Warum verhüllt jetzt sexy ist

Hochgeschlossene Blusen lösen gerade tiefe Dekolletés ab und Maxiröcke haben dem Mini nicht nur am Runway den Rang abgelaufen. Der neue Stil zeigt kaum Haut, wirkt dabei aber genauso verführerisch. Modetheoretikerin Barbara Vinken im Interview über frivoles Styling, Religion und Außenwirkung.

Was ist sexy? Es gibt keine eindeutige Antwort darauf. Für manche sind es weiße Baumwollunterhosen, andere brauchen Spitze und Strings. Doch egal, welche Option es drunter wird, sichtbar für alle ist das Darüber. Und wenn man Modetheoretikerin Barbara Vinken glauben mag, dann zeigt sich die Mode im Moment ganz schön solide.

Ist brav das neue sexy?

Barbara Vinken: Brav spielen ist das neue sexy, und das ist ja eigentlich nicht brav, sondern ziemlich frivol.

Wie darf man das verstehen?

Es herrscht Überdruss gegenüber dem Anspruch, dauernd offensiven Sex-Appeal zeigen zu müssen. Die Leute scheinen sich wieder an einen der klügsten Sätze zur Mode zu erinnern, der je geschrieben wurde: "Jede Mode ist keusch." Das meinte der Philosoph Roland Barthes kategorisch. Die Überdosis medialer Sexyness hat etwa das olympische Beachvolleyball-Spiel zwischen Deutschland und Ägypten schön ins Bild gesetzt: Die Spielerinnen aus Ägypten treffen in langen Hosen und langärmeligen Shirts auf das deutsche Team in knappen Bikinis, mit viel goldener Haut. Jede Muskelfaser war sichtbar, und diese blonden Haare Mit Haut und Haaren hatten sich aber beide Seiten dem Sieg verschrieben. Das neue Brave, das so brav gar nicht ist, ist vielleicht das genaue Gegenteil der Versace-Mode der 1990er-Jahre. Wir haben es jetzt nicht mehr nötig, dauernd unter Beweis zu stellen, dass man ganz aufgeschlossen und keine Spur verklemmt oder prüde ist. Es geht um einen souveränen, hintergründigeren Umgang mit den erotischen Reizen als die damalige etwas plumpe In-Your-Face-Sexyness.

Die Mode, das hat etwa der Wiener Adolf Loos vor über hundert Jahren scharf kritisiert, appelliere schamlos an das Tier im Mann und führe zu einer Pornografisierung des weiblichen Körpers.
von Barbara Vinken

Wie drückt sich das in der Mode aus?

Ich habe das Gefühl, dass sich seit zwei bis drei Jahren ein Wandel zu mehr Angezogensein vollzieht. Zum einen über das sprichwörtlich hochgeschlossene Viktorianische, das sehr en vogue ist; andererseits macht der "Schoolgirl"-Look Furore - Schottenrock und Ballerinas, Kniestrümpfe, hoch geknöpfte weiße Blusen, Samtkragen, weiße Manschetten etc. Es gibt in dieser Bravheit auch etwas geschlechtlich nicht ganz Determiniertes - das unschuldige junge Mädchen. Oder auch etwas Religiöses, Sakrales in der Stofffülle. Beispiele für diese neue Stoffüppigkeit sind Labels wie Céline oder The Row.

Schließt das den Trend zum Rollkragenpullover mit ein?

Nein, der Rollkragenpullover kommt aus dem Sport, der ist funktional und wird auch bei Halsschmerzen getragen. Das richtige Wollripp kann den Busen ja sogar als Torpedo hervorschießen lassen. Eine hochgeschlossene Bluse dagegen steht im Kontrast zum Dekolleté.

Derzeit ist ein großes Thema, wie sich muslimische Frauen in der Öffentlichkeit kleiden. Spürt man das in der aktuellen westlichen Mode?

