermisst – hat sie Tränen in den Augen. Sie wischt sie sich schnell von den Wangen. Sie gehören in eine längst vergangene Zeit. "Ich vermisse nicht sie als Mensch. Sie ist eine furchtbare Person. Aber ich bin traurig, dass ich keine Mutter-Tochter-Beziehung habe, wie es sie in anderen Familien gibt. Und ich schäme mich, dass so viel passieren musste, bevor ich glauben konnte, wie sie wirklich ist. Ich habe sie so lange nicht aufgegeben."

Vater, Mutter, Kind

Bereits als Romana ein Kind war, war der Vater die liebevolle Elternfigur in ihrer Familie. Während er seine Tochter vergötterte, nahm die Mutter sie nie in den Arm, küsste oder umarmte sie nie. Immer wieder schlug sie ihre Kinder, wenn der Vater nicht zu Hause war. Als dieser jung verstarb, blieb die Mutter mit ihren vier Kindern allein zurück. Mit 18 Jahren heiratete ­Romana einen Mann, den ihre Mutter ihr vorgestellt hatte. Sie wollte raus aus dem Elternhaus, weg von ihrer Mutter, ihr eigenes Leben beginnen – doch im Laufe der Ehe war ihr Mann immer wieder gewalttätig gegenüber Romana, sowohl verbal als auch physisch.

Als die Situation immer schlimmer wurde, flüchtete die damals junge Frau schließlich mit ihrem drei Monate alten Kind zu ihrer Mutter. Doch diese schickte sie weg. "Sie sagte mir, ich hätte diesen Mann geheiratet, also solle ich meine Pflicht als Ehefrau erfüllen. Da ich nicht wusste, was ich tun sollte, ging ich zurück zu meinem Ehemann", so Romana. Auf die Frage, ob sie heute glaube, dass ihre Mutter vor der Hochzeit gewusst habe, dass der Mann gewalttätig war, bleibt sie stumm. Sie hat darauf keine Antwort, kann aber auch nicht ausschließen, dass ihre Mutter sie wissentlich ins Unglück laufen ließ.

Erst Jahre später ließ sich Romana von ihrem Ehemann scheiden, suchte wieder Zuflucht bei ihrer Mutter – und wurde deshalb von ihr ausgelacht. "Als meine Mutter mich das erste Mal zu meinem Ex-Mann zurückschickte, dachte ich, ich hätte es nicht anders verdient. Als ich ihn das zweite Mal verließ, sagte ich ihr: 'Wenn ich zu ihm zurückgehen muss, dann bringe ich mich um.' ­Meine Mutter lachte und sagte, ich sei schwach. Aber hätte ich zurückgehen müssen, hätte ich es getan", erzählt Romana

Ohnmacht und Abhängigkeit

Romanas Mutter ist eine toxische Person wie aus dem Lehrbuch. Und während viele Familienbeziehungen herausfordernd und kompliziert sind, so spricht man von einer toxischen Verbindung vor allem dann, wenn man von einem Fami­lienmitglied immer wieder physisch oder psychisch verletzt oder enttäuscht wird, eine gewisse Abhängigkeit zu dieser Person empfindet oder man von dieser manipuliert wird.

Laut der Psychologin Dominique Kotynek geht es bei der ­Definition auch darum, welche Gefühle ein Treffen hinterlässt: "Häufig fühlt man sich nach einem Gespräch mit einer toxischen Person energielos, ohnmächtig oder traurig. Das Gegenüber pickt die größten Schwachstellen heraus und macht einen klein; man hat das Gefühl, nicht man selbst sein zu können, und achtet übergenau darauf, was man sagt und preisgibt. Trotzdem hängt man seinen Selbstwert an die Akzeptanz und Liebe dieses Menschen und kämpft um dessen Zuneigung."

Gerade deshalb fällt es auch vielen Menschen in toxischen Familien­beziehungen so schwer, die andere Person aus dem Leben auszuschließen. Während man seinen FreundInnen oder PartnerInnen klare Grenzen aufzeigt, verschwimmen diese bei den eigenen Eltern, Groß­eltern oder Geschwistern häufig. Viele Menschen haben verinnerlicht, dass Familie für immer sein muss, oder verbinden trotz allem schöne Erinnerungen mit der Person.

Die Suche nach der Schuld

Auch Romana wuchs mit dem Glauben auf, dass die Verbindung zur Familie die stärkste im Leben sei. Also suchte sie lange Zeit die Schuld für die Probleme mit ihrer Mutter bei sich. Würde sie nur hart genug arbeiten, würde sie die Mutter-Tochter-Beziehung bekommen, die sie sich schon immer wünschte. Doch das passierte nicht. Als Romanas Töchter größer wurden, hatten diese zunehmend Angst vor ihrer Großmutter. Diese kritisierte Romana immer wieder für ihre Erziehung, teilte ihre Enkeltöchter hart zum Arbeiten ein, stahl ihnen damit einen Teil der Kindheit. Erst jetzt zog Romana die Grenze – und brach den Kontakt zu ihrer Mutter ab. Sie machte einen harten Schnitt.

Psychologin Dominique ­Kotynek empfiehlt ihren Klient*innen in toxischen Verbindungen häufig ebenfalls einen kompletten Kontaktabbruch – andernfalls bestünde die Gefahr, dass die gesunde Person immer wieder Gründe finde, das Gute in der toxischen Person zu sehen: "Manche meiner Klientinnen und Klienten fühlen sich lange nicht dazu bereit, diese Personen aus ihrem Leben auszuschließen. Häufig macht es den Anschein, als wären Betroffene einer Sucht nach der toxischen Person oder Beziehung verfallen, und immer wieder kommt es zu Rückfällen, obwohl sie doch endlich 'einen Schlussstrich' ziehen wollten."

Romana sah ihre Mutter vor einigen Jahren zum letzten Mal: "Ich sagte ihr, dass ich keinen Kontakt mehr mit ihr möchte. Das Gespräch endete damit, dass sie mich anspuckte und mir für mein weiteres Leben nur das Schlechtes­te wünschte." Das ist einer der Momente während des Gesprächs, in denen Romana bitter lacht, bevor im nächsten Moment Tränen in ihre Augen steigen und sie sagt: "Ich wünschte, sie wäre nicht meine Mutter."

Dominique Kotynek kennt dieses Verhalten von ihren Klient*nnen: "Bei der Trennung von einer toxischen Person fühlt es sich oft an, als müsse man gegen sich selbst kämpfen; als würde man in einer emotionalen Achterbahn sitzen. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass es normal und in Ordnung ist, einen toxischen Menschen zu vermissen. Ich würde jeder Person in so einer Situation raten, mit geschulten Menschen zu reden. Die Gedanken und Sorgen müssen ausgesprochen werden. Man ist damit nicht allein."

 

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