Warum wir Liebeskummer Zeit geben müssen

Wir haben die Trennungsambulanz in Wien besucht und Tipps für den großen Liebeskummer mitgenommen.

Trennungen und Abschiede gehören zum Leben dazu. Und doch werden sie nicht ausreichend als schwieriger Prozess wahrgenommen - davon ist Sabrina Limbeck überzeugt. Aus diesem Grund hat sie gemeinsam mit Beatrix Roidinger die "Trennungsambulanz" in Wien gegründet. Das Ziel: aus dem Schmerz möglichst schnell wieder herauszukommen und Liebeskummer den Raum und die Zeit geben, die er braucht.

Wir haben mit der Lebens- und Sozialberaterin Sabrina Limbeck über die Phasen einer Trennung und Tipps für Betroffene gesprochen.

Warum reicht es bei einer Trennung oft nicht, nur mit Familie und FreundInnen zu reden?

Für das eigene Umfeld ist es oft schwierig, dich leiden zu sehen. Irgendwann heißt’s dann: "Na, komm jetzt. Andere Mütter haben auch schöne Söhne. Jetzt reiß dich ein bisschen zusammen. Das wird schon wieder."

Damit kommen Menschen mit Liebeskummer aber nicht zurecht. Liebeskummer ist mittlerweile eine anerkannte Krankheit, das "Broken Heart Syndrom" ist real. Auch zu Depressionen kann Liebeskummer führen, das ist auch bekannt. Bei einer harten Trennung und einem Todesfall funktioniert der Körper exakt gleich. Schlaflosigkeit, körperliche Schmerzen, Schwächeanfälle, Atemschwierigkeiten, Panikattacken, Appetitlosigkeiten, Fresssucht, Alkoholsucht – all das spielt da mit hinein.

Alle Themen sind da. Und das sehr komprimiert. Man weiß, man kann in eine Einzeltherapie gehen, aber ich weiß aus eigenen und beruflichen Erfahrungen, dass Gruppendynamik in diesem Fall oft besser ist. Die Ressourcen können in den Gruppen besser genutzt werden. Man kann sich gegenseitig ohne viele Worte aufrichten und sich Gutes tun. Das wurde jetzt auch in der kleinen Gruppe, die wir in der Trennungsambulanz betreut haben, ganz deutlich. Viele erkennen sich in anderen wieder oder vergleichen ihre Situation mit anderen, und denken sich: "Wenn die das geschafft hat, schaffe ich es auch".

Wie läuft der Prozess ab, wenn man die Trennungsambulanz betritt?

Es ist eine Kombination aus Selbsterfahrungsgruppe und Workshop. Meine Kollegin Beatrix Roidinger und ich begleiten den Prozess und führen durch. Wir haben verschiedene Themenschwerpunkte, die wir von den einzelnen Teilnehmern und ihrer Phase im Prozess abhängig machen. Zum Beispiel das Thema Wut – das nächste Mal das Thema Vergebung, wenn es passt. Inwieweit kann ich mir vergeben, was kann ich dem Ex, der Ex vergeben? Die Teilnehmer bekommen auch „Hausaufgaben“ mit, eine Dankbarkeitsliste zu machen, jede nette Begegnung aufzuschreiben. Weil auch das so wichtig ist. Nach einer Trennung fühlt man sich so allein und alle rundherum sind glücklich verheiratet, verliebt, was auch immer. Man selbst ist die einzige Person auf der ganzen Welt, die getrennt ist. Man empfindet das wirklich so. Da ist es wichtig, Begegnungen mit anderen Menschen wahrzunehmen, wertzuschätzen, sich selber ein Stück zu spüren. Zu sagen: Ich werde schon wahrgenommen und geliebt von meinem Umfeld.

Welche Phasen einer Trennung gibt es denn?

Es gibt vier Phasen. Die erste ist die Schockstarre, das Nicht-Wahrhaben-Wollen. Diese Phase ist stark geprägt von körperlichen Symptomen, sodass man sich fühlt, als wäre man vom Autobus überrollt worden. Dann geht es weiter mit dem Gefühlschaos, wo dann Wut dazukommt, die grundsätzlich ganz gut ist – außer sie ist zu stark gegen den Expartner, die Expartnerin oder sich selbst gerichtet. Schuldgefühle sind auch ein Thema, das hier hineinspielt. Die dritte Phase ist bereits die Neuorientierung, wo es schon Ideen gibt, was man ohne den Ex/die Ex machen kann. Die vierte Phase ist dann der neue Lebensentwurf.

