Warum wir aufhören müssen, Frauen zur Hochzeit zu gratulieren

Die Entscheidung zu heiraten, ist vieles – aber sicher keine Errungenschaft.

Seit einem Jahr bin ich verlobt. Und die Hochzeit rückt immer näher. Der Sitzplan ist fast fertig, die Location bestellt, alles unter Dach und Fach quasi. Unzählige Male wurde ich bereits dafür beglückwünscht. „Wann ist es denn soweit?“ „Gratuliere!“ „Wow, endlich!“ Dabei frage ich mich jedes Mal: Was genau habe ich eigentlich vollbracht?

Antworten, die mir dabei in den Sinn kommen, sind: dass ich eine langjährige Beziehung „meistere“? Dass ich es „geschafft“ habe, dass mich jemand fragt, ob ich seine Frau werden will? Dass ich von nun an einen Ring tragen werde, der allen signalisiert, dass ich jemandem „gehöre“? Oder vielleicht doch dafür, dass ich noch „rechtzeitig“ einen abgekriegt habe?

Bei Frauen tickt einfach immer eine unsichtbare Uhr


Interessanterweise wird mein Verlobter (fast) nie beglückwünscht. Bei ihm folgen auf die Bekundung der Heirat meist Reaktionen wie: „Genieß dein Leben, bevor es vorbei ist!“ Bevor du von deiner nörgelnden, perfektionistischen Ehefrau in den Wahnsinn getrieben wirst. Bevor du zum „Pantoffelhelden“ wirst. Bevor du in deiner persönlichen Hölle erstickst. Er hätte sich ja auch „noch Zeit lassen können.“ Schließlich haben Männer alle Zeit der Welt. Bei Frauen tickt immer eine Uhr, es gibt einen gesellschaftlich vorgegebenen Zeitplan, perfekt abgestimmt darauf, wann sie in den sicheren Hafen der Ehe einlaufen müssen, um dann ein Nest für ihre zukünftigen Kinder zu bauen.

Über Dinge, die wirklich zählen


Die Entscheidung zu heiraten, ist vieles – aber sicher keine Errungenschaft. Persönlich würde ich nie auf die Idee kommen, anderen Menschen zu ihrer bevorstehenden Hochzeit zu gratulieren. Vielmehr interessiert mich, was sie sonst in ihrem Leben machen, wie sie diese Welt zu einer besseren machen wollen, welche Ziele, Träume und Wünsche sie haben. Das sind die Dinge, die einen Charakter ausmachen und die ein Leben prägen. Dinge, die wirklich zählen.

Oft habe ich mir auch die Frage gestellt, warum ich eigentlich heirate. Sind Hochzeitstraditionen sexistisch? Ja, das sind sie. Im Grunde genommen bleibt die Ehe immer eine patriarchale Institution. Ob man will oder nicht. Kann man es anders leben? Ja, man kann. Und man kann sich auch überlegen, wie man Menschen begegnet, die heiraten werden - ob man gewisse Rollenklischees unhinterfragt weiterträgt, oder eben nicht. Was es wirklich heißt, in dieser Gesellschaft zu heiraten, wird einer erst bewusst, wenn sie es selbst durchlebt. Welche verstaubten, ekligen und frauenverachtenden Vorstellungen in den Köpfen mancher Menschen vorherrschen, sobald sie das Wort „Hochzeit“ hören.

Gratulieren wir uns gegenseitig lieber zu anderen Dingen


Wenn ihr mir unbedingt zur Hochzeit gratulieren wollt, dann bitte wegen meines Organisationstalents. Eventuell sogar wegen meiner mittelmäßigen Bastelkünste. Vielleicht auch, weil wir es geschafft haben, das Ganze ohne großes Familiendrama zu managen. Aber bitte nicht dazu, dass ich heirate. Denn: dass sich zwei Menschen lieben und das gemeinsam mit Familie und Freunden feiern wollen, ist einfach keine Errungenschaft.

Zur zweifelhaften "Errungenschaft" wird eine Hochzeit erst in einer Welt, in der Frauen Besitz sind, in der sie "froh sein können", wenn sie einen Mann „abkriegen“, in der ihr Privatleben über alles andere in ihrem Leben gestellt wird. Es ist an der Zeit, dass wir uns als Gesellschaft fragen, welchen Aspekten im Leben einer Frau wir den größeren Wert geben. Du brauchst keinen IQ über 100, um zu heiraten. Du brauchst keinen vollen Lebenslauf und keine besonderen Qualifikationen, um zu heiraten. Du brauchst einfach einen Partner, der mit dir ein Stück des Weges gehen will. Fangen wir endlich an, Frauen für ihre akademischen Abschlüsse, ihre beruflichen Erfolge, ihre Talente zu würdigen. Und nicht dafür, dass wir sie in Bezug zu einem Mann denken können.

„Und, wann heiratest du endlich?“


Vor einem Jahr habe auch ich mein Studium abgeschlossen, bin karrieretechnisch auf einem guten Weg und konnte bereits einige Erfolge vorweisen. Gratuliert haben mir dazu vergleichsweise wenige Leute. Die häufigste Frage, die mir nach dem Studienabschluss gestellt wurde, war: „Und, wann heiratest du endlich?“ Gefolgt von: „Dann kannst du ja bald Kinder kriegen!“ Ich konnte förmlich die Erleichterung in ihren Gesichtern sehen. Als wäre mein Leben jetzt endlich in guten, starken Männerhänden.

Was ich in meinem Job mache, wovon meine wissenschaftliche Arbeit gehandelt hat, wie meine Karriere weitergeht, welche Ziele und Vorstellungen ich von meinem weiteren Leben habe, was mir persönlich wichtig ist und woran ich gerade arbeite? Wen interessiert‘s. Schließlich steht eine Hochzeit an.

 

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