Warum werden so viele Ehen geschieden? Dieser Mann weiß die Antwort

Oft geht es nach der Scheidung erst richtig los. Der Autor Jörg ter Veer liefert in seinem Buch "How to survive Scheidung" eine unterhaltsame Mischung aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und eigenen Erfahrungen.

Im Namen des Volkes … ist endlich alles vorbei? Nein, oft geht es nach der Scheidung erst richtig los, und plötzlich spricht man häufiger miteinander als vorher. Welches Kind besucht wen und wird wann wo abgeholt? Wie feiern wir Weihnachten und warum den Kindergeburtstag auf einmal woanders? Und wie sucht man zwischen Beruf, Haushalt und Kids eigentlich einen neuen Partner?

Der Autor Jörg ter Veer liefert in seinem Buch "How to survive Scheidung" eine sehr unterhaltsame Mischung aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und eigenen Erfahrungen. Das Buch ist ein erleichterndes Plädoyer für das, was in schlechten Zeiten immer hilft: guter Wille und Humor.

Mit uns hat er über das Leben nach der Scheidung und die guten Seiten einer Trennung gesprochen.

Herr ter Veer, warum werden so viele Ehen geschieden?

Jörg ter Veer: Darüber könnte man viele Bücher schreiben und es gibt darauf sicher nicht nur eine Antwort. Meine verkürzte Formel würde lauten: Falsche Erwartungen und geringe Beziehungserfahrung treffen häufig auf wachsende Bequemlichkeit. Das gilt für Ehen mit und ohne Kinder, wobei Paare mit Kindern es sicher etwas schwerer haben, wie ich in dem Buchkapitel „Zuckersüße Terroristen“ erläutere. Beide Partner tun eigentlich jeden Tag das Richtige, indem sie für die Kinder da sind. Und trotzdem werden sie sich dadurch immer gleichgültiger, wenn sie nicht Acht geben. Da verpassen viele den Zeitpunkt, sich zweisame Zeit zu gönnen oder sich selbst rechtzeitig Probleme einzugestehen und auch mutig anzusprechen, wenn die Fassade langsam bröckelt. Das Leben zu zweit liegt eigentlich noch vor einem, aber der gemeinsame Zug ist trotzdem plötzlich abgefahren.

Anders verhält es sich natürlich bei Härtefällen. Dort muss besser heute als morgen ein Schlussstrich gezogen und körperliche oder seelische Leiden sehr sorgsam und differenziert betrachtet und aufgearbeitet werden. Im Laufe der über hundert Blind Dates, die ich nach meiner Scheidung absolvierte, war ich schockiert, wie viele Frauen auf die eine oder andere Art Misshandlungen ausgesetzt waren – mehr als zehn Prozent meiner Verabredungen waren davon betroffen! Ich befürchte, dieses Problem ist noch viel verbreiteter, als gemeinhin angenommen. Da kann ein Buch wie „How to Survive Scheidung“ natürlich nur ein kleiner Anstoß sein, denn solchen Situationen entkommt eigentlich niemand ohne professionelle Beratung und Hilfe. In diesen Fällen sind Trennungen aus meiner Sicht jedoch ohne Wenn und Aber notwendig, inklusive zeitnaher Unterstützung bei der anschließenden Seelenhygiene, damit sich das Ganze nicht auf andere Weise oder in der nächsten Generation wiederholt.

Falsche Erwartungen und geringe Beziehungserfahrung treffen häufig auf wachsende Bequemlichkeit.
von Jörg ter Veer

Welche positiven Dinge kann man aus einer Trennung ziehen?

Einerseits beenden Trennungen meist eine belastende oder destruktive Situation. Dieser Schritt kann per se schon befreiend sein, denn das Ende des Tunnels ist erreicht – für die Partner und vor allem für die unschuldigen Kinder. Und wer sich dann etwas Zeit lässt und aufmerksam durchs Leben geht, lernt sich selbst und andere vielleicht besser kennen. Mir gefällt der Satz in einem der zehn Geschiedenen-Statements am Ende des Buches sehr gut: „Warum habe ich das gebraucht?“ Wer auf solche Fragen für sich eine Antwort findet, erlebt die Trennung nicht als Untergang, sondern als eine wichtige Station im Leben, auf die andere Stationen folgen.

Sie schreiben: „Es gibt ein Leben nach der Scheidung. Und es ist vielleicht sogar der schönere Teil“ – was meinen Sie damit?