Die Phasen werden nicht linear durchlaufen, sie können unterschiedlich lange dauern und man kann auch wieder in eine "alte" Phase zurückspringen. Allerdings nicht mehr so lang. Das beobachten wir in der Gruppe gemeinsam und schauen uns die Symptome jeder Phase an, damit man das auf die Meta-Ebene hebt und von außen betrachten kann. Das ist wichtig, wenn man im Trauerprozess drinnen ist und stark assoziiert ist mit den Gefühlen und Gedanken. Das lässt einen die Trennung ein bisschen dissoziierter betrachten, man bekommt Abstand, entschleunigt das Gefühlschaos und sortiert die Situation besser.

Besteht ihre Selbsterfahrungsgruppe nur aus Frauen?

Es sind vorwiegend Frauen, ja. Noch. Die Gruppe ist offen für alle Geschlechter und Sexualitäten. Es sind aber die Frauen, die sich mehr Gedanken darüber machen und anders damit umgehen. Die Männer leiden genauso, haben aber einen anderen Umgang damit. Sie wurden einfach so sozialisiert, dass sie sich nicht unbedingt zuerst Hilfe holen. Es wäre natürlich schön, wenn mehr Männer hier wären. Weil man das Rollenverhalten so stärker thematisieren könnte.

Weil Sie das Thema Alkoholmissbrauch angesprochen haben: welche „gesunden“ Coping-Mechanismen gibt es bei Trennungen?

Das ist schwer zu sagen, weil es sehr individuell ist. Wir sprechen aber schon Dinge an wie Ernährung, weil es auch darum geht, sich etwas Gutes zu tun. Wenn man aus dieser ersten Schockstarre draußen ist - weil in der Phase schafft man eigentlich nix - wird Selbstliebe zentral, sich etwas Gutes zu tun, Gesundes zu kochen. Selbstliebe bleibt nach einer Trennung auf der Strecke, weil man sich nicht mehr geliebt fühlt. So viele Dinge müssen nach einer Trennung neu geplant und umgestellt werden, das ist eine enorme Stresssituation, in der man vor allem auf sich selbst vergisst.

Sie sprechen auch das Thema Schuldgefühle und Scham nach einer Trennung an– inwiefern spielt das soziale Umfeld da eine Rolle?

Mit einer Trennung trennt man sich auch von liebgewordenem Umfeld, und das erzeugt zusätzliche Trauer. Man wird vom ganzen Familiensystem abgeschnitten. Die Bewältigung dieses Schmerzes kann in den ersten Wochen und Monaten sehr zeitaufwändig und intensiv sein.

Wird in unserer Gesellschaft genug Zeit und Raum für diese Trauerbewältigung gelassen?

Ich habe das Gefühl nicht zu sehr. Ich will uns jetzt nicht als kalt und rücksichtslos hinstellen, aber es ist einfach so. Früher gab es am Land das "Trauerjahr" – der Witwer, die Witwe hat ein Jahr lang Schwarz getragen. So war man für die anderen sichtbar, dass man einen Abschied und Verlust hinter sich gebracht hat. Bei Trennungen ist es bei uns in der Gesellschaft schon so: wir müssen funktionieren. Wir haben unsere Jobs, unsere Karrieren, vielleicht Kinder. Man darf nicht viel zeigen, immer stark sein. Gerade in Zeiten von Social Media, wo man nur schöne Fotos und happy Faces sieht – da ist der Druck, auch beziehungstechnisch erfolgreich zu sein, recht groß. Wenn man dann verlassen wurde, ist diese Scham durch die Zurückweisung noch einmal ein Schlag ins Gesicht.

Welche Rolle spielt Social Media bei einer Trennung?

Was wir als Aufgabe mit nachhause geben, sind Verhaltensregeln, wie man nach einer Trennung mit Facebook & Co. umgehen sollte. Das Stalken geht natürlich super – man kann ständig schauen, was der Ex, die Ex gerade macht, ob er eine neue Freundin hat etc. Genau das soll man eigentlich verhindern. Es gibt diese sogenannte "Kontaktsperre", die wir stark empfehlen: dass man nach der Trennung alles, was irgendwie an den Ex erinnern könnte, zur Seite schiebt. Bei Social Media besonders – entweder defrienden oder sogar blocken. Es erfordert natürlich eine gewisse Disziplin, aber diesen Schritt für sich selber zu tun, ist wichtig. Man ist ständig verleitet, sich mit dem Leben des Expartners auseinanderzusetzen und das tut einfach noch einmal weh und man ist nie bei sich. Nur der notwendigste Kontakt soll aufrecht erhalten bleiben. Wenn es um Kinder geht, zum Beispiel. Aber man sollte, so gut es geht, den Kontakt abbrechen.

So viele Dinge müssen nach einer Trennung neu geplant und umgestellt werden, das ist eine enorme Stresssituation, in der man vor allem auf sich selbst vergisst.
Sabrina Limbeck

Für Menschen, die gerade vor einer Trennung stecken: ab wann weiß man denn, dass es gar nicht mehr geht?