Die Mode, das hat etwa der Wiener Adolf Loos vor über hundert Jahren scharf kritisiert, appelliere schamlos an das Tier im Mann und führe zu einer Pornografisierung des weiblichen Körpers. Oder um es mit Eduard Fuchs zu sagen: Die Venusdienerinnen, geübt darin, ihre Reize meistbietend an den Mann zu bringen, waren Modevorbild. Der aktuelle Trend zur neuen Bravheit mag auch damit zusammenhängen, dass wir jetzt ja mit der schon lange wütenden Kopftuch-/Schleier-/Burkini-Debatte neu darüber nachdenken, wie Männer und Frauen in der Öffentlichkeit in Bezug auf ihre erotischen Reize erscheinen: ganz sicher nicht gleich. Die Konfrontation mit anderen Kulturen und deren Kleidungsstil - aber auch mit unserer eigenen Vergangenheit, denken Sie an Priester, Nonnen und Mönche - hat die Designer immer schon inspiriert. Das hat aber jetzt nicht zwingend zu mehr "modesty", also Bescheidenheit oder Anständigkeit, geführt.

Sondern?

Ich halte das neue Brave eher für ein in der Mode schon lang bestehendes Hin und Her zwischen ostentativer Sexyness und einer zurückgenommenen Unschuld, Bravheit oder Priesterlichkeit. Diese Tendenz zur sakralen Weiblichkeit an sich ist ja nichts Neues; als heiliges Monster inszenierte sich Sarah Bernhardt, als keusche Priesterin, ganz puristisch, konnte man etwa in Jil Sander gehen.

"Modest Fashion" beschreibt Outfits, die sehr angezogen und trotzdem modisch sind und damit u. a. der Kultur des Islam oder des orthodoxen Judentums entsprechen. Einige Modest-Fashion-Labels sehen ihre Designs als Schmelztiegel für unterschiedliche Religionen. Kann Mode eine verbindende Sprache sprechen?

Mode ist etwas zutiefst Säkulares und steht grundsätzlich auf der Seite der Welt, nicht der Religion. Das wird sich, denke ich, nicht ändern. Religiös zu werden bedeutet ja, der als gauklerisch leer begriffenen Verführung der Welt zu entsagen. Deswegen sage ich auch "brav spielen". Das heißt nicht, dass Mode unabhängig von Religion und religiösen Kleidervorschriften ist, sondern sie bestimmt sich im Verhältnis zu ihnen. In der Renaissance waren Mode und Religion vereinbar; denken Sie an die Heiligenfiguren von Tintoretto. Die waren sehr modeaffin und elegant nach dem Dernier Cri angezogen. So viele sagenhafte Stoffe, so viele wunderschöne Frisuren sieht man selten. Manchmal wandert die Mode als Weltbejahung in die Religion ein; heute wandert vielleicht gerade das Keusche der religiösen Gewänder in die Mode ein. Jean Paul Gaultier war hier Vorreiter.

Wie sieht das bei anderen Kulturen aus?

Mode, Säkularisation und Religion sind im Augenblick ein hochexplosives Thema. Ich würde grundsätzlich gegen gesetzliche Verbote plädieren und für mehr Vertrauen in die Mode, in ihre spielerisch leichte Ironie. Wir müssen uns ja jetzt nicht in Deutschland oder Frankreich ähnlich fundamentalistisch benehmen wie etwa das Regime in Teheran. Dort befahl der Schah zuerst im Vollgefühl der verwestlichten Modernisierung das Ablegen des Schleiers, und jetzt, nach der Revolution, müssen alle Frauen richtig verschleiert sein. Man sieht ja jetzt schon, dass das Kopftuch etwa in Berlin zum Modeaccessoire par excellence geworden ist, ein raffiniertes Spiel von Zeigen und Verstecken.

Mode ist etwas zutiefst Säkulares und steht grundsätzlich auf der Seite der Welt, nicht der Religion. Das wird sich, denke ich, nicht ändern.
von Barbara Vinken

Wird es mehr Labels geben, die diese Verhüllung in ihre Kollektionen einbauen?

