Was ist eigentlich Bi Erasure?

Viele Menschen, die sich als bisexuell definieren, fühlen sich durch Bi Erasure oft verletzt, unsicher oder nicht ernst genommen. Heute, am Bi Visibility Day, wollen wir euch erklären, warum Sichtbarkeit so wichtig ist und welche Mythen über Bisexualität ihr nicht glauben solltet.

Was ist eigentlich Bi Erasure?

"Du bist doch aber mit einem Mann zusammen!", "Hattest du denn überhaupt schon mal was mit einer Frau?", "Woher weißt du denn, dass du bi bist?", "Glaubst du nicht doch, dass du dich irgendwann für eins von beiden entscheidest?" - solche und ähnliche Fragen haben viele bisexuelle Menschen schon unendlich oft gehört. Das kann nicht nur ziemlich verletzend sein, sondern auch dazu führen, dass man die eigene Sexualität ständig hinterfragt und sich kaum noch traut, offen damit umzugehen.

Was versteht man unter Bisexualität?

Zu Beginn: Bisexuell zu sein bedeutet für verschiedene Menschen verschiedene Dinge. Viele verstehen "bisexuell" als Überbegriff für jede Form der Anziehung von zwei oder mehr Geschlechtern. Ältere Definitionen von Bisexualität beziehen sich lediglich auf ein binäres Geschlechterverständnis, also eine Anziehung von Frauen und Männern. Einen etwas inklusiveren Ansatz liefert US-Aktivistin Robyn Ochs:"Ich bezeichne mich als bisexuell, weil ich anerkenne, dass ich das Potenzial habe, mich - romantisch und/oder sexuell - von mehr als einem Geschlecht angezogen zu fühlen. Nicht unbedingt zur gleichen Zeit, nicht unbedingt auf die gleiche Weise und nicht unbedingt in gleichem Maße."

Wie Ochs Definition bereits erklärt, ist Bisexualität - wie Sexualität allgemein - fluid. Das bedeutet, dass die Anziehung von verschiedenen Geschlechtern variieren kann. Bisexualität heißt also nicht, dass man sich zu allen Geschlechtern im gleichen Ausmaß oder zur selben Zeit angezogen fühlt.

Die Sichtbarkeit fehlt

Keine sexuelle Orientierung wird so häufig geleugnet, unsichtbar gemacht oder stigmatisiert wie Bisexualität - dieses Phänomen nennt sich 'Bisexual Erasure' (also Unsichtbarmachung von Bisexualität). Damit das aufhört, wird seit mittlerweile 22 Jahren am 23. September der 'Bi Visibility Day' (oft auch 'Bisexual Pride Day') begangen, welchen die Bi-Aktivist*innen Wendy Curry, Michael Page und Gigi Raven Wilbur 1999 ins Leben gerufen haben.

Wie äußert sich Bi Erasure im Alltag?

Ein typisches Beispiel für die Unsichtbarmachung von Bisexualität: Zwei verheiratete Frauen werden als "lesbisches Paar" bezeichnet, ohne zu berücksichtigen, dass eine oder beide Frauen sich als bi identifizieren. Oftmals wird auch darauf bestanden, dass eine Person nicht wirklich bisexuell sein kann (früher oder später werde sie sich noch "entscheiden") oder dass ihre bisexuelle Identität keine Rolle spielt, da sie nun eine*n Partner*in hat.

Eine bisexuelle Person je nach Geschlecht ihres Partners*ihrer Partnerin als lesbisch/schwul oder heterosexuell zu betrachten oder Bisexuelle als "Allies" ("Verbündete") der LGBTIQ+-Gemeinschaft zu bezeichnen (weil ihre Sexualität nicht als valide und Teil der queeren Community angesehen wird), sind ebenfalls Formen der 'Erasure' von Bisexualität. Auch wer Bisexualität als "Ruf nach Aufmerksamkeit" oder "Verwirrung" bezeichnet, trägt zur Unsichtbarmachung bei.

Anxiety und Depressionen bei bisexuellen Menschen besonders häufig

All das kann massive Auswirkungen auf das psychische Wohlbefinden haben. Studien haben immer wieder gezeigt, dass sich Bisexuelle deutlich seltener in der Familie oder am Arbeitsplatz outen als Homosexuelle. Darüber hinaus ist erwiesen, dass Bi-Feindlichkeit/Erasure in hohem Maße zu Depressionen, Angststörungen und Suizidalität führt.

Zusätzlich sind bisexuelle Menschen, insbesondere Frauen, häufiger von häuslicher und sexualisierter Gewalt betroffen als hetero- und homosexuelle Frauen, was unter anderem auf das Vorurteil der "sexuellen Verfügbarkeit" gegenüber bisexuellen Frauen zurückzuführen ist. Aus diesen Gründen wird am heutigen Tag darauf aufmerksam gemacht, dass Bisexualität als eigenständige sexuelle Orientierung akzeptiert werden muss.

In diesem Sinne: Überlegen wir doch alle künftig zwei Mal, bevor wir die Sexualität einer anderen Person kommentieren oder in Frage stellen und begegnen anderen Menschen mit Offenheit und Akzeptanz. So schwer ist das nämlich gar nicht - macht für den*die andere*n jedoch oftmals einen großen Unterschied.

 

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