Was Eltern von #metoo lernen können

Brüllende Kinder, die man in den Autositz oder zum Zähneputzen zwingen muss: alltägliche Situationen, wie sie die meisten Eltern kennen. Und ein Grund (von mehreren), warum die Debatte rund um körperliche Selbstbestimmung auch im Zusammenhang mit der Erziehung und Begleitung von Kindern stattfinden sollte. Ein Kommentar.

Ich kann’s nicht mehr hören, denken sich vielleicht manche beim Lesen des Hashtags, mit dem alles anfing. Öffentliche Debatten, Diskussionen im Freundeskreis, mühsame Gesprächsrunden im Fernsehen. Vor einem Jahr hat #metoo die Gesellschaft aufgefordert, sich mit den Themen sexuelle Gewalt, Machtmissbrauch und dem Recht auf körperliche Selbstbestimmtheit auseinanderzusetzen. Und eine solche Auseinandersetzung ist nie einfach und oft ist sie schmerzhaft, weil sie alle Beteiligten zwingt, auch das eigene Verhalten zu hinterfragen, zu reflektieren und in den meisten Fällen zu ändern. Denn seien wir ehrlich: Niemand ist vor Sexismus gefeit oder davor, die eigene Überlegenheit, körperlich oder systemisch, auszunutzen. Schließlich sind wir diese Mechanismen so gewöhnt, wir sind darin aufgewachsen.

Ein „Nein“, das gehört wird

Stichwort aufgewachsen. In den zwölf Monaten #metoo hat die öffentliche Diskussion jene Mitglieder unserer Gesellschaft nicht eingeschlossen, die der logische Anfang von Veränderung sind: unsere Kinder. Wieviel Selbstbestimmtheit lassen wir ihnen als Eltern im täglichen Leben? Oder besser: wieviel gestehen wir ihnen zu? Das betrifft (leider) vor allem Mädchen – denn wie können wir ihnen später, wenn sie erwachsen sind, vorwerfen, dass sie erst Jahre nach einem sexuellen Übergriff ihre Geschichte erzählen, wenn wir ihnen als Kinder nie beigebracht haben, dass ihr „nein“ immer und von jedem ernst genommen zu werden hat? Dass es zählt?

Das Vermitteln von Wertschätzung, Selbstwertgefühl und Selbstbestimmung über den eigenen Körper beginnt nicht erst in der Pubertät, wenn Kinder auch optisch zu Erwachsenen werden. Es beginnt spätestens dann, wenn ein Kind sich verständlich ausdrücken kann.

Beim „Bussi“ fängt es an: „Na gib der Oma halt ein Bussi“, „na geh, die Oma hätt so gern ein Bussi“, „dafür krieg ich aber ein Bussi“, „jetzt hab ich dir ein Bussi gestohlen“. Ja, damit beginnt’s. Nein, das ist nicht lieb und unschuldig. Wer darin Übertreibung sieht, versetze sich in die eigene Kindheit zurück. Denn wenn wir uns zurückerinnern, hatten wir alle diese Oma. Diese Tante, oder diesen Onkel. Dessen Umarmung wir nicht wollten, aber trotzdem gewährt haben (oder uns nicht trauten, „nein“ zu sagen), weil der oder die andere „sonst traurig ist“.

Es geht weiter – und wird schwieriger, weil es den täglichen Umgang von uns als Eltern mit unseren Kindern betrifft: Wer als Mutter oder Vater noch nie die eigene körperliche Überlegenheit in Größe und Stärke gegen sein Kind eingesetzt hat, werfe den ersten Stein. Ein schreiendes Kind, das nicht weitergehen will – hochnehmen und mit sich wehrendem Kind so schnell wie möglich auf und davon, irgendein Stress ist immer und irgendwann sind die stärksten Geduldsfäden zum Zerreißen gespannt. Ein wütendes Kind, dass um sich schlägt, weil es nicht weiß, wohin mit sich – festhalten und hoffen, dass es sich beruhigt. Weil man sich anders nicht mehr zu helfen weiß. Weil es sich sonst nicht die Zähne putzen lässt.

Das sind zutiefst nachvollziehbare Situationen und es wäre falsch, ohne jegliche Empathie zu verurteilen – es hat uns selbst ja niemand gezeigt, wie man’s richtig macht. Stattdessen sind wir selbst aufgewachsen mit „naja, das sind halt Kinder“.

#metoo als Chance für unsere Elterngeneration

#metoo birgt eine große Chance für Mütter und Väter: Wir sind eine der ersten Elterngenerationen, die die Möglichkeit hat, zu hinterfragen und es anders zu machen. Das heißt nicht, es sofort richtig zu machen, sondern uns auch zu erlauben, diesen Lernprozess gemeinsam mit unseren Kindern zu durchlaufen und sie im ersten Schritt ernst zu nehmen, hinzuschauen und zuzuhören. Und vor allem: Das „Nein“ unserer Kinder auch selbst auszuhalten - wenn wir selbst kein Bussi bekommen oder wenn das zweijährige Kind sich unbedingt selbst waschen will, obwohl es fünfmal so lang dauert und dann erst nicht gescheit sauber ist.
Es wird Situationen geben, in denen dieser Lernprozess einfach ist (Stichwort Bussi), es wird jene geben, in denen wir aufgeben (Zähneputzen), aber wir sollten es nichtsdestotrotz immer wieder versuchen.

Denn uns allen ist als Eltern gleich, dass wir nichts mehr fürchten, als dass jemand unseren Kindern etwas antut. Und wie bei allen Dingen in der Erziehung oder Begleitung unserer Kinder lernt man als Mama oder Papa ziemlich schnell: Keine Ahnung, was für erwachsene Menschen bei diesem Wahnsinn, der sich Elternsein nennt, rauskommen. Die Hoffnung ist, ihnen das nötige Rüstzeug mitgegeben zu haben.
Dazu zählt auch die Gewissheit, dass die eigenen Grenzen, so individuell sie sind, immer respektiert werden müssen. Und diese Gewissheit bekommen Kinder daraus, dass wir als ihre Eltern, als ihre wichtigsten Bezugspersonen, diese Grenzen immer respektiert haben.

 

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