Was kann man tun, damit der Orgasmus nicht floppt?

Manchmal hat man den Orgasmus schon so gut wie in der Tasche. Und dann passiert etwas, was einen beim Einbiegen in die Zielgerade beinhart aus der Bahn wirft. Eine Identifizierung dieser Störfaktoren – und wie man sie wieder aus dem Bett kriegt.

Eigentlich ist ein Orgasmus ja so was wie Niesen – ein Reflex. Es kribbelt, es kribbelt immer mehr, dann zieht sich irgendwas in dir zusammen wie eine Sprungfeder, und daaann – TSCHII! Aaaah. Köstlichste Explosion, herrlichste Entspannung. Die Nase fühlt sich an wie ein besetztes Gebiet nach der Befreiung. Und am besten fühlt sie sich dann an, wenn erstens schon das Kribbeln so richtig zum Aus-der-Haut-Fahren war – und zweitens, wenn die Sprungfeder an keinem Punkt ihrer Ziehharmonika-Bewegung gebremst wurde. (Weil man vielleicht den Nieser mittendrin zur Implosion gebracht oder sich gar die Nase zugehalten hat.)

Nun ist es ja manchmal schon schwer genug, so einen richtig guten Nieser zu produzieren – und daran ist nur eine Person beteiligt. Arbeitet man jedoch zu zweit an einem komplexen Reflex (wie es beim Sex nun einmal der Fall ist), braucht es schon eine ziemlich gute Synchronisierung, um die Sache zu einem furiosen Ende zu bringen. Der Idealfall, wie ihn der 34-jährige Online-Redakteur Gerald beschreibt: "Das geilste Finale hat man, wenn von Anfang an die absolute Harmonie und der absolute Enthusiasmus da ist. Du überlegst nicht viel, jede Berührung, jede Bewegung ist das Selbstverständlichste der Welt. Automatisch machst du alles richtig – und deswegen ist auch das Ende einfach großartig. So, dass es dich im Bett vor Glück hin und her schüttelt wie einen Flummi-Ball."

Eigentlich ist es ja ein Wunder, wenn ein Akt glückt - schließlich gibt es 100.000 Möglichkeiten, was alles schief gehen kann.
von Dr. Dieter Schmutzer, Sexualtherapeut

Gut, so viel zum Idealfall. Aber: Es gibt ja auch noch den Normalfall. Und der wiederum hat mit vielen kleinen Störfällen fertig zu werden. Sexualtherapeut Dr. Dieter Schmutzer sagt dazu: "Eigentlich ist es ja ein Wunder, wenn ein Akt glückt – schließlich gibt es 100.000 Möglichkeiten, was alles schief gehen kann." Die Zahl mag vielleicht ein wenig übertrieben sein, aber prinzipiell hat Schmutzer Recht: Schon der Aufstieg Richtung Gipfel kann mit Hindernissen gepflastert sein, aber die letzten paar Meter zum Ziel haben es besonders in sich. Die häufigsten Stolpersteine:

Unterschiedliches Lust-Tempo

"Bist du bald soweit?" ist die Frage, die, ob laut ausgesprochen oder nicht, wie ein Damokles-Schwert über dem Bett hängen kann. Wenn einer von beiden der Erregung des anderen hinterher hechelt - und der wiederum vom mehrfachen Stellungswechsel bis zu den verschiedensten Techniken alles ausprobiert, um ihn/sie auf seinen Lustpegel zu holen - dann sind am Schluss meist beide zu gestresst, um in einen wohlig-weichen "Ooooh ..." zu versinken.

Ablenkbarkeit

Am schönsten ist Sex, wenn die Welt rings um einen versinkt und man so konzentriert auf den andern ist, dass daneben eine Bombe einschlagen könnte. Leider gibt es jedoch so etwas wie den so genannten "Orientierungsreflex". Will heißen, die Aufmerksamkeit geht vom eigentlichen Geschehen hin zu der Fliege an der Decke, zu den hupenden Autos vor dem Fenster oder dem quälenden Tuchentknopf unter dem Po. Durch diesen Reflex kann die Lust binnen Sekunden futsch sein. Was die Sache noch komplizierter macht: Männer sind leichter irritierbar beim Aufbau der Erregung, Frauen beim beginnenden Orgasmus. Und wenn er dann endlich zu sich gefunden hat, dann stört sie plötzlich ...

