Warum wir endlich anders über "Jungfräulichkeit" reden müssen

Sara* ist in einer streng religiösen Familie in Wien aufgewachsen. Das Thema Sex wurde zuhause völlig unter den Teppich gekehrt - und war gerade dadurch so präsent. Heute ist sie 25 und spricht über ihre Erfahrungen.

Frau sitzt im Bett

Als ihre Mutter die Packung mit der Pille in Saras* Zimmer fand, spülte sie die Tabletten einzeln im Klo herunter. "Sex hast du nur, wenn du heiratest und auch nur, um Kinder zu kriegen – und das auch nur, wenn dein Mann das will", wurde ihr jahrelang von ihren streng konservativen Eltern eingeschärft. Mittlerweile ist Sara* 25, hat ihr BWL-Studium abgeschlossen und macht eine Ausbildung zur Steuerprüferin. Außerdem ist sie Mitglied im unabhängigen Frauennetzwerk Sorority, wo sie im Zuge der letzten Monatsversammlung mit Sexualpädagogin Cornelia Lindner (gefuehlsecht.at) über ihre Erfahrungen mit dem Thema "Jungfräulichkeit" und Sexualität sprach. Wir durften ihr anschließend auch noch einige Fragen stellen.

*Name von der Redaktion geändert

WIENERIN: Wann ist dir das erste Mal aufgefallen, dass der Umgang mit Jungfräulichkeit und Sexualität in deiner Familie strenger bzw. anders ist als bei anderen?

Als meine Freundinnen mit 14 Jahren wegen der Gebärmutterhalskrebsimpfung zur Frauenärztin gegangen sind. Ich hab daraufhin meine Mama gefragt, ob ich das auch machen soll, worauf sie sagte: "Du gehst nicht zur Frauenärztin, du bist nicht verheiratet". Ich bin dann heimlich gegangen, als ich meinen ersten Freund hatte. Als meine Mutter das erfahren hat, hat sie dort angerufen und die Frauenärztin gefragt, ob ich noch Jungfrau sei. Die hat ihr aber zum Glück keine Auskunft gegeben.

Ich bin generell bei der ganzen Thematik immer sehr verkrampft gewesen, es war immer ein "Ja nicht ansprechen, weil das gehört sich nicht und das macht man nicht". Auch Tampons waren nicht erlaubt. Das hat sich auch ziemlich lange gehalten, das erste Mal Tampons verwendet habe ich mit 22. Das hat dazu geführt, dass ich einerseits gar nicht mehr zuhause gefragt habe und andererseits irgendwann aufgehört habe, mich selber zu fragen und mich damit abgefunden habe, dass es halt so ist. Dass ich mich aufheben muss bis zur Ehe, damit ich meine "Reinheit" bewahre.

Jungfräulichkeit gibt es nicht

Das soziale Konstrukt der "Jungfräulichkeit" hat eine lange religiös-patriarchale Tradition und dient der Kontrolle weiblicher Sexualität. Der Mythos, es gäbe die relevante Eigenschaft, "Jungfrau" zu sein, ist in vielerlei Hinsicht schädlich – hält sich aber dennoch hartnäckig.

Medizinisch gibt es keine Möglichkeit festzustellen, ob jemand schon Sex hatte oder nicht. Beim Hymen (umgangssprachlich oft als Jungfernhäutchen betitelt) handelt es sich um eine Hautfalte, welche eine natürliche Öffnung besitzt, durch die jederzeit Scheidenausfluss und Menstruationsblut abfließen können. Die weiche, nachgiebige Beschaffenheit des Hymens lässt es meist nicht zum Einreißen kommen. Die meisten Frauen erleben beim ersten Geschlechtsverkehr daher auch weder Schmerzen noch Blutungen (kommt es doch zu Blutungen, liegt das vermutlich an vaginaler Trockenheit bzw. zu intensivem Geschlechtsverkehr, der zu kleinen Verletzungen in der Vagina führt).

So gesehen können wir keine "Jungfräulichkeit verlieren", weswegen wir auch in unserem Sprachgebrauch auf korrekte Ausdrucksweise achten sollten.

Du hast ein Wiener Gymnasium besucht: Wie war die Situation in deinem Freundeskreis, deinem Umfeld - war das manchmal ein bisschen awkward?

Es war mega awkward! Ich hab viele Gespräche nicht mitführen können oder teils auch gar nicht verstanden. Mir war klar: Wenn ich heirate, passiert zwischen mir und meinem Mann was; ich wusste, es kommt zu einer "Penetration", weil wir das in Bio gelernt hatten.

Dass es etwas wie Vorspiel gibt und Oralsex und Selbstbefriedigung – das habe ich zwar mitbekommen, aber das war für mich tabu. Ich habe mich geschämt und wollte nicht darüber reden, weil ich es peinlich fand und ich mir dachte, darüber spricht man nicht mit anderen Leuten, das gehört sich nicht.

