Was ist das Problem mit Pick-Me Girls?

"Nicht wie andere Mädchen": Das Phänomen der "Pick-Me Girls" macht nun schon seit einiger Zeit auf TikTok die Runde. Was es damit auf sich hat und warum Pick-Me Girls so verhasst sind.

Was ist das Problem mit Pick-Me-Girls?

Sie trinkt gerne Bier, begeistert sich für Fußball und hängt am liebsten mit den Burschen ab. Hier und da flirtet sie vielleicht mit dem Freund einer anderen und zu ihrem Maturaballkleid hat sie definitiv Converse getragen. Kurz: Sie ist einfach nicht wie andere Mädchen oder Frauen. Sie ist der Inbegriff des so genannten Pick-Me Girls und das Internet liebt es, sie zu hassen.

Suche nach männlicher Bestätigung

Um noch ein bisschen besser zu verstehen, was es mit dem Pick-Me Girl auf sich hat, werfen wir am besten einen Blick ins Urban Dictionary - das inoffizielle Verzeichnis für popkulturelle Termini. Hier erfahren wir: Beim Pick-Me Girl handelt es sich um "ein Mädchen, das männliche Bestätigung sucht, indem es indirekt oder direkt andeutet, dass sie 'nicht wie die anderen Mädchen' ist."

Es gibt sich lieber mit "den Jungs" ab, denn Mädels machen einfach zu viel Drama und gibt gern mit ihrer Menge an männlichen Freunden an. Es steht nicht auf "typisch weibliche" Interessen, sondern kann viel mehr mit Sport oder "nerdy" Hobbys wie Videospielen anfangen. Natürlich scheut es sich auch nicht, auch mal beim Essen reinzuhauen. Im Gegensatz zu anderen Mädchen und Frauen ist ihr ihr Äußeres nämlich nicht so wichtig bzw. hat sie es nicht nötig, ständig auf ihre Figur zu achten.

Das Pick-Me Girl wertet andere Frauen ab

Und jetzt kommt der Punkt, wo es richtig problematisch wird: Das Pick-Me Girl setzt oft andere Frauen herab, um männliche Aufmerksamkeit und, wie Urban Dictionary anmerkt, vor allem männliche Bestätigung zu erlangen, und spielt damit auf patriarchale und frauenfeindliche Stereotypen an.

TikTok-User*innen machen sich dieses Phänomen zunutze und erstellen satirische Videos, in denen sie als "Pick-Me-Girl" auftreten und sich über den Charakter lustig machen.

Weiblich = uncool

Wir leben leider in einer Gesellschaft, in der typisch weibliche Attribute, Aufgaben und Interessen (von Gefühle zeigen, über romantische Filme bis zu Care-Arbeit) im Gegensatz zu männlichen als uncool, schwach oder simpel wahrgenommen werden. Natürlich können sich Frauen für Sport interessieren oder gerne Videospiele spielen (eh klar) - wollen sie sich allerdings bewusst von ihrer Femininität distanzieren und werten typisch weibliche Interessen oder Hobbys ab, dann tragen sie zur Verfestigung dieser problematischen Stereotype bei.

Der Grund für derartiges Verhalten ist möglicherweise auf internalisierte Misogynie zurückzuführen, welche ihren Ursprung vermutlich wiederum in den patriarchalen Strukturen hat, in denen wir aufwachsen. Weiblich sozialisierten Personen wird in unserer Gesellschaft beigebracht, sich gegenseitig nicht unbedingt anerkennend zu behandeln. Wir internalisieren also den Sexismus gegen uns.

Internalisierte Misogynie:

Internalisierte Misogynie bzw. verinnerlichter Sexismus äußert sich in sexistischen Verhaltensweisen und Einstellungen, die Frauen sich selbst oder anderen Frauen und Mädchen gegenüber an den Tag legen (z.B. indem sie die Freizügigkeit anderer Frauen kritisieren). Internalisierter Sexismus kann unter anderem zu Body Issues, mangelndem Selbstvertrauen und Konkurrenzdenken führen.

Outcalling oder Bullying?

Mit den Memes und Sketches, die nun auf Plattformen wie Instagram und TikTok verbreitet werden, verarbeiten Creators Erfahrungen, die sie in ihrem Leben mit anderen Mädchen oder Frauen machen mussten und welche sie offensichtlich als unangenehm empfunden haben. In den Kommentaren zu den entsprechenden Posts finden sich etliche Bekundungen, dass Zuseher*innen ähnliche Erlebnisse hatten und Pick-Me Girls bis heute nicht ausstehen können.

Einige kritisieren nun, dass das Lustigmachen über Pick-Me Girls, also über andere Frauen, wieder nur zur Feindschaft zwischen Frauen untereinander beiträgt und letzten Endes für ein harmonisches Miteinander nicht förderlich ist.

Letztlich gilt es wohl, an unserem Gesellschaftssystem zu arbeiten (welches schon viel zu lange von der Abwertung von Weiblichkeit und dem Gegeneinander ausspielen von Frauen profitiert), damit Konkurrenzdenken und die Herabsetzung von Frauen untereinander nicht mehr stattfinden. Bis das der Fall ist, braucht es allerdings wohl noch eine ganze Menge Aufklärungsarbeit und Zeit.

 

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