Warum viele Frauen Vergewaltigungen nicht anzeigen? Fragen Sie mal Kesha!

Bei Vergewaltigungsdelikten sind es besonders die Opfer, die sehr viel zu verlieren und wenig zu gewinnen haben. Das zeigt auch der neueste Fall rund um die amerikanische Sängerin Kesha.

Kesha kämpft dieser Tage unter großer medialer Aufmerksamkeit um die Auflösung ihres Vertrags mit ihrem Label Sony Records. Der Grund: Ihr Produzent Dr. Luke (alias Lukasz Gottwald) soll sie mehrmals unter Drogen gesetzt und sogar vergewaltigt haben. Seit mittlerweile zwei Jahren läuft der Streit nun vor Gericht, erst kürzlich wurde ihr neuerlich ein Ausstieg aus dem Vertrag untersagt.

Der Entscheidungsgrund: Kesha müsse bei Sony nicht zwingend unter ihrem ehemaligen Produzenten arbeiten, weswegen es keinen Grund gäbe, den Vertrag aufzulösen.

Lukasz Gottwald bestreitet indes vehement die vorliegenden Anschuldigungen. Mehrfach äußerte er sich bereits in Interviews oder auf Twitter zu den Vorfällen:

"Ich habe Kesha nicht vergewaltigt, und ich hatte nie Sex mit ihr, Kesha und ich waren jahrelang Freunde, sie war für mich wie eine kleine Schwester."

Die Sängerin verbreite "komplette Lügen, die vorgebracht worden sind, um die Neuverhandlung eines Vertrags und Geld zu erpressen", hieß es seitens der Anwälte Gottwalds.

Es sind die Opfer, die wenig zu gewinnen und viel zu verlieren haben

Keshas Fall zeigt einmal mehr auf, warum viele Frauen ihre Vergewaltigungen nicht öffentlich machen. Denn selbst für die wenigen Frauen, deren Fälle es überhaupt vor Gericht schaffen, folgt oftmals ein mühsamer Weg, der nicht selten in einem Freispruch der Täter endet.

Konkrete Zahlen einer 2009 veröffentlichten Studie zeigen dies deutlich: Nicht einmal eine von zehn Vergewaltigungen wird in Österreich zur Anzeige gebracht und nicht einmal jede 5. Anklage führt schlussendlich zu einer Verurteilung(mehr dazu auf der Webpage der Frauenberatung).

Zahlen, die sich in den letzten Jahrzehnten (!) kaum geändert haben, wie Vergleichswerte aus früheren Studien zeigen.

Frauen, die den Mut haben mit derart intimen Fällen an die Öffentlichkeit zu gehen - egal ob sie medial bekannt sind oder nicht - haben das Recht ernst genommen zu werden.

Denn angesichts der niedrigen Aufklärungsrate bei Vergewaltigungsdelikten, sind es besonders die Opfer, die sehr viel zu verlieren und wenig zu gewinnen haben. Im schlimmsten Fall müssen sie nicht nur mit den physischen und psychischen Folgen der Gewalttaten leben, sondern auch noch dabei zusehen, wie die Täter freigesprochen werden.

Kesha ist kein Einzelfall

Dass es in der Musikbranche durchaus zu Gewaltdelikten, Drogenmissbrauch und eben auch Vergewaltigungen kommt, ist leider kein Einzelfall. Erst letztes Jahr verriet Pop-Sängerin Lady Gaga, dass sie als Teenager von ihrem Produzenten missbraucht wurde. Erst sieben Jahre später erzählte sie jemanden von dem Vorfall.

Jahrelang wusste die Sängerin mit den Erlebnissen und der emotionalen Last nicht umzugehen, gab sich sogar selbst die Schuld.
Ihr im September veröffentlichter Song "Till it happens to you" half ihr damit umzugehen. Mehr dazu hier.

Prominente Unterstützung für Kesha

Dass die mediale Aufmerksamkeit für Kesha auch große Nachteile hat, zeigten die Berichte der letzten Monate, die vielmals auf dem Rücken der Sängerin stattfanden und an der Glaubwürdigkeit der Amerikanerin zweifelten. Vielfach wurden ihre Anschuldigungen als gescheiterte Publicity-Kampagne oder Mitleids-Hascherei heruntergespielt.

Besonders in den letzten Wochen fand der Fall Kesha im Netz aber auch ein großes Echo an Befürwortern. Unter anderem setzten sich auch viele Prominente zugunsten Keshas für die Forderungen der Sängerin ein: So wurde erst gestern bekannt, dass Sängerin Taylor Swift $250.000 an Kesha spendete, um sie bei der Deckung der Prozesskosten zu unterstützen.

Unter dem Hashtag #freekesha machen sich weltweit Menschen für die Sängerin besonders auf Twitter stark:

Autorin und Schauspielerin Lena Dunham schrieb etwa:

Lasst es mich einmal für alle da draußen erklären: Stellt euch vor, dass jemand emotional und physisch schwer verletzt wurde und nun nicht nur euch, sondern auch eure Familie bedroht.
Der Richter sagt euch zwar zu, dass ihr sie nicht mehr sehen müsst, ABER euer Haus gehört ihnen trotzdem noch. Sie können entscheiden, wann sie die Heizung auf- oder abdrehen, ob sie die Telefonrechnung zahlen oder euer Dach reparieren.
Und nach all' dem, was du durchgemacht hast - fühlst du dich dann noch sicher in diesem Haus? Vertraust du ihnen, dass sie dich beschützen würden?

Auch Lady Gaga verlautete in einem Statement:

Eine weitere Twitter-Nutzer schrieb etwa:

Die Seite "ItsFeminist" sammelte gleich mehrere Vergleiche zu ähnlichen Vertragsfällen und stellte sich auf Keshas Seite:

Egal wie im Fall Kesha schlußendlich entschieden wird. Er steht systematisch für viele Frauen weltweit, die sich auch heute immer noch für ihre Vergewaltigungen rechtfertigen müssen.

Damit Frauen in Zukunft keine Angst mehr davor haben müssen die Täter anzuzeigen, müssen wir anfangen, den Opfern zu glauben und aufhören an ihnen zu zweifeln.

Oder um es mit den Worten von Dunham zu sagen: "Es geht hier um mehr als einen Popstar, der versucht seine Karriere zu verteidigen (…) und um mehr als die systematische Misogenie der Unterhaltungsindustrie und die Art wie Frauen in Film oder Musik für lange Zeit kontrolliert und bevormundet worden sind" (hier geht es zum Kommentar von Lena Dunham).

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