Warum wir nicht mehr fragen sollten, was jemand zu Weihnachten bekommen hat

Wer wenig Geld hat, weiß: Die Frage nach dem Weihnachtsgeschenk kann belastend sein. Wie es sich anfühlt, zu Weihnachten keine Geschenke zu bekommen oder verschenken zu können.

Frau schaut traurig aufs Handy vor Weihnachtsbaum

"Und? Was hast du zu Weihnachten bekommen?". Diese Frage erscheint auf den ersten Blick harmlos. Schließlich interessiert sich das Gegenüber einfach für uns und unsere Festtagsgewohnheiten, richtig? Was wir oft vergessen: Mit der Frage nach dem Weihnachtsgeschenk erfragen wir automatisch auch die soziale und finanzielle Situation einer Familie. Dabei kann es sich um eine alleinerziehende Mutter, die besonders in der Zeit der Teuerungen mit ihren Ausgaben zu kämpfen hat oder eine Großfamilie handeln: Weihnachtsgeschenke sind einfach ein Luxus, den sich nicht alle leisten können. Neben regulären Ausgaben wird der Heiligabend zur finanziellen Belastungsprobe. Und die Frage nach dem Weihnachtsgeschenk kann daher triggernd sein.

Doch es gibt noch weitere Gründe, warum wir nicht fragen sollten, was jemand zu Weihnachten bekommen hat, warum es völlig ok ist, wenn man nix gekriegt/verschenkt hat und welche Auswirkungen die Frage nach dem Weihnachtsgeschenk auf einkommensschwache Familien haben kann.

Grinch oder gar nichts?

First things first! Selbst, wenn Weihnachten mittlerweile zu einem kommerziellen Fest geworden ist, das vermeintlich alle lieben: Nicht jede*r feiert Weihnachten! Und wisst ihr was? Man muss Weihnachten nicht lieben – geschweige denn feiern. Es gibt zum Beispiel Familien, die einem anderen Glauben angehören oder – haltet euch fest – Menschen, die einfach keinen Bock auf die erzwungene Feierstimmung haben. Glaubt mir: Familien, die nicht Weihnachten feiern (wollen), müssen sich trotzdem manchmal mit der Frage herumschlagen, ob sie etwas schenken. Besonders, wenn sie Kinder haben.

Peer Pressure

Außerdem kommt der Faktor Geld dazu. Ich sag’s euch ehrlich: Es gab eine Zeit, in der Weihnachten und die scheinbar harmlose Frage nach meinem Geschenk Scham und Angst in mir ausgelöst haben. Meine Eltern hatten nämlich wenig Geld, weshalb wir zu Weihnachten manchmal nur wenige oder keine Geschenke bekommen haben.

Doch als Teenagerin ist der Druck dazuzugehören riesig. Wenn mich also meine Klassenkolleg*innen gefragt haben, was ich zu Weihnachten geschenkt bekommen habe, hat das eine Welle an Fragen in mir ausgelöst: "Muss ich mich jetzt als 'die Arme outen'? Was werden meine Freund*innen von mir denken? Bin ich dann noch 'cool' genug?". Also entscheidet man sich meistens für eine Notlüge: "Meine Eltern haben uns einen Sommerurlaub geschenkt!". Krise abgewehrt! Oder zumindest auf den Sommer verschoben.

Merry Crisis

Was passiert, wenn man sich einmal traut die Wahrheit zu sagen und gesteht kein Geschenk bekommen zu haben? "WAAAS?!", "Komisch!", so oder ähnlich schauen die Reaktionen dann aus. Die Sache ist die: Über die Scham, die man empfindet, kommt man früher oder später hinweg. Meistens erst später – im Erwachsenenalter!

Doch als Kind bringt man dieses Gefühl mit nachhause und fragt die Eltern: "Warum?". Dass durch die Inflation die Preise steigen, aber das Einkommen nicht und man sich deshalb nichts mehr leisten kann, versteht man als Kind halt nicht. Deswegen sagen die Eltern: "Heuer gibt’s keine Geschenke! Wir haben kein Geld!". Kein Geld zu haben, ist schlecht. Das wissen auch die Kids. Sie empfinden Traurigkeit und Enttäuschung. Und was macht das Ganze mit den Eltern?

(K)ein Ausweg

Geldsorgen sind oft mit einem Gefühl von Machtlosigkeit verbunden. Diese Emotion und die Sorge "keine guten Eltern zu sein". Das empfinden manche Eltern, wenn sie ihren Kindern keine Weihnachtsgeschenke besorgen können. Und die Situation, die alleine schon schwierig genug ist, erscheint noch aufsichtloser, wenn Menschen in ihrem Umfeld nach Weihnachtsgeschenken fragen also nach der finanziellen Situation.

Schon klar, dass die Probleme der einkommensschwachen Familien nicht gelöst werden, wenn wir aufhören nachzufragen, was sie einander geschenkt haben. Trotzdem können wir Menschen so im Alltag entlasten. Denn Weihnachtsgeschenke und deren Wert macht Menschen nicht aus. So können wir Wertschätzung zeigen oder zumindest rücksichtsvoller werden. Das ist es doch, worum es zu Weihnachten geht und nicht um Geschenke, oder?

 

Aktuell