Warum wir alle viel mehr Sextoys verwenden sollten

LUSTVOLL. Aus der Schmuddelecke in den Mainstream: Was Sextoys für unsere sexuelle Gesundheit tun können.

Sextoys

Vor noch gar nicht so langer Zeit musste man für den Kauf eines Sexspielzeugs in komische Sexshops, in denen man sich meistens nicht so richtig wohlgefühlt hat. Neben viel Schwarz, Rot, Lack und Leder gab es die Toy-Ecke mit überdimensionierten schwarzen Latexdildos, die eigentlich nichts konnten, außer einen erigierten Penis zu imitieren. Der Fokus auf weibliche Lust? Fehlanzeige.

Das hat sich geändert. Mittlerweile gibt es von amorelie.com bis eis.at jede Menge Plattformen und Onlineshops mit Toys für jeden Beziehungsstatus: pastellig-bunte, kunst- und lustvolle Lifestyleobjekte, die mit ausgefeilten Technologien von Vibration bis Pulsation Lust aufs Ausprobieren machen. Egal, ob für die Me-Time, Paar- oder Gruppensex in allen Konstellationen – das passende Toy scheint schon erfunden zu sein. Man bekommt fast den Eindruck, Sex ohne Selbstbefriedigung gibt’s nicht mehr. Stimmt das?

Raus aus der Tabuzone.

Das deutsche Start-up Amorelie führt seit über einem Jahrzehnt den Dialog über Sextoys, weibliche Lust und Beziehungen an und veröffentlichte letztes Jahr einen Sex­report, der aufzeigt, wie es um unsere Sexualität so steht. Laut Amorelie Sexreport 2019 finden 73 Prozent der Befragten, dass Masturbation wichtig für guten Sex ist, aber die wenigsten Frauen tun es auch wirklich regelmäßig. Viele haben überhaupt noch nie selbst Hand bzw. Toy angelegt. Das bestätigt auch Alina Gralka, Sexexpertin, Podcasterin und Brand-Managerin bei Amorelie: "Da gibt es einen riesigen Gap zwischen Theorie und Praxis. Auf der einen Seite sehen wir Sex überall in Musik, Kunst und Kultur und tun sehr aufgeschlossen. Wenn es aber ­darum geht, über die eigenen, ganz persönlichen Bedürfnisse zu sprechen, wissen viele nicht, was sie sagen sollen. Sie wissen nicht, was ihnen beim Sex gefällt, weil sie sich nie damit auseinandergesetzt und auch keine Sprache dafür haben." Für Gralka liegen die Ursachen dafür schon bei mangelnder Aufklärung in der Jugend: "In der Schule wird viel über den Penis gesprochen, aber nicht über das Lustempfinden der Frau. Wir sind so aufgewachsen, dass wir oft gar nicht wissen, wie wir als Frau überhaupt Lust erzeugen können." Sextoys als Spielvariante mit uns selbst könnten da echte Gamechanger und Türöffner zur Selbstliebe sein.

Das Geschäft mit der Selbstliebe.

Der Markt jedenfalls hat sich jetzt endlich an die Bedürfnisse der Frauen angepasst. Immer mehr Plattformen und Unternehmen wollen Frauen dazu ermutigen, sich selbst kennenzulernen – für Nicole Siller (lebendich.at), Sexberaterin und Autorin, trotz der zunehmenden Kommer­zialisierung eine erfreuliche Entwicklung: "Für Sinnlichkeit, Genuss, fürs Genießen, Gestalten und die eigene sexuelle Gesundheit ist es ganz wichtig, dass man sich fragt: Gefällt mir das, was ich erlebe?", so Siller. Der heute sehr viel offenere Umgang mit dem Thema kann helfen. Trotzdem meint Siller: "Bei vielen Frauen ist der Fokus leider immer noch darauf gerichtet, beim Sex zu gefallen" – eine Sichtweise, die durch einen jahrzehntelang männlich geprägten Blick auf Sexualität und Selbstbefriedigung verstärkt wurde. In Pornos ist der Sex dann vorbei, wenn der Mann einen Orgasmus hatte; das Grande Finale wird in Großaufnahme inszeniert, und damit hat es sich auch für die Frau. Im echten Leben scheint es ähnlich. Alina Gralka: "Ich habe neulich einmal in meinem Freundeskreis nachgefragt: Wie oft habt ihr denn Sex mit dem Partner und nur ihr kommt und er nicht? Die Antwort war: gar nicht bis ganz selten. Dass also die Frau den Orgasmus einfordert, dass sie kommen will, aber der Partner nicht, das gibt es praktisch nicht. Andersherum passiert es aber relativ häufig. Das zeigt natürlich, wo immer noch der Fokus ist." Weibliches Begehren und selbstbestimmte Sexualität in der Popkultur – check. In die Lebensrealität lässt sich das aber dann doch noch nicht so ganz übersetzen. Für Amorelie ist Selbst­befriedigung deshalb Werkzeug zu sexueller Selbstbestimmung und Türöffner für eine gesunde Paarkommunikation zugleich.
Die treibende Kraft hinter der Lust zum Ausprobieren sind laut Umfragen meistens Frauen. Oft müssen sie auf dem Weg dorthin – vor allem in heterosexuellen Beziehungen – neben dem eigenen, vielleicht anerzogenen Schamgefühl auch die eine oder andere Unsicherheit des Partners überwinden. Gralka: "Viele Männer denken, dass ein Toy den Mann ersetzt, und sind zu Beginn skeptisch. Aber es geht ja um eine Ergänzung, und Masturbation ist eine eigenständige Sache." Die Angst, dass der Partner das Gefühl bekommt, er würde nicht mehr gebraucht oder man gehe fremd, ist auch aus der Sicht von Nicole Siller unbegründet: "Dann bräuchten die Männer ja auch keine Frau mehr, wenn sie sich eh beim Pornoschauen selbst befriedigen. Ein Vibrator, andere Spielsachen oder Pornos sind auch lustvoll, aber das ist – ohne es abwerten zu wollen – Triebbefriedigung und keine zärtliche, verführerische Interaktion mit jemand anderem."

Damit ein Sextoy zum Werkzeug zur besseren Paarkommunikation werden kann, braucht es also vor allem Neugier und Aufgeschlossenheit. Am Ende profitieren dann beide vom Spieltrieb des / der PartnerIn.

Bleibt die Frage: Muss man sich für eine lustvolle Sexualität also unbedingt selbst befriedigen? Nicole Siller: "Beim Sex ist überhaupt nichts Pflicht. Manche haben mehr und manche weniger Lust, das darf alles sein. Es ist schön für viele Menschen, sich mit dem eigenen Körper zu befassen, das geht auch gemeinsam mit dem Partner und ganz ohne Technik. Diese kann eine lustvolle Spielvariante sein. Das Körpererforschen ist ja etwas Normales und Angeborenes. Es ist eine Horizont­erweiterung." Druck sollte man sich dabei keinesfalls machen: "Ich verwende für Sexualität gerne das Bild einer 'Blumenwiese an Erregungsmöglichkeiten'. Wenn wir immer nur denselben Weg gehen, ist dort irgendwann ein Trampelpfad, und wir merken nicht mehr, was es sonst noch gibt. Um dem Körper neue Wege beizubringen, braucht es Geduld und Konsequenz." Und wenn man Lust dazu hat, auch ein paar Tools. Einen Versuch ist es wert.

 

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