Was hilft gegen Frühjahrsmüdigkeit?

Während die Natur im Frühling voller Energie erwacht, hinken wir oft hinterher. Warum? Und was können wir dagegen tun?

Was hilft gegen Frühjahrsmüdigkeit?

Im Winter fühlt sich unser Leben manchmal an wie auf Sparflamme – alles ist behäbiger und mühsamer. Tiere sind im Winterschlaf und sammeln Kräfte, wir aber sollen durchgehend für Job, Familie und Alltag funktionieren. Bis zum Frühling geht vielen die Energie aus und das große Gähnen stellt sich ein: Wir fühlen uns abgeschlagen, verstimmt; meist wird in diesem Zusammenhang von Frühjahrsmüdigkeit gesprochen. Aber nicht jeder schlechte Schlaf ist Frühjahrsmüdigkeit und nicht jede Verstimmung muss zum Problem werden. Die Chronobiologin Kristin Tessmar-­Raible über Lerchen, Eulen und die biologische Komponente des Themas.

WIENERIN: Woher weiß man, ob man frühjahrs­müde ist?

Kristin Tessmar-Raible: Ich würde Frühjahrsmüdigkeit in den großen Themenkomplex der saisonalen Stimmungsschwankungen packen, wobei der Begriff sehr auf die Psyche abzielt, aber es spielt natürlich auch die Physiologie mit. Wenn man beobachtet, dass man im Winter über mehrere Jahre hinweg niedergeschlagen ist und es einem nicht gut geht, dann ist das eine ­saisonale Stimmungsschwankung. Letzten Endes ist es ein physiologisches und verhaltensbiologisches "Nicht-so-aktiv-Sein" des Körpers. Ob das an die Saisonalität gekoppelt ist, kann man erst sagen, wenn man das zumindest zwei Jahre hintereinander beobachtet. Auch durch ­akute Geschehnisse kann es kurzfristig zu Abgeschlagenheit kommen – das wichtigste Merkmal von saisonalen Stimmungsschwankungen ist, dass sie sich wiederholen.

Gibt es Menschen, die anfälliger für diese saisonalen Stimmungsschwankungen sind?

Ja, es ist dokumentiert, dass Menschen unterschiedlich emotional auf verschiedene Dinge reagieren. Das hat auch damit zu tun, dass die Menge der neuroaktiven Substanzen, die jeder Einzelne ausschüttet, indi­­vi­du­ell verschieden ist. Das hängt mit unserer Genetik zusammen, aber auch damit, wie wir aufgewachsen sind und wie wir uns akut verhalten. Das macht uns mehr oder weniger anfällig für solche saisonalen Umwelt­schwankungen. Diese wirken dann wieder auf unsere Physiologie und Psychologie zurück.

Welche Umwelteinflüsse spielen da vor allem eine Rolle?

Vor allem das Licht. Wir assoziieren Licht meist mit dem Sehsinn, aber es gibt mittlerweile sehr gute Studien darüber, dass Licht auch auf vielerlei Weisen die Boten­stoffe und selbst Verschaltungen in unserem Gehirn reguliert. Tages­länge, Lichtintensität, aber auch die Zusammensetzung des Lichtspektrums spielen dabei eine Rolle. Ein Beispiel sind Serotonin und Dopamin, also Botenstoffe, die – ein wenig umgangssprachlich gesagt – für die Balance unserer Psyche wichtig sind. Von Untersuchungen an Tieren weiß man, dass die Dopaminproduktion direkt durch die Tages­länge und den Violett-/UVA-Bereich im Spektrum gesteuert werden kann. Frühjahrsmüdigkeit kann man am besten damit bekämpfen, dass man sich möglichst dem natürlichen Licht aussetzt und natürliche Sonnenlichtstrahlung über das Auge auf das Gehirn wirken lässt. Das macht gute Laune.