Als Burschen angefangen haben, so Pornovideos rumzuschicken, fand ich das so grauslich und weird und dann habe ich das mal zuhause erwähnt und dass ich das überhaupt mitbekommen habe, das war ... ganz schlimm. Für mich war dann gespeichert "okay, das ist falsch".

Bei mir war gespeichert: Sex, Geschlechtsverkehr ist da, um Kinder zu bekommen, für die Fortpflanzung und das war's. Spaß machen? Nein.

von Sara*

Wie war das zum Beispiel auf Skikursen? Da packt ja schnell mal jemand ein Bravo-Heft aus...

Durfte ich nicht! Ich durfte diese Reisen ab der Oberstufe nicht mehr mitmachen, was wahrscheinlich auch dazu geführt hat - da komm ich auch erst jetzt retrospektiv drauf -, dass ich das alles nicht mitbekommen habe. Klar, gab’s nachher die oargen, coolen Geschichten, als die anderen zurückgekommen sind – ich war halt nie dabei.

Wie hat sich das auf dein Sozialleben ausgewirkt?

Beeinflusst hat es das auf jeden Fall. Es gab einfach gewisse Themen, wo ich nicht mitreden konnte. Irgendwann hatte ich dieses awkwarde Gespräch mit einer guten Freundin von mir, wo sie mir erklärt hat, "wie man das macht", aber da dachte ich auch nur so "Iiih, das ist ja voll ekelhaft!" – da war ich 17, 18! Bei mir war gespeichert: Sex, Geschlechtsverkehr ist da, um Kinder zu bekommen, für die Fortpflanzung und das war's. Spaß machen? Nein.

Habt ihr zuhause ferngesehen? Gab es diesbezüglich auch Verbote?

Kussszenen waren irgendwann erlaubt. Prinzipiell war's aber so - ich bin die Älteste von Dreien - wenn ich angefangen habe, Sachen zu schauen wie "How I Met Your Mother", musste ich meistens irgendwann abdrehen, denn da kamen ja auch gewisse Szenen vor.

Und das hast du auch gemacht?

Ja, natürlich. Der Fernseher war im Wohnzimmer, meine Geschwister konnten vorbeilaufen, meine Mama hat gedacht: "Oh mein Gott, da könnten problematische Wörter fallen, dann stellen sie Fragen, was auch immer – dann lieber gar nicht." Ich wurde total abgeschirmt von dem Thema. Lange ziemlich erfolgreich. Ich hatte nicht nur das Verbot verinnerlicht, sondern auch diese Scham. Generell dieses "Das tut man nicht, das sollte ich nicht".

Wie war es mit deiner Periode? Hast du mitbekommen, wie deine Mama das macht, ob sie Binden verwendet, etc.? Hat sie dir erklärt, wie man damit umgeht?

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich meine Tage bekommen habe. Ich war zwölf und wir waren in Ägypten. Ich weiß noch: Ich habe panische Angst bekommen und dachte: "Ich weiß nicht, was gerade passiert!" Dann habe ich meine Mama gerufen, die hat gesagt: "Das ist gar kein Problem", hat mir eine Binde gegeben und mir gesagt, wie ich sie verwende.

Als ich einmal gefragt habe, warum im Turnen einige Mädels Tampons verwendet haben, sagte sie: "Nein, sowas verwenden wir nicht, denn dann reißt dein Jungfernhäutchen und du bist keine Jungfrau mehr". Manchmal habe ich auch versucht, mit Infos, die mir in Bio beigebracht wurden, zu argumentieren, wie "Es kann beim Laufen passieren, bei fast jeder Sportart...". Aber all das hat mir meine Mama nie geglaubt. Da wusste ich ja auch noch nicht, dass es das Jungfernhäutchen in der Form in Wahrheit gar nicht gibt.

Du hast schon kurz deine Geschwister angesprochen. Hattest du das Gefühl, dass du und deine Schwester strenger behandelt wurden als dein Bruder? Oder galten für euch alle die gleichen Regeln?

Ich muss sagen, das galt oder gilt im Großen und Ganzen für uns alle gleich. In der Praxis war’s dann schon ein bisschen anders, eh klar: Beim Mann "sieht man es ja nicht", deswegen... weiß nicht. Aber grundsätzlich war das für uns alle drei gleich.

Wann hast du beschlossen, dich nicht mehr an die Regeln deiner Eltern zu halten?

Das war kurz nach der Schule oder vielleicht ein bisschen früher. Meine Mama hat es herausgefunden, als sie meine Pille gefunden hat. Die hat sie daraufhin einzeln das Klo runtergespült. Das war ihr Umgang damit. Es war quasi so, als hätte ich einen Stempel auf die Stirn gedrückt bekommen. Irgendwann kam von ihr dann ein "Friedensangebot": Sie hat mir offeriert, mir diese Operation(*) zu zahlen – dafür lass ich’s dann aber bitte gut sein. Ich hab’s nicht angenommen.

