Warum wir alle mehr Kärntnerisch sprechen sollten

Über Österreichs südlichstes Bundesland, Kärnten, gibt es viele Geschichten zu erzählen. Einige davon schreibt wienerin.at-Redakteurin Davinia Stimson hier auf. Folge 2: Wir lieben Kärntnerisch.

Ein vernünftiger österreichischer Dialekt ist einer, der sich von der allgemeinen, deutschen Hochsprache gebührlich unterscheidet. Er beginnt ordnungsgemäß mit der Geburt und suggeriert stets die naive Sicherheit, eh ein österreichweit verständliches Deutsch zu sprechen. Bis einen mit 19 Jahren die Epiphanie in Form einer Wiener Billa-Verkäuferin ereilt.


"Entschuldigung, haben Sie vielleicht Strankalan?", fragt man als höfliche und frisch aus Kärnten zum Studieren nach Wien gezogene junge Frau. "Wos woi'n's?", fragt die Verkäuferin, nicht weniger höflich, aber umso verdutzter zurück. So bricht das Kartenhaus des vermeintlich österreichischen Deutschs zusammen. Übrig bleiben lediglich ein wenig ansprechendes "Fisolen" (das aber, liebe Restösterreicher, immer noch netter als "Bohnschadln" ist) und die Erkenntnis, dass einen jenseits der Kärntner Landesgrenzen niemand mehr so recht versteht.

Kärntnerisch ist der beste Dialekt Österreichs


Dabei mögen die ÖsterreicherInnen das Kärntnerische eh so gern: Nicht nur der sexieste Dialekt soll es sein, sondern auch der sympathischste. In Beliebtheitsumfragen landet Kärntnerisch meist auf dem ersten Platz, noch vor dem ebenso gern und von Non-Native Speakern eben so schlecht nachgeahmten Tirolerischen. Wahrscheinlich ist wohl doch nichts charmanter als langgezogene Vokale, verschluckte und/oder weichgespülte Konsonanten und ein unfassbar langsames Sprechtempo.

Für SprachliebhaberInnen sind es aber vor allem diese wunderbaren, meist aus dem Slowenischen stammenden, Wortkreationen der Kärntner Mundart, die fast lautmalerisch beschreiben, was gesagt werden muss.

Auch nach mehr als zehn Jahren in Wien sind immer noch Wörter in meinem Sprachschatz, die der/die RestösterreicherIn so nicht kennt. Und oh: Was habt ihr nur versäumt! Zur sprachlichen Weiterbildung hier also eine Auswahl der besten Kärntner Wörter (von A - M, fürs Erste).

11 Worte, die auf Kärntnerisch viel besser sind

Å: Fragen leitet man mit „Å“ ein. Das geht dann so: Å kummst du heit? Å wüllst aa an Opfl? Å brauchst noch wos? Å wüllst mi verorschen? Das ist im Alltag einerseits praktisch, weil man sofort erkennt: "Aha! Da will jemand Informationen haben, jetzt gut zuhören!" und führt andererseits sanft in die Fragestellung ein. Die Praxis kommt aus dem Slowenischen, wo „ali“ umgangssprachlich mit „a“ abgekürzt wird und ebenfalls Fragesätze einleitet.

Balanca: Tischfußballtisch ist vom Deutsch-Level her in einem ähnlichen Bereich wie Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung. Balanca meint das gleiche, geht aber deutlich weicher von der Zunge. Ein Verb gibt es auch dazu: balancan.

Fras: Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es ist "die Fras" und hat nichts mit dem Fraß im Sinne von schlechtem Essen zu tun. "Die Fras" kriegt man anscheinend, wenn man sich sehr ärgert. Jedenfalls sagt man dann nämlich: "I kriag die Fras!" Optional kann man noch ein "n" dranhängen und dementsprechend die "Frasn" kriegen und das ist jedenfalls schöner, als "einen Anfall zu bekommen."

(aus)fratscheln: Bei dieser sanften Form eines Verhörs werden Mitmenschen Informationen entlockt. "Fratscheln" unterstreicht den neugierigen Charakter aber viel besser als ein schnödes "ausfragen".

Halawachl: Ein unzuverlässiger und unfähiger Mensch, immer ein Mann. Bestes Wort für solche Personen, weil sich in die Aussprache richtig gut verzweifelte Verachtung legen lässt.

Haschale: In Zeiten, in denen "Opfer" viel zu oft beiläufig als Schimpfwort gebraucht wird, kann man das kärntnerische "Haschale" nur umso besser finden. Gemeint ist eine schwache oder hilflose Person, es wird aber nicht zwingend abwertend verwendet. Wer schlimmen Heuschnupfen hat, ist auch "a orms Haschale".

Kaischn: Eigentlich eine Hütte oder ein baufälliges Haus, wird aber im schönsten österreichischen Pessimismus einfach abwertend für jegliche Art von Haus verwendet. Sehr gerne mit einem "Scheiß" davor. Einfach mal ausprobieren und "Å muass da Nochbor sei scheiß Kaischn in dem schirchn Grian onmoln?" sagen.

kamot: Wenngleich der/die KärnterIn das "a" sehr gern in ein "å", das man fast wie ein "o" ausspricht, verwandelt, ist bei "kamot" das "a" ganz eindeutig ein "a". Man sagt also "kamoot" und nicht "kommod", wie es der/die NiederösterreicherIn gerne tut. Das ist wichtig, weil es hier um Lebensgefühl und -einstellung geht: gemütlich und bequem. "Scheen kamot" also.

Kåschplkiebl: Ein Wort für das Behältnis, in dem Küchenabfälle für die Schweine gesammelt werden, braucht man jetzt nicht unbedingt im täglichen Sprachgebrauch in der Stadt. Der/die KärnterIn ist im Beschimpfen aber richtig kreativ und so meint man mit "Kåschplkiebl" auch Personen, die jedwedes Essen völlig wahllos in sich reinstopfen oder die Restln von allen Tellern zusammenessen.

Krischpinkale: Sprich es aus. Stell dir dazu einen Menschen vor (Geschlecht egal). Sie oder er wird klein und mager sein. Das ist die Magie guter Sprache!

lai/lei: Erstaunt die Restösterreicher ins Unermessliche und ist das erste kärntnerische Wort, das Nachahmer lernen. Es bedeutet einfach nur "nur", ist aber soviel mehr als das. Es ist und bleibt ein Geheimcode, an dem man Exil-KärntnerInnen bis an ihr Lebensende erkennen wird, weil sie es sich einfach nicht abgewöhnen können. Wånn des lei so anfoch warad!

wienerin.at-Redakteurin Davinia Stimson schreibt in ihrer Kärnten-Kolumne über die schrägen, lustigen und immer ein bisschen ernsten Seiten ihres ehemaligen Heimat-Bundeslandes.

Folge 1: Wo die Himmelhenn' die Ostereier bringt

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