Warum wir Kim Kardashian nicht Schlampe schimpfen sollten

Kim Kardashian bricht (wiedermal) das Internet. Mit, Überraschung, einem Nackt-Selfie. Trotzdem sollten wir aufpassen, wie wir über sie reden.

Kim Kardashian bricht (wiedermal) das Internet. Mit, Überraschung, einem Nackt-Selfie. Bedeckt nur mit schwarzen Balken an jenen Stellen, deren Entblößung Instagram und Co. wohl gesetzlich nicht mehr toleriert hätten. Und das ausgerechnet am Frauentag. Kurze Zeit später hatten ungefähr alle ihre Meinung dazu abgegeben, von Feministin bis Ultrakonservativ, vom No Name bis zum Promi.

Hellhörig wurde ich, als eine Freundin, die normalerweise wenig vom Klatsch der Reichen und Schönen mitbekommt, mir erklärte sie sei recht deprimiert, weil eine so berühmte Frau wie Kim Kardashian ein solches Frauenbild verbreite. Weil Frauen immer nur aufs Aussehen reduziert würden und so viele Frauen da mitmachten.


Was das Internet sagt

Eine ähnliche Kritik kam auch von Promis. Schauspielerin Bette Midler, bekannt für scharfzüngige und oft ziemlich akkuraten Aussagen zur Gesellschaft kommentierte:

"Kim Kardashian hat heute einen Nackt-Selfie gepostet. Wenn Kim will, dass wir einen Teil von ihre sehen, den wir noch nie gesehen haben, muss wie eine Kamera schlucken.”

Was von Midler als bissiger Witz formuliert wurde, drückte die 19-jährige Schauspielerin Chloë Grace Moretz seriös aus:

"Ich hoffe wirklich, dass du erkennst, wie wichtig es für junge Frauen ist, sich Ziele zu setzen und ihnen beizubringen, dass wir so viel mehr anbieten können, als nur unsere Körper.“

Dazu kamen gefühlt Trillionen Kommentare unbekannter Twitterer. Die von „Du bist eine Mutter, pass auf, was du anziehst“ bis „Na wenn man sonst keine Talente hat, was erwartet man sich schon von einem Ex-Porno Star“ reichten.

Kim Kardashian jedenfalls fühlte sich Slut-Shamed und konterte mit noch einem Nacktselfie und einem offenen Brief. Tenor: Sie habe das Recht, sich sexy zu fühlen und zu zeigen, es sei ihr egal, was irgendjemand von ihr denke. Etwas Humorlosigkeit in Bezug auf Midlers Kommentar kann man Kim schon unterstellen, wie ich finde. Ansonsten könnte man die Sache unter „ein Tag im Promi-Zirkus“ ad acta legen.

Wie siehst du aus?


Aber warum betrifft es uns irgendwie doch alle, wenn Kim Kardashian ein Nacktfoto postet? Nun, weil sie eben sehr sehr berühmt ist. Und weil die Reaktionen darauf viel darüber aussagen, wem der Körper einer Frau gehört. Nämlich nicht ihr. Egal ob sie dick, dünn, groß, klein, hochgeschlossen oder freizügig gekleidet ist: Wie eine Frau aussieht, ist immer ein Politikum. Und alle haben eine Meinung dazu. Als Frau wird man nicht geboren, zur Frau wird man gemacht, analysierte Simone de Beauvoir. Und ja, wir werden auch dazu gemacht, sexy und verfügbar zu sein, vor allem in unserer kapitalistischen Welt. Mit halbnackten Frauen kann man alles verkaufen, wie zahlreiche Werbungen belegen.

Uns Frauen wird immer noch eingeredet, dass wir hautpsächlich mit unserem Äußeren punkten können. Hinter Make Up Tutorial und Diätempfehlungen steht unausgesprochen oft die Aussage: Mit unrasierten Beinen und zu viel Speck auf den Hüften brauchst du dich gar nicht erst rauszutrauen. Denn wen interessiert schon, was du sonst noch drauf hast? Kein Wunder, dass Plus-Size Bloggerinnen und Body-Positivity-Kampagnen immer mehr weibliche Fans finden, die sich endlich mal halbwegs repräsentiert fühlen. Als „normale“ Frau eben.

Heilige und Hure


Genau hier verorte ich aber auch Kim Kardashians Nude Selfie und die Kritik daran. Denn wie man sich als normale Frau zu verhalten hat, spielt sich all zu oft immer noch zwischen den Polen Heilige und Hure ab. Selbst in einer hypersexualisierten Gesellschaft wie unserer gilt für weibliche Menschen: Wer zu sexy ist, wird nicht ernst genommen. Wer sich zu freizügig verhält, den darf man Schlampe nennen. So verständlich die Kritik an Kardashians Selfie bezüglich der Vorbildwirkung auf junge Frauen oder ihrem Mitmachen im patriarchalen Spiel auch ist, so diffus unangenehm drückt sie mir auf die feministische Magengrube. Denn die selbe Kritik könnte auch im ach so rückschrittlichen Dorfgasthof passieren, wo die honorablen Männer und Frauen darüber urteilen, wer sich korrekt verhält und wer nicht. „Schau dir die an, die Schlampe, wie die herumrennt. Was die wieder anhat. Was sollen denn die anderen denken.“

