Was hat der Film Dirty Dancing mit dem neuen Abtreibungsgesetz in Texas zu tun?

In dem Film, der im Jahr 1963 spielt, musste sich Penny einer illegalen Abtreibung unterziehen. Ähnliche Verhältnisse können mit dem fast gänzlichen Abtreibungsverbot in Texas zu erwarten sein.

Was hat der Film Dirty Dancing mit dem neuen Abtreibungsgesetz in Texas zu tun?

Ich vermute, viele oder fast alle von euch haben irgendwann in ihrem Leben Dirty Dancing gesehen. Als Erinnerung nochmal, darum geht es: Baby ist mit ihrer Familie in einem Urlaubsressort untergebracht und lernt dort die Tanzlehrer*innen Johnny und Penny kennen. Nachdem Penny ungewollt schwanger ist und den Termin für eine illegale Abtreibung fixiert, der genau am selben Tag wie ein wichtiger Auftritt ist, lernt Baby an ihrer Stelle den Tanz zu tanzen. Dabei verliebt sie sich, wie soll es anders sein, in ihren Tanzlehrer Johnny. Der Film spielt im Jahr 1963 als Abtreibung in den USA noch illegal war. Erst im Jahr 1973 wurde diese in allen Staaten in irgendeiner Form erlaubt. Der Film Dirty Dancing erschien im Jahr 1987 und ist einer der ersten, der für ein großes Publikum das Thema Illegale Abtreibung anspricht. Er wird seither als goldener Standard im Umgang mit Abtreibung gehandelt.

Im Prinzip dreht sich der ganze Film darum. Die ungewollte Schwangerschaft von Penny ist es, die überhaupt dazu führt, dass Baby beginnt mit Johnny zu tanzen. Die Abtreibung führt auch zu der Solidarisierung zwischen den beiden Frauen. Denn auch wenn die 17-jährige Baby nicht viel von der Welt weiß, so weiß sie, wie ernst diese Situation ist und dass sie helfen muss. Es gibt in dem Film keine Diskussion darüber, ob es richtig ist, abzutreiben oder ob es eine andere Möglichkeit gibt. Das Einzige, was in diesem Film verurteilt wird ist der Mann, der die Abtreibung mit "einem dreckigen Messer und einem Klapptisch" durchführt. Ich bekomme nach wie vor eine Gänsehaut, wenn ich an diesen Dialog und diese Szene denke.

Keine Ausnahme bei Vergewaltigung und Inzest

Warum erzähle ich diese Geschichte? Weil sie seit 1. September 2021 relevanter als eh und je ist. In Texas wurde ein Abtreibungsverbot verabschiedet, das Abtreibung ab der 6. Schwangerschaftswoche verbietet. Dabei muss man bedenken, dass viele Frauen, die nicht aktiv versuchen, ein Kind zu zeugen, in der 6. Schwangerschaftswoche vermutlich noch gar nicht wissen, dass sie schwanger sind und darauf hoffen, dass sie ihre Periode noch bekommen.

Um die Situation noch dramatischer zu machen, gibt es auch keine Ausnahmen für Schwangerschaften nach Vergewaltigungen oder Inzest. Es wurde nun ein Notantrag von Einrichtungen, die sichere Abtreibungen anbieten, eingebracht, die darüber sprechen, dass dieses Gesetz ihrer Erfahrung nach rund 85 % der Abtreibungspatientinnen ausschließt.

Hexenjagd nach Abtreibungsärzt*innen

Besonders schrecklich an diesem Gesetz ist die Ausführung. Es ist nicht geplant, dass der Staat, die Polizei oder das Gericht ermittelt und Ärzt*innen und Medizinisches Personal ausfindig macht, die gegen das Gesetz verstoßen. Stattdessen können Zivilpersonen Anklage gegen Mediziner*innen erheben, die Abtreibungen durchführen, anbieten oder auch nur vorschlagen.

Die Bürger*innen müssen dabei nicht mit einer Person in Zusammenhang stehen, die eine Abtreibung vorgenommen hat. Ja, genau, das klingt nach einer Hexenjagd, wie wir sie aus der Geschichte kennen. Bürger*innen zeigen sich gegenseitig an, die ersten Webseiten von Anti-Abtreibungs-Organisationen wurden bereits eingerichtet, bei denen sie sich melden können. Es soll für Bürger*innen sogar finanzielle Belohnungen geben. Wer an Kopfgeldjagd denkt, weiß in welche Richtung es geht.