Ich halte die Modekollektionen für orthodoxe jüdische Frauen oder für orthodoxe muslimische Frauen für einen Schritt in die richtige Richtung. Letzten Endes geht es doch darum, das, was man möchte, mit Stil zu verhüllen; nicht um das Was, sondern um das Wie. Es ist ein Geben und Nehmen; viele junge Nichtmusliminnen ziehen jetzt wieder Badekleider an, wie sie nicht nur ihre muslimischen oder jüdischen Schwestern, sondern schließlich auch ihre Großmütter trugen. Mit ein bisschen Gelassenheit werden alle Fundamentalismen von den Listen der Mode am Ende überall unterspült werden. Und vielleicht wird auch ein Narrativ der Moderne verabschiedet, das immer mehr nacktes weibliches Fleisch als den einzigen Königsweg der Befreiung sieht.

Kann man diese Veränderung auch als einen Teil der Globalisierung sehen?

Man sollte nicht vergessen, dass die Globalisierung etwa in der Türkei, in Ägypten, im Iran nicht immer als befreiend gesehen wurde. Diese per Gesetz verordnete Modernisierung oder Verwestlichung empfanden viele als Zwang. Schließlich durften Frauen im Iran keinen Schleier, Männer in der Türkei unter Atatürk nur noch Hut und keine traditionellen Kopfbedeckungen mehr tragen. Frantz Fanon beschreibt etwa Zwangsentschleierungen im französisch kolonisierten Algerien. Insofern sehe ich die jetzigen Ganzverschleierungen nicht als Rückfall in überholtes, archaisches Altes; sie sind vielmehr ein modernes Phänomen, einer unseligen Dialektik geschuldet. Diese unselige Dialektik der Moderne auszuhebeln, dazu ist die Mode angetreten. Die Frauen werden nicht, glaube ich, in diesem unförmigen Verschleiern stecken bleiben, sondern spielerischer und ironischer damit umgehen. Es ist ja mit der Perücke bei orthodoxen Jüdinnen auch so...

... die sind ja zum Teil schöner als "normale" Haare...

Ja (lacht). Also ich glaube, dass sich diese Sachen selbst ad absurdum führen. Die Abaya-Kollektion von Dolce & Gabbana ist auch ein Beispiel dafür. (Anmerkung der Redaktion: Im Jänner 2016 brachte das Label erstmals eine Kollektion für islamische Frauen auf den Markt.) Sicher ist das eine Markterschließung, aber es ist natürlich auch eine elegante Veränderung dieser Art des etwas einfältigen und manchmal unheimlichen Versteckens.

Der globale Jahresumsatz mit muslimischer Mode wird derzeit mit weit mehr als 200 Milliarden Euro beziffert...

Ich glaube wirklich, dass sich die Art der Verhüllung in den nächsten Jahren stark ändern wird. Es ist eine Durchdringung einer bisher nicht modischen Kleidung mit Mode passiert; dabei wird der östliche Kulturkreis nach dem Prinzip des Westens verändert, nicht umgekehrt. Ihre verführerische Unwiderstehlichkeit kann die Mode aber nur entfalten, wenn man die Leute gewähren lässt.

Fast alle Labels, über die wir gesprochen haben, werden von Frauen geführt. Ist der Blick einer Frau, die für Frauen designt, anders als der eines Mannes?

Ja, sicher! Männer, die Mode machen, inszenieren meistens den Traum einer phallischen Mutter. Sie rüsten die Frauen so aus, dass ihnen wirklich nichts fehlt. Der Blick einer Modeschöpferin auf die Frau ist anders. Er ist ironischer, vielleicht auch liebevoller und weniger angstbesetzt. Es geht hier mehr um diesen spielerischen Umgang mit dem eigenen Sex-Appeal: Brav zu spielen wird so eine Option unter vielen.

Barbara Vinken, 56, hat in Konstanz, Yale und Jena studiert und ist Professorin für Allgemeine und Französische Literaturwissenschaft an der Universität in München. Sie hat u. a. die Bücher Fashion Zeitgeist und Angezogen. Das Geheimnis der Mode geschrieben. Im deutschen Nordwestradio ist sie regelmäßig mit ihrer Kolumne Stilfältig zu hören. LINK: http://www.barbaravinken.de/News/index/deutsch
 

Aktuell