Warum wir alle schon mit halb Österreich geschlafen haben

Mit wie vielen Menschen hattest du bereits Sex? Bevor du nachrechnest: Es waren sicher tausende. Denn wir gehen alle mit mehr Leuten ins Bett, als wir glauben. Und da nimmt man schnell mal was mit. Stichwort: sexuell übertragbare Krankheiten. Wir zeigen, welche im Steigen begriffen sind und wie du dich schützst.

Wie viele Sexpartner im Leben

Sie stimmt prinzipiell nie. Die Rede ist von der Zahl der SexpartnerInnen, die man bisher hatte. Kommt die Frage danach auf, schummelt fast jeder. Aber eigentlich ist das eh egal, denn die wahre Zahl sieht anders aus. Eine Aussage wie „Ich hatte Sex mit vier Männern" müsste korrekterweise heißen: „Ich hab ungefähr mit halb Österreich geschlafen."

Glaubst du nicht? Dann befrag den Online-Sexrechner. Er berechnet die direkten UND indirekten SexpartnerInnen – was zur Folge hat, dass sich die Zahl der BettgefährtInnen ganz schnell potenziert.

4 SexpartnerInnen = Halb Österreich

Ein Beispiel: Du bist 30 Jahre alt und hast bisher mit vier PartnerInnen (unterschiedlichen Alters) sexuell verkehrt. Ergibt in Summe: 3,7 Millionen SexpartnerInnen. Denn was gern verdrängt wird: Wer mit jemandem in die Kiste steigt, schläft auch mit dessen Vergangenheit. Du hattest vielleicht nur vier SexpartnerInnen. Aber jeder ihrer GespielInnen hat auch mit einer gewissen Zahl an Menschen Körperflüssigkeiten ausgetauscht. Der eine hat mit drei Frauen geschlafen, der andere mit 15. Auch diese Frauen bringen wieder eine sexuelle Vergangenheit und somit Sexpartner ins Spiel. Und so weiter und so fort. Kurz: Man kommt mit all den Viren, Bakterien und Pilzen in Kontakt, die beim erotischen Nahkampf nun mal mitmischen können.

Gib Gummi!

Zwar holt man sich nicht zwangsläufig durch jeden dieser Mikroorganismen eine sexuell übertragbare Krankheit, im Fachjargon: eine STD (von: Sexual Transmitted Diseases). Doch gerade bei neuen Partnern sollte man das Wissen um STD im Hinterkopf haben - und Kondome, die den besten Schutz bieten, nie vergessen! Denn unbehandelt stecken sich beide Partner wechselseitig an. Und auch wenn es für Aids mittlerweile Medikamente gibt: Heilbar ist die Immunschwächekrankheit nach wie vor nicht. Täglich infizieren sich in Österreich ein bis zwei Menschen neu, vor allem bei Heterosexuellen ist die Zahl steigend.
Wer ganz sicher gehen will, klärt das Ganze medizinisch ab: Das Ärztezentrum Woman & Health zum Beispiel bietet einen Lust & Love-Check an, der beide Sexpartner auf Risikofaktoren wie etwa HIV oder Syphilis testet.

Unter welchen STDs Frauen typischerweise leiden, liest du hier - inklusive Symptombeschreibungen.

Die Versteckspieler: Chlamydien

Die Chlamydieninfektion wird laut Sexpedmedia weltweit am häufigsten übertragen. In Österreich, so schätzt Dr. Angelika Stary, Leiterin des Pilzambulatoriums Wien, sind drei bis fünf Prozent der Bevölkerung betroffen. Das wirklich Tückische an der urogenitalen Chlamydieninfektion, die mit Antibiotika behandelt werden muss, aber ist: Sie tut in den meisten Fällen nicht weh. Man spürt sie nicht. Oder aber es kommt zu indifferenten Symptomen wie vermehrtem Ausfluss oder Brennen beim Wasserlassen (was auch einer Pilzinfektion zugeschrieben werden kann). Die Folge: Der Befall bleibt mit dem Bakterium Chlamydia trachomatis bei zwei von drei Frauen unentdeckt.

Betroffen sein können die Harnröhre, der Gebärmutterhals, die Gebärmutterschleimhaut und die Eileiter. Im schlimmsten Fall führt der unbehandelte Infekt zu einer Bauchhöhlenschwangerschaft, Fehlgeburten oder Unfruchtbarkeit. Bei Männern kann laut einer Studie der Umea University eine Chlamydieninfektion die Zeugungschancen um ein Drittel verringern.