Kopf statt Körper

Nicht selten springt auch die Denkmaschine an, wenn man sie gerade am wenigsten brauchen kann. Und kiefelt plötzlich an Fragen herum wie: "Sollte ich jetzt nicht noch eine andere Stellung machen, um nicht langweilig zu wirken?" "Stöhne ich auch nicht zu laut?" "Sehe ich in dieser Position nicht aus wie Miss Piggy?" Dummerweise wirken diese Gedanken so, wie wenn einer mitten im schönsten Walzer über den Grundschritt grübelt: Der Automatismus des Tanzens ist gestört, und schon stolpert man über die eigenen Füße.

Finaler Rhythmuswechsel

Ist meist ein Resultat oben genannter Denkprozesse. Er ist gut drin, sie ist gut drin, und plötzlich überlegt einer von beiden, wie man es noch besser oder fester oder schneller machen könnte. Das wird dann auch ausprobiert - und entpuppt sich oft als böser Fehler, weil der andere vielleicht nur noch drei Stöße genau derselben Machart gebraucht hätte, um seinen Direktflug ins Nirwana anzutreten.

Pech & Pannen

Das Handy läutet plötzlich wie verrückt, das Kleinkind schreit im Nebenzimmer, der Gummi rutscht, oder, ganz böse, er verfehlt in der Hitze des Gefechts sein Ziel und kollidiert mit ihrem Schambein. Passieren derlei Widrigkeiten ausgerechnet im Zieleinlauf, ist die Sache gelaufen. Der Reflex bleibt, ähnlich wie ein unterbrochener Nieser, irgendwo im Nervensystem stecken - und hinterlässt darin nichts als ein dumpfes Grollen.

Selbst wenn man also bereits zu glauben beginnt, dass man seinen Akt bald gut über die Bühne gebracht haben wird, kann die Veranstaltung noch floppen. Die Frage ist nur: Kann man etwas dagegen tun? Und wenn, was? Der Sexualtherapeut und Forscher Dr. Karl F. Stifter empfiehlt, im Hinblick auf ein gutes Ende schon von Anfang an anders an die Sache heranzugehen: "Jedenfalls nicht wie ein Weitspringer, der tüchtig Anlauf nimmt, um dann besonders gut springen zu können. Besser, man stellt sich vor, ein Surfer zu sein. Einer, der entspannt sein Surfbrett in die Hand nimmt, um dann ganz locker auf den Wellen der Lust auf und ab zu gleiten." Der Sinn der Übung: sich nicht selber unter Druck zu setzen, indem man von einem linearen Lustanstieg ausgeht. Denn, so Stifter: "Bei der Intensität der Lust gibt es immer ein Hoch, aber auch zwischendrin ein Tal. Und wenn man nervös wird, sobald es ein bissl runtergeht, dann fängt man an, der Erregung hinterher zu laufen. Wird dadurch hektisch, gestresst - und blockiert genau die Nervenbahnen, die man für den nächsten Aufschwung bräuchte."

Besser, man stellt sich vor, ein Surfer zu sein. Einer, der entspannt sein Surfbrett in die Hand nimmt, um dann ganz locker auf den Wellen der Lust auf und ab zu gleiten.
von Dr. Karl F. Stifter, Sexualtherapeut

Tja: Krampf kann eben nicht zu Entspannung führen. Und der Himmel braucht Zeit. Hat man das einmal verinnerlicht, hat man eigentlich schon die halbe Miete. Denn je gelassener man an den Sex herangeht, je weniger Ge- und Verbote man befolgen zu müssen glaubt, um so weniger Gepäck hat man beim Aufstieg ins große Finale. Abgesehen von der entspannten Grundhaltung (die man nicht nur in der Horizontalen ausprobieren sollte), haben sich in den Interviews mit den beiden Sexualtherapeuten Dr. Stifter und Dr. Schmutzer folgende Hilfsmittel für ein "Ende gut - alles gut" herauskristallisiert:

Tempo-Adjustierung

In der ersten Nacht mit einem Neuen sind etwaige Uneinigkeiten, mit wie viel km/h man den Höhepunkt ansteuern will, schwer auszugleichen - es sei denn, man ist mutig genug, ein offenes Wort zu sprechen oder mit fester Hand ins Geschehen einzugreifen. In längeren Beziehungen jedoch ist die Tempo-Frage Verhandlungssache. Soll heißen: Man unterhält sich in einer ruhigen Stunde einmal mit dem Partner darüber, was man sich wünschen würde und was man bräuchte, um mit ihm in den Parallelschwung zu kommen. Vor einem allerdings warnen die Experten: Aus den Wünschen darf kein Terror werden. Der andere soll freiwillig darauf eingehen können, weil ein etwaiges "Nein" nicht zu negativen Konsequenzen führt.

