Warum wir uns immer wieder in die Falschen verlieben

Sie ist das Täglich-grüßt-das-Murmeltier-Phänomen der Beziehungen: die Liebesfalle. Man kennt sie, man hasst sie vielleicht sogar schon - und stolpert trotzdem immer wieder hinein. Warum das so ist und was Sie dagegen tun können.

Angenommen, Sie schauen aus dem Fenster. Sehen Ihre Nachbarin, wie sie aus dem Haus kommt, ein paar Meter geht - und plötzlich der Länge nach hinfällt. Ein Schlagloch, denken Sie und können sich ein Grinsen nicht verkneifen. Am nächsten Tag sehen Sie die Frau wieder. Und staunen nicht schlecht, als sie erneut in die Stolperfalle tritt. Als sie auch am dritten Tag auf die Nase fällt, sind Sie fassungslos. Denken: Wie blind und blöd kann ein Mensch eigentlich sein, denselben Fehler dreimal hintereinander zu begehen?

So absurd das Szenario auch scheinen mag - auf beziehungstechnischer Ebene ist es wohl jedem schon mal untergekommen. Bei Freundinnen oder bei einem selbst. Immer der Falsche. Immer dasselbe Theater. Manchmal sogar dann, wenn man innerlich schon auf der Hut ist. Psychotherapeutin Billie Rauscher-Gföhler zum Thema Liebesfalle: "Das ist ein Beziehungsdilemma, das sich entweder ständig wiederholt oder lange andauert. Die Partnerwahl erfolgt dabei nach einem Muster, das zu keiner dauerhaften bzw. befriedigenden Beziehung führen kann."

Warum das so ist? Weil es da so etwas wie einen blinden Fleck auf der Seele gibt. Und dahinter ein ungestilltes Bedürfnis, einen emotionellen Hunger aus der Kindheit, der einen immer wieder an ein Buffet treibt, auf dem letztlich nichts anderes liegt als Schaumrollen. Scheinbar dick und groß und sättigend, aber in Wahrheit nichts als gezuckerte Luft.

Deshalb: Hier die häufigsten Liebesfallen, was dahinter steckt - und welche Schritte aus ihnen herausführen.

Die narzisstische Beziehung


Sie weiß, dass sie eine Frau ist, mit der sich Männer gerne zeigen. Und sie kann - selbst wenn ein Typ gerade nur Jeans und T-Shirt trägt - seinen "Marktwert" ebenfalls präzise einschätzen. Die Aura der obersten Büroetage oder der höchsten Steuerklasse kann sie förmlich riechen, und sie findet es erotisch, wie selbstbewusst er in den nobelsten Restaurants auftritt. Sie bietet dafür: ein perfektes Äußeres, gepflegt bis zu den pedikürten Zehennägeln. Die Rechnung geht auf - zunächst. Mittelfristig trägt aber auch sie die Kosten. Mit teuren Dessous darf sie ihm gern kommen, doch bitte nicht mit Problemen. Beziehungsgespräche? - "Werd' nicht mühsam, Baby!" Der Gedanke, den sie sich nur in den seltenen stillen Momenten ihres glitzernden Lebens erlaubt: "Ich habe alles und bin doch völlig leer."

Die Falle: "Hier geht es nur um den äußeren Schein. Der Rahmen muss passen, alles andere wird passend gemacht - die Fehler des anderen werden einfach ausgeblendet", sagt Alon Gratch, Autor von "Die sieben Todsünden der Liebe ... und wie man sie vermeidet" (Scherz-Verlag).

Der geheime Gewinn: "Wir idealisieren den anderen, um damit unser eigenes angeschlagenes Selbstbewusstsein aufzupolieren. Nach dem Motto: So schlecht kann ich gar nicht sein, wenn dieser erfolgreiche oder gut aussehende Typ sich für mich interessiert", so Billie Rauscher-Gföhler.

Wir idealisieren den anderen, um damit unser eigenes angeschlagenes Selbstbewusstsein aufzupolieren.
von Billie Rauscher-Gföhler, Psychotherapeutin

Der Weg aus der Falle
Schritt 1: Fragen Sie sich: Würden Sie mit ihm auch noch zusammen sein wollen, wenn er Geld, Macht oder Prominenz verlöre? Wenn nicht, können Sie ihn auch gleich verabschieden - und weiter zu Schritt 2 gehen.
Schritt 2: Machen Sie sich Ihre eigenen Fähigkeiten und Interessen bewusst. Beginnen Sie etwas Neues, was Sie zufrieden stellt. Konzentrieren Sie sich darauf statt auf Ihren Partner.
Schritt 3: Nehmen Sie den Menschen an Ihrer Seite von Anfang an als Ganzes wahr, mit allen Stärken und Schwächen. Auch wenn das schön wäre: Weder Menschen noch Beziehungen sind jemals vollkommen.

