Warum wir es uns nicht mehr leisten können, unparteiisch zu sein

Die WIENERIN-Redaktion gibt eine Wahlempfehlung für Alexander Van der Bellen ab.

Diesen Sonntag, 4. Dezember 2016, steht uns in Österreich eine richtungsentscheidende Wahl bevor. Eine, die wir nicht ignorieren können und wollen. Denn wir sind der Meinung: auch wir als Journalistinnen haben nicht mehr den Luxus, unpolitisch zu sein, einfach zuzusehen oder niemandes Partei zu ergreifen. Als Feministinnen müssen wir das sogar tun: für die Gleichberechtigung der Geschlechter, Klassen und Ethnizitäten.

Wir sind MeinungsmacherInnen


Denn als Journalistinnen müssen wir uns irgendwann fragen: Wie viel unserer eigenen Integrität sind wir für vermeintliche Objektivität bereit aufzugeben? Wie "objektiv" können wir noch sein, wenn jede einzelne Äußerung eines Kandidaten den Rechten widerspricht, für die wir jahrelang gekämpft haben? Können wir es uns noch leisten, einen Präsidentschaftsanwärter zu unterstützen, der wissentlich gegen Minderheiten hetzt und Falschmeldungen verbreitet? Einen Kandidaten, der mit seiner Hetze gegen unser Wahlsystem unsere demokratischen Grundwerte immer wieder in Frage stellt? Einen Kandidaten, der über die Todesstrafe abstimmen lassen möchte?

Wir müssen uns die Frage stellen, ob wir mit dem Streben nach Objektivität, dem vermeintlich höchsten Gut des Qualitätsjournalismus, nicht eigentlich uns selbst verraten?

Und vor allem: Wie sehr wollen wir uns den Rufen nach "Objektivität" unterordnen, wenn diese Rufe von Menschen kommen, die täglich Falschmeldungen in den sozialen Medien verbreiten und Frauenrechte untergraben?

Wir finden: Als Journalistinnen müssen wir uns unserer Verantwortung als MeinungsmacherInnen bewusst sein. Auch, wenn das bedeutet, dass wir uns damit einer großen Angriffsfläche in den sozialen Medien aussetzen.

Es muss auch anders gehen!


Wenn wir diese Rechte in Gefahr sehen, müssen wir aufstehen und uns positionieren. Wir müssen den Finger in Wunden legen, die für viele nicht einmal sichtbar sind – aber die uns allen schaden werden. Wie wir das am besten machen? Indem wir uns zusammentun, indem wir solidarisch sind. Solidarität heißt auch: den Kandidaten zu wählen, dem Frauenrechte und Feminismus echte Anliegen sind – und nicht denjenigen, der lange erkämpfte Rechte in Frage stellt („Bedenkzeit“ vor Abtreibung) und dessen Partei Frauen einen "Brutpflegetrieb", "Nestbauinstinkt" und Inkompetenz andichtet. Dass Frauenhäuser, die Frauen und auch vielen Kindern in Not Schutz bieten, in den Augen der FPÖ Amstetten ein „Unfug" sind, der "abgestellt gehört“, weil sie "Ehen und Partnerschaften zerstören" - ist nur ein weiteres "Highlight" des Frauenbildes dieser Partei.

Zur Erinnerung: das Video der Initiative "Frauen gegen Hofer", in dem Frauen die Meinungen und Aussagen der FPÖ zu frauenpolitischen Themen kommentieren.

Auf der anderen Seite steht ein Kandidat, der sich als Feminist bezeichnet, für den Frauenrechte ganz klar Menschenrechte sind, der die gläserne Decke als "skandalös" benennt und der Frauendiskriminierung deutlich als solche kritisiert. "Wenn ich sehe, dass die Gehaltsschere zwischen Männer- und Frauengehältern so weit auseinanderklafft, dann ist das weder fair noch ökonomisch – hier wird diskriminiert", sagte Alexander Van der Bellen im WIENERIN-Interview vor der Wahl im Mai.

Und ja: perfekt wird ein Kandidat nie sein, und ist es auch diesmal nicht. Doch wir müssen uns die Frage stellen, ob wir es zulassen wollen, dass ein Kandidat an die Macht kommt, der unsere Demokratie gefährdet.

Daher an dieser Stelle der Aufruf:

Liebe LeserInnen, gehen Sie wählen! In diesem Falle zählt wirklich jede Stimme. Wir Frauen haben uns nicht jahrhundertelang das Wahlrecht erkämpft, um es dann nicht wahrzunehmen. Machen Sie von Ihrem Wahlrecht Gebrauch und zeigen Sie, dass Sie sich für ein weltoffenes, gleichberechtigtes und solidarisches Österreich einsetzen.

Wählen Sie in Ihrem Sinne! Ein Kandidat, der Frauenrechte beschneiden will, ist kein Kandidat, den Frauen wählen sollten. Die WIENERIN-Redaktion spricht sich klar für Alexander Van der Bellen aus.

 

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