Warum versuchen alle auf jung und cool zu tun, wenn sie es gar nicht sind?

IMAGEFRAGE. Kolumnistin Martina Parker weiß, dass einen nichts so alt aussehen lässt wie der verzweifelte Versuch, auf jung zu machen. Kommt nach dem Greenwashing jetzt das Youngwashing?

Letztens tippte ich eine Nachricht auf meinem Smartphone und wurde von meinem trendbewussten Kollegen D. aufgeregt unterbrochen: „Bist du irre, du tippst noch mit dem Zeigefinger? Das macht total alt! Du musst mit den Daumen tippen! Glaub mir, das lässt einen sofort jünger aussehen!“.

Verwirrt beherzigte ich seinen Rat – mit bösen Konsequenzen. Denn von der Umstellung auf das Zweidaumensystem bekam ich solche Schulterverspannungen, dass mir der Hausarzt allen Ernstes Moorpackungen verschrieb! Die Anwendungen selbst waren dann eigentlich ganz gemütlich. Ich dümpelte im warmen Dreck, der mir von der Badefrau per Wasserschlauch vom Körper gekärchert wurde, und ruhte danach unter kratzigen Wolldecken in Bundesheeroptik.

Das war heilsam, aber wirklich das krasse Gegenteil von jugendlich schick. Die neue hippe Werbelinie des Kurorts sah das anders. Zumindest suggerierte die Chillax-Sprache,dass hier nicht die Eichkatzerln im Kurpark hüpfen, sondern der Bär steppt. Das passiere alles aufgrund der „dringend notwendigen Imagekorrektur“, verriet die Gemeindeseite die Hintergründe dieser Aktion.

Youngwashing ist das neue Greenwashing

Für mich einmal mehr die Bestätigung: Auf jung und cool zu tun, obwohl man es nicht ist, ist gerade der letzte Schrei. Nach dem Greenwashing kommt jetzt das Youngwashing.

Das bekräftigte auch meine Freundin S., die in einer PR-Agentur arbeitet: „Meine Beauty-Kunden zwingen mich plötzlich, den ganzen Tag auf Snapchat aktiv zu sein, und vergessen dabei völlig, dass die Frauen, die ihre 35-plus-Cremes kaufen, tagtäglich Kinder und Karriere stemmen und gar nicht die Zeit haben, sich stundenlang im Netz rumzutreiben.“

Und überhaupt: Snapchat wird von jugendliWerbung chen Nutzern ob seiner Vergänglichkeit gerne genutzt, um sich gegenseitig nackte Tatsachen zu kommunizieren.Keiner will dort Krähenfüße und Antifaltenpflege sehen. Und nicht jeder User, der sich dort tummelt, ist gleich ein bedeutender Influencer oder potenzieller Kunde. Was uns wieder zum wesentlichen Grundsatz von Werbung führt: Kenne deine Zielgruppe und erfülle ihre Wünsche. Sich dabei im Ageism zu verlieren, ist unzeitgemäß, ineffektiv und falsch. Denn entscheidend ist allein, was in den Köpfen der Menschen vorgeht. Mit der logischen Konsequenz: Mit dummem Youngwashing erreicht man nicht die Jungen, sondern schlichtweg nur die Dummen. Ich mag es lieber authentisch und tippe jetzt wieder ganz cool mit dem Zeigefinger!

Autorin Martina Parker ist Beauty Representative und Kolumnistin des WIENERIN Magazins. Ihre beliebte Beauty-Kolumne erscheint monatlich in der Print-Ausgabe.

 

Aktuell