Die virtuelle Beziehung


Heißt so, weil sie weniger in der Realität als im virtuellen Raum der Träume stattfindet. Sie spielt sich ab über das Telefon, über heiße E-Mail-Kontakte - und immer über eine große räumliche Distanz. Urlaubslieben, Internet-Bekanntschaften und beruflich ins Ausland Versetzte sind die typischen Vertreter dieser Beziehungsart. Und die behaupten: Alles wäre perfekt, wenn man nur täglich miteinander frühstücken könnte ...

Die Falle: "Eine fantastische Konstruktion, in der die Fehler des anderen ausgeblendet werden", schreibt Psychologe Alon Gratch.

Der geheime Gewinn: "Dass man eine Beziehung hat und trotzdem nicht auf einen Partner Rücksicht nehmen muss", so Billie Rauscher-Gföhler.

Der Weg aus der Falle
Schritt 1:
Können Sie mit Liebe auf Distanz auf Dauer wirklich zufrieden sein? Glauben Sie ja nicht, dass eine unglückliche Beziehung besser ist als gar keine. Das ist ein glattes Eigentor.
Schritt 2: Ziehen Sie für ein paar Monate zusammen. Dann zeigt sich, ob die Beziehung realitätstauglich ist. Wenn weder das noch eine Trennung möglich scheint, bleibt nur noch -
Schritt 3: Hören Sie auf zu hadern! Werden Sie sich bewusst: Ihr Lebensstil ist kein Zufall, sondern etwas, wofür Sie sich jeden Tag aufs Neue entscheiden.

Die verbotene Beziehung


Zwei Königskinder, die konnten zueinander nicht kommen ... Denn: Sein Leben mit Schnitzel und Bratkartoffeln findet anderswo statt, bei Frau und Kindern. Oder: Im Büro darf es keiner wissen, das würde böses Gerede geben. Wie auch immer, alles muss heimlich passieren. Die schnelle Nummer irgendwo in einer Abstellkammer; das Weekend in einem kleinen Landgasthof, in den sicher kein gemeinsamer Bekannter fährt. Große Leidenschaft, ja. Doch was davon bleibt, wenn sie wieder in ihre leere Wohnung fährt, ist ein schaler Nachgeschmack, der an den Kater nach einer durchzechten Nacht erinnert.

Die Falle: "Es ist das Verbotene, das Heimliche, das die Leidenschaft bei verbotenen Beziehungen anfacht" ist sich Alon Gratch sicher. "Die Betroffenen sind sich dessen aber meist nicht bewusst und stattdessen davon überzeugt, dass ihre Liebe erfüllt wäre, wenn sie nur das Hindernis, in den meisten Fällen den Ehepartner, aus dem Weg räumen könnten."

Der geheime Gewinn: "Eine Dreiecksbeziehung macht zwar alle scheinbar unglücklich, aber sie hält das Ganze auch spannend. Jeder muss um etwas kämpfen. Dabei geht es nicht so sehr um den Menschen, sondern vielmehr um den Kampf, um das Siegenwollen", sagt Billie Rauscher-Gföhler.

Es ist das Verbotene, das Heimliche, das die Leidenschaft bei verbotenen Beziehungen anfacht - die Betroffenen sind sich dessen meist nicht bewusst.
von Alon Gratch, Autor

Der Weg aus der Falle
Schritt 1: Erkennen Sie Ihren inneren Teenager! Werden Sie sich bewusst, dass Ihre Leidenschaft mehr durch Ihre eigene - bewusste oder unbewusste - Rebellion als von der anderen Person angefacht wird.
Schritt 2: Errichten Sie einen inneren Schutzwall. Sagen Sie Nein zur verbotenen Liebe, weil Sie wirklich überzeugt sind, dass sie verboten ist. Nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für Sie selbst.
Schritt 3: Die andere Variante: Sie sagen Ja zu Ihrer Beziehung, weil Sie davon überzeugt sind, dass Ihre Liebe zwar für andere verboten sein mag, für Sie aber nicht.

