Was ich nach drei Jahren mit meiner Zahnspange gelernt habe

Der Wunsch nach perfekten Zähnen begleitet viele ihr Leben lang. Erfüllt man sich dann endlich den langersehnten Traum und greift zu einer festsitzenden Zahnspange, fragt man sich oft: warum habe ich mir das eigentlich angetan?

Das Leben mit einer festsitzenden Zahnspange in den späten Zwanzigern ist im Grunde so wie das Leben in einer Beziehung, die länger hält, als einem lieb ist. Es gibt Höhen – und viele Tiefen. Doch nach drei Jahren mit dem lästigen Stahlding im Mund habe ich beschlossen, die positiven Dinge zu sehen. Und aufzuschreiben, was ich daraus gelernt habe:

1: Deine Zahnspange interessiert niemanden


Das anfängliche Geheule darüber, wie schrecklich man aussieht – gepaart mit dem unbeschreiblichen Schmerz der ersten Behandlung (und den enormen Kosten) – lässt dich schnell einmal daran zweifeln, ob du das wirklich noch zwei bis drei Jahre durchhalten wirst. So war es auch bei mir. Panisch habe ich versucht, jedes Lächeln zu vermeiden, mich in Situationen möglichst still zu verhalten und ja nicht den Mund unnötig aufzumachen, damit niemand merkt, dass ich eine Zahnspange habe. Doch das alles bringt nichts, außer dass der Mund sich auf jedem Foto merkwürdig verzieht und Leute dich fragen, ob alles okay ist. Schließlich lispelt man ohnehin unüberhörbar laut. Doch das alles ist in Wirklichkeit auch gar nicht wichtig, denn schnell wird dir bewusst: den anderen ist es ziemlich egal, ob du eine Zahnspange hast oder nicht. Bis auf ein paar blöde Kommentare darüber, dass man jetzt jünger aussieht, sind die Reaktionen vor allem eins: nicht vorhanden. Denn die wenigsten bemerken es überhaupt.

2: Schmerzmittel sind dein neuer bester Freund


Eines bleibt dir jedoch nicht erspart: der Schmerz. Manchmal wird er mehr, manchmal weniger – aber er ist immer da. Vor allem, wenn du versuchst, in einen Apfel zu beißen oder einen Burger zu essen (beides funktioniert nicht wirklich). Schließlich muss man alle paar Wochen wieder zum Nachziehen, Draht wechseln, Fotos machen, oder sonstigen Foltermethoden wieder zum Arzt gehen. Deshalb der Rat an alle zukünftigen Zahnspangen-Trägerinnen: ein gutes Schmerzmittel solltet ihr immer daheim haben.

3: Mahlzeiten werden zur Herausforderung


Überhaupt ist Essen mit Zahnspange so eine Sache. Alles verfängt sich (vor allem Salat) und oft braucht es Stunden, um die Reste wieder hinauszubekommen. Wenn man etwas Positives darin sehen will: man übt sich definitiv in Zungenakrobatik, wenn man verzweifelt versucht, die Essensrest aus einer Zahnlücke hinaus zu manövrieren. Wer sich das ersparen will, sollte immer eine Zahnbürste, eine Zwischenraumbürste oder Zahnstocher dabei haben.

4: Geduld, Geduld, Geduld


Das Licht am Ende des Tunnels scheint immer weiter entfernt zu sein, je länger man die Zahnspange hat, und je öfter man beim Arzt war und die Worte hört „Bald ist es soweit!“ Allen Hoffenden sei gesagt: „bald“ ist hier ein relativer Begriff. Nach drei Jahren und ein paar Monaten hat er für mich zumindest an Bedeutung verloren. Und „die Freundin, die sie nach einem Jahr draußen hatte“, habe ich auch noch nicht kennengelernt. Das Gute daran: so effektiv habe ich mich noch nie in Geduld geübt. Man lernt die kleinen Dinge im Leben zu schätzen – etwa wenn die Zahnlücken endlich geschlossen sind und man nicht mehr herumläuft, als hätte man sein Gebiss vergessen, oder etwa wenn man endlich wieder halbwegs gut kauen kann. Irgendwann gewinnt man die Stahlkonstruktion ja auch lieb – zumindest ein bisschen. Und mit der Geduld kommt auch die Vorfreude auf den Tag, an dem sie endlich draußen sein wird. Was das wohl für ein Gefühl sein wird?

5: Ohne Disziplin geht gar nichts


Egal ob bei der Mundhygiene oder beim Tragen der lästigen Gummiringe – ohne Selbstdisziplin geht gar nichts weiter. Denn wer nicht penibel darauf achtet, regelmäßig Zähne zu putzen, sein Zahnfleisch zu pflegen und zweimal im Jahr professionell reinigen zu lassen, läuft schnell Gefahr, Entzündungen davon zu tragen. Außerdem muss man – vor allem in der späteren Phase – vertikale Gummizüge tragen, die die Korrektur vorantreiben. Und da heißt es: die Schmerzen ertragen, regelmäßig wechseln und nur beim Essen hinausnehmen. Der Spruch „wer schön sein will, muss leiden“, bekommt mit Zahnspange eine neue Bedeutung.

6: Geteiltes Leid ist halbes Leid


„Hast du auch eine Zahnspange gehabt?“ Diese Frage stellt man anderen Leuten ab sofort öfter. Und damit ist das Eis gebrochen. Denn über nichts kann man ausführlicher jammern und lachen als über Zahnspangen-Erlebnisse. Das ist Bonding auf einem neuen Level. Schnell lernt man auch: irgendwie läuft es bei jedem ein bisschen anders ab. Und man freut sich gewiss auch darüber, dass man später auch mal so gerade Zähne haben wird. Wen man lieber meiden sollte, sind Menschen mit unsichtbarer Zahnspange - das ist einfach nicht das echte Erlebnis. Punkt.

7: Irgendwann lächelst du sogar wieder


Nach so langer Zeit ist die Zahnspange vor allem eins: normal. Irgendwie könnte man sich das Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen. Und du vergisst meistens sogar, dass du sie hast. So wie in einer langjährigen Beziehung eben. Und die Zeit vergeht genauso schnell – ehe man sich versieht, ist schon ein Jahr vergangen, dann noch eins, und noch eins. Und jedes Mal fallen dir neue Verbesserungen auf. In kleinen Schritten, aber immerhin geht’s voran. Und irgendwann lächelst du sogar wieder auf Fotos, weil du dich wohlfühlst. Zahnspange hin oder her. Das Selbstbewusstsein, mit Zahnspange genauso zu lächeln wie ohne, hat schließlich nicht jeder. Und wenn nichts davon hilft, dann zumindest dieser Gedanke: wenn sie draußen ist, gibt's genügend Gründe, um so richtig zu feiern.

 

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