Hormonell bedingt machen wir uns am Abend mehr Sorgen. Das raubt uns den Schlaf, ist aber normal.

von Kristin Tessmar-Raible

Was kann man sonst tun, um der Frühjahrsmüdigkeit zu entkommen?

Vor allem allgemeine Tipps für eine ausgewogene Lebensweise sind hier zu nennen: Bewegung, frische Luft, natür­liches Licht und bewusste Ernährung, auch bestimmte Essens­zeiten – und zudem das Wissen um den eigenen Chronotyp, denn auch ein Leben mit einer „gut gestellten“ inneren Uhr ist für unser allgemeines Wohlbefinden sehr wichtig.

Welche Rolle spielt der Schlafrhythmus?

Grundsätzlich kommen bei der Regulation des Schlafrhythmus sehr viele verschiedene Komponenten zusammen. Zwei davon sind schon mal der tägliche Rhythmus und der saisonale Einfluss von Lichtveränderungen. Im Zusammenhang mit dem täglichen Rhythmus ist hier der Aspekt der Chronotypen erwähnenswert: Diese stellen eine Einteilung, wann man innerhalb von 24 Stunden am liebsten aktiv ist, dar. Da gibt es dann Personen, die sehr früh aufwachen, die Lerchen, und die, die sehr spät aktiv werden, die Eulen. Wer sich grundsätzlich dafür interes­siert, welcher Chronotyp er ist, kann versuchen, sein Leben danach auszurichten. Bei Schlafstörungen oder wenn man einfach regelmäßig sehr früh munter wird, sollte man sich nicht unbedingt ärgern, dass man nicht mehr einschlafen kann, sondern austesten, ob man einfach ein sehr früher Chronotyp ist. Interessant ist hierbei auch, zu wissen, dass der eigene Chronotyp durch genetische und nicht genetische Komponenten festgelegt wird. Soll heißen: Ein Teil unserer Früh- oder Spät-Präferenz ist geerbt, aber es kommen modifizierende Faktoren dazu, beispielsweise Alter und Geschlecht.

Wie finde ich heraus, welcher Chronotyp ich bin?

Dazu gibt es den sogenannten Münchner Chronotyp- und auch den Morningness-Eveningness-Frage­bogen, die findet man im Internet. Damit kann man relativ schnell seinen Chronotyp feststellen.

Viele koppeln das Thema Frühjahrsmüdigkeit an die Zeitumstellung. Gibt es den Zusammenhang oder wären wir sowieso müde?

Ich denke, durch die ­saisonale Lichtveränderung und die mangelnde körperliche Bewegung würde diese Verstimmung wahrscheinlich sowieso auftreten. Zusätzliche Stressreize wie die Zeitumstellung können für späte Chronotypen das Unwohlsein noch verstärken. Das hat weniger mit der Zeitumstellung direkt zu tun, sondern mit zusätzlichem Stress, wenn die innere Uhr nicht in Balance ist.

Wie bringt man seine innere Uhr wieder in den Takt?

Man sollte herausfinden, was es wirklich ist, das einem den Schlaf raubt. Chronobiologisch ist es so, dass nicht nur Hormone, die bei uns die Stimmung kontrollieren, sondern auch jene, die Alarmzustände auslösen, einer täglichen Rhythmik unterliegen. Aufgrund dieser Hormonschwankungen sind wir biologisch einfach anfällig dafür, uns am Abend mehr Sorgen zu machen. Wenn man weiß, dass es in der Biologie liegt, kann man bewusst gegensteuern. Erscheint eine Sorge am Abend sehr groß, ist sie am nächsten Morgen vielleicht etwas kleiner. Allein schon dieses Wissen kann unserem Schlaf helfen.

Event-Tipp

Am 22. 5. dreht sich alles um Gesundheit und Prävention. Kristin Tessmar-Raible wird beim WIENERIN Holistic Health Day über Chronobiologie, guten Schlaf und unsere innere Uhr sprechen. Weitere Infos: wienerin.at/events.

 

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