Hilfe aus Washington?

Präsident Joe Biden kündigte zwar an, etwas gegen dieses Gesetz zu tun - was genau er aber vorhat, ist aktuell noch unklar. Er sagt: "Dieses extreme Gesetz in Texas verletzt das verfassungsmäßige Recht, das mit Roe v. Wade geschaffen und für ein halbes Jahrhundert als Rechtslage aufrechterhalten wurde." Bei Roe vs. Wade handelt es sich um den Fall, dank dem 1973 Abtreibung legalisiert worden ist. Im Fall einer 22-jährigen Texanerin wurde verfügt, dass eine Schwangere, ohne dass die Gründe dafür unterschiedlich gewichtet werden, die Schwangerschaft abbrechen darf, solange der Fötus noch nicht lebensfähig ist.

Um nochmal klar zu machen, wie absurd und frauenfeindlich dieses Gesetz ist, ist es sinnvoll sich anzuschauen, wie die Höhe der Strafe aussieht. Wer eine illegale Abtreibung zum Beispiel nach einer Vergewaltigung durchführt, muss ab sofort in Texas rund 10.000 US Dollar zahlen, wenn er angezeigt wird. Diese Person kann aber mehrmals angezeigt werden, wodurch dann jeweils eine neue Strafe fällig werden würde. Die Höchststrafe für einen sexuellen Übergriff ist ebenfalls 10.000 US Dollar. Das heißt die Strafe für Vergewaltigung ist genauso hoch wie die Strafe, wenn eine Schwangerschaft nach einer Vergewaltigung abgetrieben wird. Mit dem Unterschied, dass der*die Ärzt*in von mehreren Personen angezeigt werden kann, somit die Strafe höher ausfallen kann wie für die eigentliche Vergewaltigung.

Dreckiges Messer und Klapptisch

Was hat das alles mit Dirty Dancing zu tun? Es ist sehr unwahrscheinlich, dass es ab jetzt keine Abtreibungen mehr geben wird. Wahrscheinlicher ist es, dass verzweifelte Frauen neue Wege finden werden. Sei es eine Reise aus dem Bundesstaat oder illegale Operationen. Ähnliche wie bei Prostitution und Schlepperei werden verzweifelte Menschen immer Möglichkeiten finden. Und grausame Menschen werden diese Verzweiflung ausnützen. Ohne Regeln und Vorschriften und rechtlicher Grundlage. Ohne Sicherheit.

Das bestätigt auch eine Langzeitstudie, die von britischen Forscher*innen zwischen 1990 bis 2019 durchgeführt wurde. Es wurde angenommen, dass begrenzte Schwangerschafts-Abbruchmöglichkeiten auch zu unsicheren Abtreibungen führen. Das Ergebnis war, dass rund die Hälfte aller ungewollten Schwangerschaft in einer Abtreibung endeten - unabhängig vom untersuchten Land und ob Abbrüche dort legal waren oder nicht. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Abtreibungsverbote nicht dazu führen, dass es zu weniger Abtreibungen kommt, sondern dass Frauen gezwungen sind, erhebliche Risiken für ihre Gesundheit auf sich nehmen.

Wie diese Risiken aussehen sind unterschiedlich. Wir können nur hoffen, dass es nicht wieder ein dreckiges Messer und ein Klapptisch sind. Und dass die Realität aus 1963 nicht im Jahr 2021, über ein halbes Jahrhundert später, nochmal relevant wird. Sicher wissen können wir es aber nicht. Wetten würde ich mich nicht trauen. Solange Männer und Konservative die Gesetze machen und über die Körper von Frauen entscheiden, ist nichts sicher. Wir sind in Österreich zum Glück in der Situation, dass aktuell niemand versucht, unser Abtreibungsgesetz zu verändern. Wachsam bleiben sollten wir aber auf alle Fälle. Denn in dem Moment, wo eine Frau nicht mehr über ihren eigenen Körper bestimmen kann, was bleibt ihr dann noch?

 

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