Nun, ich denke an Virginie Despentes, die französische Schriftstellerin und Feministin. Wenn sie mit befreundeten Pornodarstellerinnen, die sich auch auf der Straße selbstbewusst zur Schau stellen, durch die Stadt gehe, so erzählte Despentes, merke sie, dass Männer eingeschüchtert seien. Weil so die Verkorkstheit von Begehrensmechanismen offengelegt würden, die unsere Gesellschaft zu verantworten hat – nicht zuletzt dank der Jahrhundertelangen Übermacht der Kirche und der Vorstellung, dass eine Frau nicht öffentlich zu ihrer Sexualität stehen darf. Sexuell selbstbestimmte Frauen stellen im moralischen Diskurs seit jeher eine Gefahr für Männer dar.

Vom immer noch grassierenden angeblichen „Beschützerinstinkt“ den das „starke Geschlecht“ angeblich hat bis hin zum Verhüllungszwang in manchen Ländern (nein, eine Frau, die sich verhüllt ist nicht zwangsläufig unterdrückt, ich spreche hier nur von staatlich-religiös verordneten Gesetzen, die keine Selbstbestimmung zulassen): Keine konservative Gesellschaft schätzt Frauen, die Haut zeigen. Das ist bis in die Popkultur spürbar, etwa wenn Chartstürmer Drake seinem „Good Girl“ nachtrauert, das doch früher immer brav zu Hause blieb und auch mehr anhatte, als heute. Frauen, die sich stark geben, mit sexy Klamotten daherkommen, aber keine Verfügbarkeit signalisieren, sind weniger gerne gesehen als der Typ sexy Mädchen, das zwar frech, aber doch eigentlich harmlos ist.

Ökonomie der Aufmerksamkeit


Der Unterschied zwischen sexualisierter Darstellung von Frauen als verfügbare „Ware“ und durchdachter Selbstpräsentation ist ein feiner, aber es gibt ihn. Genauso wie es nicht dasselbe ist, ob das Bild einer Frau, die Haut zeigt, in Werbung und Zeitschriften zu sehen ist, oder am Social Media Account einer Frau, die sich selbst dazu entscheidet, so ein Bild zu posten. Kim Kardashians Foto ist zumindest eines: Selbstbestimmt. Sie weißt, was sie tut. Klar, sie macht mit im kapitalistischen Spiel, und teilweise auch im patriarchalen. Aber wer tut das nicht irgendwie? Auch die aktuelle Vorzeige-Pop-Feministin Beyoncé tritt im knappen Outfit auf und ließ sich schon mal in Höschen und sehr kleinem Top ablichten. Sehr viel mehr zeigt auch Kim im Badezimmer nicht, aber der Unterschied zwischen schwarzen Balken und einem Bikini ist wohl eher die explodierende Vorstellungskraft.

Sicher, Beyoncé hat klare, emanzipierende Botschaften an Frauen, was man von Kim nicht behaupten kann. Und Beyoncé „kann was“. Auch da nämlich wird Kim vorgeworfen: Talentfrei, darum die Nackt-Parade. Aber welchem Mann wurde schon je mal vorgeworfen, bloß ein It-Boy zu sein, der nichts kann? Und wieviele (erfolgreiche) Männer sind CEOs von Firmen, die Zeug herstellen, das weder Umwelt noch sonst irgendjemandem tatsächlich gut tun? Das Business-Talent, das es – völlig losgelöst vom Inhalt - dafür braucht, hat Kim genauso. Sie bedient eben die Ökonomie der Aufmerksamkeit.

Ob er sich für diese auszieht oder nicht, um seine Ziele zu erreichen, muss ein Mann sich nie überlegen. Danke, Privileg. Darüber dann alle Kritik auf der Frau, die das tut, auszuleeren, schlägt in eine ähnliche Kerbe wie die unreflektierte Kritik an Prostitution.

Eines ist richtig: Die Selfies der Kardashians (nicht nur von Kim) gehören zum Genre einer super-optimierten Körperkultur. Authentisch ist da wenig, es geht um Posieren, Perfektionieren und Darstellung. Insofern ist es natürlich nicht optimal, darin ein Vorbild zu sehen. Dennoch stimmt auch, dass Kim einen großen Anteil am Curvy Turn hat und trotz aller Perfektheit mithalf, das absolute Ideal der großen, dünnen Frau wanken zu lassen.

Slut-Shaming ist ein No-Go


Am Ende geht es jedenfalls darum: Nachmachen müssen wir das jetzt nicht und ja, Empowerment gegen den Schönheitswahn sieht wohl anders aus. Aber ein wenig Differenziertheit in die Nackt-Debatte zu bekommen, schadet nicht. Denn sonst driftete sie tatsächlich schnell in Slut-Shaming ab. Und das ist auch hier wieder mal massiv passiert.

 

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