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Der Helferin geht es nicht ernsthaft darum, dass ihre Hilfe fruchtet, da sie ja sonst ihre Aufgabe und damit Daseins-berechtigung verlieren würde.
von Wolfgang Schmidbauer, Autor

Die einseitige Beziehung


Sie versteht die Welt schön langsam nicht mehr. Immer wieder begegnet sie Männern, die sehr an ihr interessiert scheinen. Erst erwidert sie deren Interesse nicht, irgendwann denkt sie sich: "Warum denn nicht ...", verbringt eine heiße Nacht mit ihm - und danach ist alles anders. Er ist plötzlich auf Distanz, ruft kaum noch an. Und sie? Ist total verliebt und zermartert sich den Kopf, wie sie ihn nur wieder für sich begeistern könnte ...

Die Falle: "Die einseitige Liebe hat mit einem wenig ausgeprägten Selbstwertgefühl zu tun. Je unerreichbarer eine Person, desto begehrenswerter ist sie. Schenkt der Angebetete ihr Beachtung, taucht der Zweifel auf: Was kann der schon wert sein, wenn er sich für mich interessiert?", so Billie Rauscher-Gföhler.

Der geheime Gewinn: Die schöne Illusion - "Unser Leben wäre glücklich und erfüllt, würde er uns nur lieben. Dadurch kann man im Geist eine ideale Beziehung kreieren, die real aber nicht auf den Prüfstein gestellt wird", sagt Alon Gratch.

Der Weg aus der Falle

Schritt 1: Fragen Sie sich: Bin ich wirklich am Menschen, an seinem Wesen interessiert? Stellen Sie sich vor, er würde Ihnen plötzlich einen Heiratsantrag auf Knien machen. Wäre er dann noch immer anhimmelungswürdig?
Schritt 2: Akzeptieren Sie das Offensichtliche - Beziehungen kann man nur mit Personen führen, die das auch wirklich wollen.
Schritt 3: Erkennen Sie die positive Seite jener Eigenschaften, die Sie bislang nicht leiden konnten. Zum Beispiel: Sie finden ihn langweilig. Der positive Aspekt: Er ist zuverlässig.

Die aufopfernde Beziehung


So wie Bienen von Blütenduft angezogen werden, gerät sie immer wieder an Männer, die Hilfe brauchen. Typen, die vielleicht hochbegabt sind, aber wegen ihrer Depressionen keinen Job richtig machen können. Oder einen Hang zur Selbstzerstörung haben, sich mit Alkohol und Drogen niedermachen. Mit viel Liebe, Kraft und 1.000 guten Tipps versucht sie alles, um ihm aus seinem Jammertal zu helfen. Immer in der Hoffnung, dass es eines Tages gelingen wird. Wenn Freundinnen ihr raten, den Loser doch endlich zu verlassen, seufzt sie: "Aber er braucht mich doch, was soll denn ohne mich aus ihm werden ..."

Die Falle: "Übernimmt ein Partner die Helferrolle für den anderen, steckt die Idee dahinter, Liebe könne nur durch Leistung gezeigt und eingefordert werden. Die Balance zwischen Geben und Nehmen ist in solchen Fällen komplett aus dem Gleichgewicht geraten", weiß Psychotherapeutin Billie Rauscher-Gföhler.

Der geheime Gewinn: "Die Helferin versucht ihre eigenen Schwächen damit zu kompensieren, dass sie sich mit Menschen beschäftigt, denen es noch schlechter geht. Dabei geht es ihr nicht ernsthaft darum, dass ihre Hilfe fruchtet, da sie ja sonst ihre Aufgabe und damit Daseinsberechtigung verlieren würde", weiß Wolfgang Schmidbauer, Autor von "Die hilflosen Helfer".

Wege aus der Falle

Schritt 1: Öfter mal nicht hilfsbereit sein. Den anderen den Mist, den er gebaut hat, selbst ausbaden lassen. Sie werden sehen: Wer muss, der kann.
Schritt 2: Üben Sie sich bewusst darin, etwas von anderen anzunehmen. Lernen Sie Ihre Wünsche offen zu äußern und freuen Sie sich, wenn diese erfüllt werden!
Schritt 3: Werden Sie sich bewusst: Jeder Mensch ist liebenswürdig - auch Sie! Sie müssen sich nicht selbst aufopfern, um anerkannt und gemocht zu werden. Sie sind wertvoll allein durch Ihr Sein.

 

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