„Bei Schwangeren sollte eine Untersuchung auf Chlamydien deshalb Routine sein."

von Dr. Angelika Stary

Risiko für junge Mädchen. Chlamydien sind auch ein Risiko bei der Geburt, denn die Bakterien können sich auf das Kind übertragen und bei ihm so Bindehautentzündungen und Lungenentzündungen auslösen.

„Bei Schwangeren sollte eine Untersuchung auf Chlamydien deshalb Routine sein", sagt Expertin Stary. Sie plädiert auch dafür, dass sich Jugendliche checken lassen, mittels eines speziellen Abstrichs oder Urintests. Je früher sie den ersten Sex haben, desto höher das Infektionsrisiko. Denn dann sind die Schleimhäute der Genitalien noch durchlässiger für Krankheitserreger, das Immunsystem ist noch nicht eingestellt auf diese Art Bakterien.

Der Dauerbrenner: Scheidenpilz

Es juckt, es brennt, die Vagina ist gerötet, der Scheideneingang entzündet und dazu kommt weißer, krümeliger Ausfluss: 75 Prozent der Frauen leiden mindestens einmal in ihrem Leben an Scheidenpilz. Wie's zur Pilzinfektion kommt?

Da gibt's viele Faktoren: Stress, Hormonschwankungen (z. B. während der Menstruation), die Einnahme von Antibiotika oder der Pille können die Scheidenflora mit ihren Milchsäurebakterien zum Kippen bringen. Genauso wie übertriebene Intimhygiene.

Und: Ein gestörtes Scheidenmilieu kann auch zu einer bakteriellen Vaginose führen (mit ähnlichen Symptomen wie ein Pilz), die meist mit Antibiotika therapiert wird - was wiederum die „guten" Milchsäurebakterien reduziert.

Was tun? Verzichten Sie auf Waschlappen: In deren feuchtem Milieu siedeln die Keime. Tabu sind auch parfümierte Duschgels und alkalische Seifen. Greifen Sie stattdessen zu warmem Wasser oder milden Lotionen mit Milchsäurebakterien wie etwa Lactamousse. Bei Frauen, die unter bakterieller Vaginose leiden und dagegen Antibiotika genommen haben, können laut Studie des Wiener AKH milchsäurehaltige Scheidenkapseln (z. B. Gynophilus) helfen, das Gleichgewicht der Vagina wiederherzustellen.

Hinter chronischem Juck- und Brennreiz kann übrigens auch eine Hauterkrankung stecken und nicht der Pilz die Ursache sein. Und ja, auch Männer können ihn kriegen. Bei ihm ist die Infektion oft nur an einer geröteten Eichel erkennbar. Damit sie sich nicht wechselseitig immer wieder anstecken, sollten beide Partner behandelt werden.

Achtung, Karzinomgefahr: HP-Viren!

Erst mal eine kurze Begriffserklärung: HPV steht für humane Papillomaviren - und von denen gibt es rund 100. In ihrer gutartigen Variante treten sie entweder als Hautwarzen auf oder aber es entwickeln sich Feigwarzen am Genital. Bei Frauen sind meist die Schamlippen bis zum Scheideneingang betroffen, manchmal auch die Scheide selbst oder der Ausgang des Gebärmutterhalskanals. Gefährlich sind die Viren in ihrer „high risk"-Variante (15 Typen sind bekannt), denn aus ihnen kann sich Gebärmutterhalskrebs entwickeln.

Generell merkt man eine Ansteckung nicht so schnell: Die Viren rufen kaum Beschwerden hervor, diagnostiziert werden die Wucherungen durch Blickdiagnose des Arztes. Es gibt aber auch Feigwarzen, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen sind!

Risikogruppe: junge Frauen. Übertragen werden die Krankheitserreger am häufigsten durch direkten Haut- oder Schleimhautkontakt beim Geschlechtsverkehr sowie beim Oralsex. Die Viren können aber auch durch andere Berührungen mit infizierten Stellen übertragen werden, daher bieten Kondome keinen hundertprozentigen Schutz - denn (sexueller) Hautkontakt beschränkt sich ja nicht auf Geschlechtsverkehr. Dennoch sollten Sie sich schützen, vor allem bei häufig wechselnden Sexpartnern: Man nimmt an, dass Kondome zumindest das Risiko von Re-Infektionen reduzieren.

Da die Viren weit verbreitet sind, kommen rund 75 Prozent aller Menschen in ihrem Leben damit in Kontakt. Eine besondere Risikogruppe sind junge Frauen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren - ein Grund, warum Expertin Stary HPV-Impfungen bei jungen Mädchen vor deren erstem Sexualkontakt in Betracht ziehen würde. Denn nur eine Impfung schützt sicher vor einer HPV-Infektion. Die Krankenkassen in Österreich übernehmen die Kosten für die Impfungen derzeit nicht. „Erwachsene Frauen sollten sich jährlich beim Gynäkologen auf HPV-Infektionen testen lassen. Mindestens aber vor jeder neuen Partnerschaft", empfiehlt Dr. Stary.