Man weiß es eigentlich schon dann, wenn man darüber nachdenkt. Man kann vielleicht noch eine Kurskorrektur machen und etwas ändern oder retten. In der Trennungsambulanz versuchen wir aber nicht, Beziehungen wiederzubeleben, sondern konzentrieren uns auf die Menschen, die wirklich eine Trennung hinter sich haben.

Gibt es denn Sätze, die man zu jemandem sagen kann, der gerade frisch getrennt ist?

Den besten Satz, den ich je gehört habe, war: Es dauert so lange es dauert. Man soll sich selbst keinen Druck und Stress machen. Ist der Leidensdruck zu hoch, soll man sich Unterstützung und Hilfe holen. Scham hat bei einer Trennung nichts verloren. Beziehung, Trennung, Abschied, Tod – das ist etwas ganz Menschliches und gehört zu uns dazu. Wenn wir so eine Krise durchleben, dann ist ein großer Teil unseres Lebens gerade gefährdet. Und das muss man schon sehr ernst nehmen, und deswegen haben wir diese Trennungsambulanz auch gegründet. Es dauert, so lange es dauert und darf auch dauern – wichtig ist nur, dass diese Selbstliebe wieder einsetzt und das wir das gemeinsam hinkriegen.

Ist es sinnvoll, sich nach einer Trennung sofort wieder in eine neue Beziehung zu stürzen?

Das kommt auf den Typ Mensch an. Ich habe schon erlebt, dass eine Frau, die eine besonders schwere Trennung hinter sich hatte, nach kurzer Zeit einen Liebhaber hatte. Sexorzismus sozusagen. Das hat in dem Fall gut getan. Das muss man natürlich für sich auch abklären und genau überlegen, ob man der Typ dafür ist. Aber es kann schon gut tun, weil man zurückgewiesen wurde und dann eine Affäre beginnt, warum nicht? Es ist ja doch auch ein Schritt in die Zukunft und in die richtige Richtung, wenn man sich über neue PartnerInnen Gedanken macht. Es muss aber nicht gleich eine Beziehung sein.

Natürlich gibt es diese Beziehungs-Hopper, die von einer in die nächste gehen. Die trifft dann nach ein paar Jahren eine Trennung besonders hart, weil da alle Trennungen davor wirksam werden. Alles, was man nicht bearbeitet hat, rollt dann wie so ein Eilzug auf einen zu.

Also kann es auch ein Verdrängungsmechanismus sein?

Wenn es so gehandhabt wird, schon. Es gibt aber auch die, die schnell sind im Erledigen und Abhandeln. Die klassischen Beziehungshopper laufen aber gerne davon vor ihren eigenen Gefühlen. Und hüpfen dann lieber gleich in die nächste Beziehung, und haben auch das Gefühl, dass es da wieder gut ist. Aber das Andere ist noch gar nicht erledigt, sie haben es für sich noch nicht abgeschlossen. Den Prozess der Wut, der Trauer, des Verzeihens, des Vergebens durchzugehen – diesen Weg sind sie nicht gegangen, und damit ist etwas nicht abgeschlossen.

Ist eine Trennung härter, je länger die Beziehung war?

Ja. Es macht einen Unterschied, ob ich ein Jahr lang eine intensive Beziehung hatte oder schon 20 Jahre verheiratet bin und drei Kinder habe. Im zweiten Fall kommen viele Dinge dazu, im ersten Fall ist es vielleicht so, dass man zusammengezogen ist und sich eine neue Wohnung suchen muss. Mit Kindern kommen noch viele andere Probleme dazu. Heißt aber nicht, dass die 1-Jahres-Trennung nicht genauso erschütternd sein kann wie die nach 25 Jahren. Denn nach 25 Jahren hat man sich vielleicht schon 15 Jahre lang gedacht, dass es nicht mehr passen könnte. Aber auch da gibt es Überraschungsmomente – man kann es nie sagen. Die Gefühle können einen so oder so überfallen und ohnmächtig machen.

Gibt es einen Unterschied im Prozess von Verlassenen und denen, die sich aktiv trennen?

Ja natürlich. Der oder die Verlassene wird zuerst einmal überrascht, zumindest augenscheinlich. Der, der verlässt, hat das ja geplant oder spielt schon länger mit dem Gedanken. Meistens sind aber überall Probleme im Vorfeld da. Und auch daran arbeiten wir: wenn Menschen sagen, sie wurden völlig überrascht und es war noch alles völlig in Ordnung, bohren wir nach und merken schnell, dass da schon vorher eine Schieflage war, die sie so nicht sehen wollten.

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