Warum uns ein Waldspaziergang gut tut

Die Luft ist frisch, die Stille erholsam. Instinktiv spüren wir, dass uns ein Spaziergang im Wald guttut. Und tatsächlich hat der Wald eine starke Heilkraft! Deshalb gibt´s hier verblüffende Erkenntnisse aus der Wissenschaft dazu.

Die Japaner empfehlen „Shinrin-yoku“, was übersetzt so viel heißt wie „Waldbaden“, in Neuseeland gibt es Waldspaziergänge inzwischen auf Rezept. Dass uns der Wald guttut, spüren wir, sobald wir ihn betreten. Dass er sich noch positiver auf unsere Gesundheit auswirkt als bisher gedacht, belegen immer mehr wissenschaftliche Studien. Wie gut Waldluft für unseren Körper und unsere Psyche ist, lässt sich nämlich auch messen. Mit dem Biologen und Autor von "Der Biophilia-Effekt. Heilung aus dem Wald", Clemens G. Arvay, haben wir über diese Medizin ohne Nebenwirkungen gesprochen.

- Was meinen Sie mit dem „Biophilia-Effekt“?


Den Begriff „Biophilie“ hat Erich Fromm erstmals verwendet: Er meint so etwas wie die „Hingabe zum Leben“ oder die „Liebe zur Natur“. Und ich beschreibe damit die gesundheitsfördernde Wirkung im medizinischen und psychologischen Sinn, wenn man mit der Natur in Kontakt tritt. Da geht’s nicht um die Heilkräfte, die sich entfalten, wenn man aus Pflanzen Arzneien herstellt, sondern allein um diesen Kontakt mit der Natur.

- Das heißt, ich muss mich nicht mit irgendetwas einschmieren, sondern Im-Wald-Sein allein reicht schon?


Ja, wenn Sie Waldluft einatmen, atmen Sie einen Cocktail aus bioaktiven Substanzen, die von Pflanzen an die Waldluft abgegeben werden. Darin sind sogenannte „Terpene“ enthalten, die höchst gesundheitsfördernd auf ­unser Immunsystem wirken! Sie stärken unsere Abwehrkräfte, reduzieren Stresshormone und wirken sich positiv auf den Blutzuckerspiegel und den Blutdruck aus. Ein ausgedehnter Spaziergang im Wald führt außerdem dazu, dass sich die Anzahl unserer natürlichen Killerzellen im Körper, die auch Krebszellen bekämpfen, erhöht.

- In welchem Maße treten solche Effekte auf?


Was die Killerzellen betrifft, genügt es zum Beispiel schon, einen einzigen Tag im Wald zu verbringen: Ihre Anzahl erhöht sich so um 40 %. Das ersetzt natürlich keine medizinische Behandlung, aber in der Vorsorge oder als Behandlungsunterstützung ist Waldluft unschlagbar.

- Wie lässt sich diese Wirkung erklären?


Der Mensch stammt aus der Natur, wir sind Naturwesen, haben eine lange Geschichte mit der Natur und reagieren einfach auf ihre Reize. Mensch und Umwelt sind eine Einheit. Was neben biochemischen Prozessen auch eine Rolle spielt, ist das „Wegsein“, das „Being away“ – dieser Abstand, den uns die Natur bietet, der tut uns gut. Und außerdem lässt uns die Natur „Faszination“ auf eine Weise erleben, die diesen berühmten und sehr, sehr angenehmen „Flow-Zustand“ auslösen kann.

- Sie schreiben in Ihrem Buch, dass allein der Blick auf einen Baum, ein Bild von einem Wald oder ein Video ­positive Effekte hat. Wie kann das sein?


Studien, die im Wissenschaftsmagazin Science publiziert wurden, haben gezeigt: Patienten, die beim Blick aus dem Krankenhausfenster auf einen Baum schauten, wurden schneller gesund, brauchten weniger Schmerzmittel und waren nach einer Operation seltener von Komplikationen betroffen als Kranke, die vom Zimmer aus auf eine Mauer guckten. Das hat viel mit dem Unbewusstsein zu tun: Die Natur ist einfach unser evolutionäres Zuhause, und allein ihr Anblick löst Wohlbefinden in uns aus.

- Was glauben Sie: Welche Rolle wird Natur- oder Waldtherapie in Zukunft spielen?


Ich denke, eine große. Leider ist das Thema insofern unpopulär, als dass mit Waldluft als Therapeutikum kein Geld zu verdienen ist. Man kann sie nicht in Fläschchen füllen und verkaufen. Aber ich denke, gerade im psychiatrischen Bereich werden Naturerfahrungen eine immer größere Rolle spielen. Man sieht auch schon heute, dass in Krankenhäusern, in denen Gartentherapie praktiziert wird, die Menschen weniger Schmerzmittel und weniger Antidepressiva brauchen. Die ersten Schritte sind getan.

Ganz viel mehr Infos zu dem Thema lesen Sie im Buch von Clemens G. Arvay nach: "Der Biophilia-Effelt. Heilung aus dem Wald", erschienen bei edition a, € 21,90.

 

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