Zurück zur Geilheit

Okay, irgendein Störfaktor hat das Erregungsniveau absacken lassen. Ein Geräusch vor dem Fenster, ein stressiger Gedanke oder ganz einfach die Angst, sich fallen zu lassen. Was dagegen hilft, ist das, was am nächsten liegt: der Körper. Fühlen Sie wieder in ihn hinein. Konzentrieren Sie sich auf seine guten Empfindungen und atmen Sie drei Mal tief in den Bauch. Sagen Sie zu dem irritierenden Gedanken: "Danke, dass du gekommen bist, jetzt brauche ich dich nicht mehr." Und wenn Sie sich dann immer noch blockiert fühlen, dann sagen Sie's ihm.

Kopfkino anwerfen

Ein Klassiker, um an dem Faden anzuknüpfen, den man durch irgendein Hoppala verloren hat: Sex-Fantasien. Ob es der Lustknabe im Harem, George Clooney oder der muskulöse Bauarbeiter von nebenan ist - irgendeiner davon wird es schon schaffen, Ihren irritierten Ganglien wieder Feuer unterm Hintern zu machen.

Lustmuskel stärken

Ebenfalls ein Klassiker, als Tempomacher beim Sex aber immer noch zu wenig beachtet: das Training der Beckenboden-Muskeln. Wer seine täglichen Übungseinheiten (ein paar Minuten lang jeweils zehn Sekunden anspannen wie beim Unterbrechen des Harnstrahls, dann wieder zehn Sekunden bewusst entspannen usw.) brav absolviert, entwickelt damit nämlich eine Art von innerem Turbomotor, den man nach Belieben anwerfen kann - für sich selbst, und genauso für den Partner.

Aufhören können

Nichts ist schlimmer, als sich weiter miteinander abzurackern, wenn irgendwo mittendrin die Lust flöten gegangen ist. Und ein derart produzierter Orgasmus kostet mehr Energie, als er einem gibt. Der Rat der Experten: sich eingestehen, dass das wohl nichts mehr wird. Und andere nette Dinge miteinander machen. Und wer weiß ...

Jutta, 28
Mich erinnert das Finale beim Sex immer ans Weitspringen in der Leichtathletik: Man muss im Anlauf genug Schwung haben und beim Absprung genau den richtigen Moment erwischen. Springt man zu früh, ist der Flug verkürzt. Springt man zu spät, kann die Kraft nicht so richtig explodieren.

Gerald, 34
Der Schluss wird toll, wenn es von Anfang an stimmt und sehr animalisch zugeht. Dann kommt man automatisch in einen perfekten Rhythmus. Spüre ich aber von Beginn an irgend-welche Vorbehalte, dann bin ich wahr-scheinlich zu kopf-lastig, um in die gleiche Schwingung wie sie zu kommen.

Anne-Marie, 24
Das Furchtbarste überhaupt ist, wenn ein Typ beim Sex fragt: "Kommt's dir bald?" Dann bin ich auf einmal so unter Leistungsdruck, dass ich erst recht noch lang nicht kommen kann. Überhaupt ist es elend, wenn Männer so fixe Vorstellungen haben, wie der Sex ablaufen soll.

Mark, 29
Eigentlich sind für mich gemeinsame zärtliche Momente schöner als die Galopprennbahn zum Orgasmus - anderer-seits ist es ein fast erhabenes Gefühl, wenn eine Frau gekommen ist. Und solange das nicht passiert, hast du auch nicht das Gefühl, dass du ein guter Liebhaber bist.

Stefanie, 30
Wenn ich spüre, dass ein Mann beim Sex einen Stress hat oder mit der Lust der Frau Probleme, kann ich schwer loslassen. Das blockiert mich, wenn ihm meine Geräusche oder sonst etwas peinlich ist. Andererseits: Wenn ich entspannt und vertraut bin, wird das Finale zu einem spannenden Spiel.
 

Aktuell