Was ich beim Fortgehen auf der Ottakringer Straße gelernt habe

Unser Kollege Ljubiša geht regelmäßig „auf Lepschi“ und schaut sich an, wie vielfältig in Wien gelebt und gefeiert wird. Diesmal verschlug es ihn auf die Ottakringer Straße, in den Club Insomnia, wo er einiges über sich selbst herausfand.

Ich muss ja zugeben, ich bin schon etwas stolz auf meine Balkan-Herkunft. Nicht so sehr wegen Nikola Tesla, der den Gleichstrom erfunden hat (und nicht Edison, wie viele Westeuropäer glauben!), oder wegen der kulinarischen Raffinesse von Ćevapčići und Pljeskavica. Nein, was ich als echten Mehrwert empfinde, ist die ungemeine Street Credibility, die einem so etwas verschafft.

Man hat nicht nur einen unnötig komplizierten Namen, den Uneingeweihte nicht aussprechen können, sondern darüber hinaus noch einen extrem exotischen Hintergrund, der einen automatisch irgendwie „oag“ macht. Mein Heimatland kam, als ich ein Kind war, ständig in den Nachrichten vor und mein Heimatbezirk Ottakring, Zentrum der Wiener Balkan-Community, schafft es regelmäßig auf die Blut-und-Beuschel-Seiten der Gratiszeitungen. „Klick-Klack-Kopfschuss“, heißt es nicht umsonst in einem Rap über meine Hood.

Einen „Abstecher“ Wert

Arg, wie ich bin, werde ich natürlich auch öfter gefragt, ob ich auf der Ottakringer Straße fortgehe. Und zu meiner Schande muss ich immer wieder mit Nein antworten. Der Zusatz, dass ich aber dort zum türkischen Friseur gehe, scheint niemanden besonders zu beeindrucken. So ist mein samstagabendlicher Besuch im Club Insomnia nicht nur eine Spurensuche nach den eigenen Wurzeln, sondern auch der ultimative Beweis, dass ich immer noch total Balkan bin.

Hier wird konzentriert am richtigen Mix aus Hüftenwackeln und Armeheben gewerkt

Gleich vorweg: Das einzige „Klick-Klack“, das ich auf der Ottakringer Straße höre, stammt von Pfennigabsätzen auf nächtlichem Asphalt. Denn ein paar Grundregeln lernt man hier recht schnell. Erstens: Hochhackige Pretty Woman-Stiefel kommen niemals aus der Mode. Ebenso wie Eiskübel mit Jägermeister-Flaschen. Zweitens: Punjabi MC geht 2016 immer noch. Drittens: Als Mann darf man ruhig mehr als die obersten zwei Hemdknöpfe öffnen. Und: Ich sollte dringend öfter ins Fitnesscenter gehen.

Balkan-Beats, Bruder!

Als Community-Fremder im Insomnia wird man sofort da­ran erkannt, dass man die Hits nicht mitsingt. Doch zu meiner eigenen Überraschung kenne ich sogar ein paar von den Liedern, die in ohrenbetäubender Lautstärke aus den Boxen dröhnen. Die Balkan-Herkunft bahnt sich zögerlich ihren Weg an die Oberfläche. Noch ein Lied, das ich kenne! Derart vom heimatlichen Klangteppich entfesselt, passiert es auch schon: Das überteuerte grüne Bierfläschchen landet auf dem Boden und zerbricht in tausend Stücke.

Beschämter Gang zur Bar, wo ich bei der Barkeeperin ein volles Flaschenunfall-Geständnis ablege. Die schenkt mir nur einen herzlichen Lacher, winkt lässig ab und schwingt ihre Hüften zum Beat davon. Das mit dem Balkan-Sein muss ich definitiv noch üben.

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