Was tun? Gegen die Papillomaviren gibt es derzeit kein Heilmittel, es können nur die Feigwarzen entweder mit Cremes behandelt oder operiert werden. Der Partner sollte mitbehandelt werden. Für Frauen ist es daher wichtig, regelmäßig die Gebärmutterschleimhaut beim Gynäkologen mit dem sogenannten PAP-Test auf Zellveränderungen untersuchen zu lassen, um Infektionen rechtzeitig zu erkennen.

Sind Sie sicher (alles zu wissen)?

Syphilis und Gonorrhö sind längst ausgestorben? Von wegen! Genau diese Geschlechtskrankheiten sind wieder im Steigen begriffen. Auch in Sachen Aids bemerken Ärzte eine gewisse Sorglosigkeit. Wie die Krankheiten verlaufen - und was nach Ansteckung zu tun ist, steht hier.

Syphilis

Wusstest du, dass diese Geschlechtskrankheit (ebenso wie Gonorrhö) meldepflichtig ist? Therapiert wird mit Antibiotika, frisch Erkrankte bleiben ein halbes Jahr ansteckend!

Symptome: Die bakterielle Infektionskrankheit tritt in vier Stadien auf. Zuerst bilden sich harte, schmerzlose Knötchen an jener Stelle, an der das Bakterium in die (Schleim-)Haut eingetreten ist. Meist heilen die Geschwüre nach ein paar Wochen ab. Dann schwellen die umliegenden Lymphknoten an, es folgt Ausschlag am ganzen Körper, der manchmal von grippeähnlichen Symptomen begleitet wird. Nach einer beschwerdefreien Zeit - die Jahre dauern kann - befällt die Infektion bei einem Drittel der unbehandelten Patienten innere Organe. Verhärtete Geschwüre am ganzen Körper bilden sich, bis die Keime ins zentrale Nervensystem und zu chronischer Hirnentzündung bis zur Demenz führen. In späteren Stadien ist Syphilis nur noch über eine Blutuntersuchung nachzuweisen.

Gonorrhö

Diese bakterielle Infektion ist auch als „Tripper" bekannt und wird mit Antibiotika (für beide Partner!) behandelt. Bei Frauen tritt Gonorrhö vor allem am Gebärmutterhals und an der Harnröhre auf. Bleibt das Ganze unbehandelt, können die Gonokokken auf die Gebärmutterschleimhaut und die Eileiter übergreifen und zu Fehlgeburten und Unfruchtbarkeit führen. Schlimmstensfalls vergiften die Gonokokken das gesamte Bauchfell. Schwangere Frauen können die Infektion bei der Geburt auf ihr Kind übertragen und die Bindehäute der Augen infizieren.

Symptome: Fünf Prozent der Tripper-Infizierten bemerken gar nichts, was oft zu unbewusster Verbreitung der Krankheit führt. Bei Frauen äußert sich die Infektion in eitrigem Ausfluss und oft in einer Harnröhrenentzündung. Erste Symptome stellen sich zwei Tage bis zwei Wochen nach der Ansteckung ein.

HIV

In Europa hat sich die HIV-Infektionsrate seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt. Und: Noch immer glaubt ein Viertel aller Österreicher, Aids sei eine Krankheit, die nur Homosexuelle oder Drogensüchtige bekommen, stellte eine GfK-Umfrage im Mai 2010 fest.

Fakt ist: Eine Ansteckung mit dem HI-Virus geschieht über Blut, Samen- oder Scheidenflüssigkeit. Bei den meisten HIV-infizierten Menschen kommt es nach ca. zehn bis 15 Jahren zur Schädigung des Immunsystems - die Krankheit Aids bricht aus. Die Immunschwäche führt zu Begleiterkrankungen bis zum Tod.

Festgestellt werden kann eine HIV-Infektion nur durch einen Bluttest. „Die Angst vor dem unmittelbaren Tod ist geringer geworden, weil es Behandlungen für HIV-Infizierte gibt", sagt Dr. Angelika Stary, Dermatologin und Expertin für sexuell übertragbare Krankheiten. Sie warnt: „Aids ist als Folge einer HIV-Infektion behandelbar, aber es ist nach wie vor nicht heilbar." Auch hier gilt wie bei allen sexuell übertragbaren Krankheiten: Kondome schützen!

 

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