Dieser Satz klingt etwas provokant und natürlich habe ich vor meiner Scheidung auch viele schöne Momente erlebt. Mit dieser Aussage ist gemeint, dass Menschen sich durch die „Station“ einer Trennung weiterentwickeln können, wenn sie nicht ständig zurückschauen, sondern den Blick nach vorne richten. Trennungen können die Funktion eines Siebes haben, in dem die wirklich wichtigen Gold-Nuggets aus dem eigenen Leben übrigbleiben und fortdauern. Es ist ja normalerweise nicht alles schlecht, was wir in gescheiterten Beziehungen erleben. Aber wir haben Dinge falsch gemacht, uns selbst oder den anderen vielleicht verkehrt eingeschätzt. Jetzt können wir manches davon korrigieren und vielleicht besser hinbekommen. Und wenn uns das gelingt, ohne uns selbst zu ernst zu nehmen und ständig um die Vergangenheit zu kreisen, ist es vielleicht ein noch schönerer und vor allem zufriedenerer Teil des Lebens.

Was zeichnet eine erfolgreiche Ehe aus, wie kann es „klappen“?

Sie kennen doch das banale Sprichwort: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“ In den ersten Kapiteln meines Buches stehen ein paar Dinge zu genau diesem Thema. Paare, die am Anfang eine große Liebe füreinander empfinden, haben grundsätzlich beste Chancen. Untersuchungen belegen, dass circa 80% aller Geschiedenen sich am Anfang wirklich geliebt haben. Wichtig ist also, was ein Paar aus dieser Liebe macht. Halten sie im ersten Jahr jeden Abend vor dem Fernseher gemeinsam Händchen, um in den darauffolgenden Jahren jeden Abend vor dem Fernseher gemeinsam einzuschlafen? Oder sprechen sie häufig miteinander, unternehmen etwas, bleiben neugierig und sehen die Ehe nicht als Endstation sondern als Startschuss. Das ist – zugegebenermaßen – vor allem mit Kindern nicht immer einfach.

Trennungen können die Funktion eines Siebes haben, in dem die wirklich wichtigen Gold-Nuggets aus dem eigenen Leben übrigbleiben und fortdauern.
von Jörg ter Veer

Mit welchen Problemen ist man nach einer Scheidung konfrontiert, und wie löst man sie am besten?

Eine Sorte von Problemen resultiert häufig aus den Kondensstreifen der gescheiterten Beziehung. Diese lassen sich am besten vor der Scheidung verhindern. Wer sich mit einer Schlammschlacht trennt, wird später nur selten einen friedfertigen Umgang mit dem Ex, den Kindern, den Finanzen und so weiter erwarten können. Der Grundstein für friedliche Zeiten wird meistens am Ende der Beziehung gelegt. Ich beschreibe ja, wie wichtig beispielsweise Zeitpunkt und Verlauf des Trennungsgesprächs sein können, damit beide Partner sich nach der Scheidung nicht ständig etwas heimzahlen möchten. Andernfalls wird man zum Getriebenen und entkommt diesen Kondensstreifen womöglich nie.

Die andere Sorte der Probleme betrifft die Neuanfänge. Diese sind natürlich der spannende Teil und erfordern hin und wieder etwas Mut. Sie beginnen bei der Wohnungssuche und ziehen sich durch alle zwischenmenschlichen Bereiche – Familie, Freundeskreis und Partnersuche. Ich habe in diesen Bereichen, besonders bei der Partnersuche, selbst ein paar Lernkurven absolviert und schildere das ja auch in der Sektion „Nachher“. Wer zu ungeduldig oder auf Dauer beratungsresistent ist, läuft Gefahr, dass ihn die alten Probleme irgendwann in neuem Gewand wieder einholen. Wenn sich das eigene Leben ändern soll, müssen wir uns auch selbst ein wenig ändern, sonst funktioniert das nicht.

Meine Erfahrung ist, dass bei allen Herausforderungen Geduld, Großzügigkeit und Toleranz grundsätzlich nie verkehrt sind. Wer sich Zeit nimmt und Fünfe auch mal gerade sein lässt, macht nicht nur sich selbst sondern auch den anderen das Leben einfacher. Ich war ebenfalls in manchen Situationen etwas voreilig oder hatte vorgefertigte Meinungen. Damit schlägt man sich schnell offene Türen zu.

JÖRG TER VEER, geboren 1963 in Düsseldorf, lebt in der Nähe von Heidelberg. Er ist Vater von zwei Töchtern, zweifacher Großvater und der älteste von vier geschiedenen Brüdern, deren Eltern sich ebenfalls friedlich trennten. Ehe und Scheidung waren die bisher größten Lernkurven im Leben des Autors. Sowie auch die vierjährige Online-Partnersuche mit dem Happy End einer glücklichen Beziehung und weiteren (Beute-)Töchtern.

 

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