(*)Anmerkung: Die Hymenalrekonstruktion ist ein medizinischer Eingriff, bei dem das Hymen (umgangssprachlich: Jungfernhäutchen) so weit verengt wird, dass es bei einem Geschlechtsverkehr verletzt wird und blutet. Da das Hymen an sich keine biologische Funktion hat, werden Hymenalrekonstruktionen ausschließlich aus sozialen und kulturellen Gründen vorgenommen.

Wie ist jetzt dein Verhältnis zu deiner Mutter beziehungsweise zu deinen Eltern?

Was das Thema Sex betrifft: Das wird nach wie vor umgangen. Für mich ist das mittlerweile okay. Ich kann inzwischen alleine mit dem Thema umgehen und habe Leute, mit denen ich reden kann. Ich weiß, was ich will, was ich nicht will.

Wie würdest du das mal mit deinen Kindern machen?

Ich nehme mir vor, offen darüber zu reden. Ansonsten würde ich aktiv versuchen, mich weiterzubilden, wie man am besten mit dem Thema umgeht. In Wahrheit habe ich aber keine Ahnung, wie das wird, wenn ich mal Kinder bekomme. Ich bin jetzt 25 und hab das 21 Jahre lang praktisch genauso durchgezogen, habe das zu der Zeit auch als richtig empfunden und kann nicht sagen, dass ich das scheiße fand und mich wehren wollte, aber nicht konnte.

Was würdest du anderen Jugendlichen raten, die in einer ähnlichen Situation sind? Wenn sie vielleicht das Gefühl haben: "Hm, ich glaube, ich kenne mich nicht gut genug aus" oder sich unfair behandelt fühlen ...

Versuche vielleicht nicht du deinen Eltern das zu erklären. Vielleicht kann man jemanden reinholen, dem auch deine Eltern vertrauen: Freund*innen von den Eltern, die da vielleicht ein bisschen offener sind, aber ich tue mir da echt schwer, denn wenn ich mir vorstelle, wie ich damals zu meiner Mama gesagt hätte, "Du, die Mama von der und der sagt...". Ich weiß auch nicht, ob sie das angenommen hätte. Ich glaube aber, es hilft vor allem, wenn wir dieses Thema generell mehr bereden.

Wie hast du den Schulunterricht bzgl. Sexualkunde und Aufklärung empfunden? Findest du es gut, wenn externe Personen dafür eingesetzt werden?

Auf jeden Fall! Als Lehrer*in bist du ja auch immer limitiert. Schüler*innen haben schon ein Bild von dir und das kannst du schwer abtun. Wenn dann eine Sexualpädagogin wie Conny (Lindner) kommt und weiß, was die Kinder gerade beschäftigt, dann ist das ein ganz anderer Zugang und ich glaube, dass man dann zumindest mit den Jugendlichen ins Gespräch kommt. Ich glaube, dass das auch viel easier geht, wenn du dabei nicht vor deinem*deiner Lehrer*in stehst, die du am nächsten Tag dann in Mathe wiedersiehst.

Denkst du, dass deine Erziehung dein Körperbewusstsein und dein Verhalten beeinflusst hat?

Ich denke, ich bin immer noch recht verschlossen, was das ganze Thema betrifft. Das ist auch okay. Ich bin schon viel weiter als ich war. In meinem Kopf waren früher Gedanken wie: "Das wird weh tun, das wird katastrophal und ich muss es einfach über mich ergehen lassen." Das hielt sich lange, auch bei den ersten Malen, die dadurch nie funktioniert haben. Allein nackt sein war für mich schon ein großes Ding. Ich muss das immer noch dazulernen und mich immer noch aktiv daran erinnern, warum ich so denke.

Was würdest du dir im Umgang mit Sexualität und "Jungfräulichkeit" wünschen?

Es wird sehr schnell - auch bei mir - mit meiner Religion in Zusammenhang gebracht. Es ist aber einfach generell ein Thema bei konservativen Menschen. Wurscht, woher du kommst: Jungfrau sein und Sex vor der Ehe – das ist einfach ein Thema, das sich durch fast alle Religionen zieht. Deswegen sollte man unbedingt allgemein mehr darüber reden.

Die Sorority versteht sich als unabhängiges, solidarisches Netzwerk für Frauen*, zugänglich für jede* unabhängig von Alter, Herkunft, Branche, Bildung, politischer Position. Regelmäßig werden Monatsversammlungen zum informellen Austausch, Workshops zur Weiterbildung oder Diskussionsveranstaltungen organisiert. Alle weiteren Infos unter sorority.at.

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