Was ist mit dem Butterbrot passiert?

„Niklas, bleib stehen, komm her, wir gehen jetzt dann, magst du ein Quetschi?“ Zehn Sekunden später sitzt Niklas, geschätzte eineinhalb, im Buggy und saugt einen Mix aus Mango, Ananas (Fair Trade und Bio) und Acerola-Kirsche aus einer Plastik-Verpackung. Geschafft, das Kind sitzt im Wagerl, Nachhauseweg ohne Tränen und Geschrei.

Ich bin mit meinen zwei Kindern auf dem Spielplatz, bei den aktuellen Temperaturen das verlängerte Wohnzimmer für jene Hälfte Wiens, die zwar keinen Garten, aber dafür Nachwuchs hat. Die Kinder machen sich dreckig, holen sich blaue Flecken und streiten sich ums grüne Schauferl, es ist herrlich! Und weil frische Luft hungrig macht, grabschen die gatschigen Kinderhände bald nach Mamas oder Papas Tasche, wo hoffentlich etwas Essbares drin ist. Soweit so bekannt, war in unserer Kindheit auch nicht anders. Aber spätestens jetzt kommt der große Unterschied: Statt Butterbrot und geschnittenen Äpfeln gibt’s jetzt Püriertes. Püriertes Obst in Quetschtüten. Exotisches Obst aus Bio-Anbau und mit buntem Drehverschluss statt einer ordinären Birne in der Tupperware. Dazu: Hirsestangerl, die nach nichts schmecken und hauptsächlich aus Luft bestehen (beim Kontakt mit Wasser lösen sie sich zum Beweis in nichts auf) oder Gemüse-Waffeln.

Was ist mit dem Butterbrot passiert?

Jetzt lassen wir Eltern mal alle Rechtfertigungen, warum das praktisch/schnell/gesund ist beiseite und greifen uns kollektiv aufs Hirn. Wann sind wir bitte auf den Schmäh reingefallen, dass Obst in Plastik geschweißt unkomplizierter wäre als ein Apfel (der nicht mal geschnitten sein muss) und ein Butterbrot?!

Der neueste Schmäh in Sachen Convenient Snacks für Kinder: Pürierte Erdbeeren in einer länglichen Plastikverpackung, die man einfriert und dem Nachwuchs dann im Sommer als süßer, aber gesunder Eissnack servieren kann.

Schon klar: Viele Eltern eint die Frage, wie man genug Obst und Vitamine ins Kind kriegt. Und ich habe absolut nichts gegen Püree. Aber an dem Convenient Food für Kinder ist so vieles falsch, dass man nicht nur nach dem Butterbrot, sondern auch nach dem Hausverstand sucht.

Wenn wir unseren Kindern beibringen, dass püriertes Obst „the way to eat“ ist, brauchen wir uns nicht wundern, dass das mit dem Obst und Gemüse in klassischer Form nicht wirklich hinhaut. Wie wollen wir unseren Töchtern und Söhnen ein Gefühl für Nahrungsmittel – und damit einen gesunden Umgang mit dem Thema Ernährung – vermitteln, wenn wir ihnen alles im wahrsten Sinne vorkauen?
Wir lachen drüber, wenn wir das stereotype Kind vor Augen haben, das glaubt, die Milch käme aus der Packung. Und erziehen gleichzeitig eine Generation, die glaubt, die Bio-Mango kommt aus der Quetschtüte. Ein Kinderleben für den Snack. Und vor allem ein Business, das hervorragend funktioniert: Convenient Food für Kinder. Oder besser: für junge KonsumentInnen, die in ein paar Jahren selbst Geld für überteuerte Snacks ausgeben sollen.

Kinder-Snacks: Total praktisch und total viel Müll

Snacks, die in viel Plastik verpackt werden, das – ganz convenient – im Spielplatz-Mistkübel entsorgt wird, nach mir die Sintflut. Dazu ein Denkanstoß: Wenn uns so viel daran liegt, unsere Kinder gesund zu ernähren, dann sollte uns auch der Schutz unserer Umwelt – ihrer Umwelt – am Herzen liegen, oder?

Es geht nicht darum, päpstlicher zu sein als der Papst: Wer seinem Kind noch nie Obst-Püree in Plastik in die Hand gedrückt hat, werfe den ersten Stein. Aber ein Appell an unser Gewissen und unsere Verantwortung als Eltern, KonsumentInnen und Menschen mit Hausverstand ist durchaus angebracht. Und wenn sich das mit dem Butterbrot Schmieren zwischen Arbeit, Kindergarten und Spielplatz nicht ausgeht: Ein mürbes Kipferl tut’s auch.

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