Warum tut die Liebe oft so weh?

Lieben, wen und wie man will: Ja, das geht - zumindest theoretisch. Doch unsere Erwartungen an Liebe und Beziehungen verwirren. Warum die Freiheit auch tückisch ist, haben wir Datingexpertin Nina Deißler gefragt.

Warum tut Liebe weh

Sich auf die Liebe einzulassen klingt schön und unrealistisch zugleich. Denn obwohl wir einerseits ganz viele Arten von Liebe gesellschaftlich akzeptieren, ist das persönliche Liebesglück oft ganz weit weg. Dazu kommen Erfahrungen, Enttäuschungen und eine generelle Unsicherheit, wie Liebe denn heute überleben kann. Wir haben darüber mit der Dating-Coachin Nina Deißler (kontaktvoll.de) gesprochen.

WIENERIN: Liebe, wie und wen du willst – so würden wir gern durchs Leben gehen, doch das ist nicht so einfach. Was macht denn die Liebe kompliziert?

Nina Deißler: Wir alle verwechseln gerne Liebe mit Beziehung. Wir haben nie gelernt, das auseinanderzuhalten. Die Liebe ist ein Gefühlszustand, Beziehung aber ist eine Situation, in der ich mich befinde. Schwierig wird es, weil wir ja alles, was wir sind, durch Nachahmung gelernt haben. Und das Beziehungs- oder Familienmodell von früher lässt sich mit dem von heute nicht mehr vergleichen. Sich auf jemanden einzulassen ist toll, es fühlt sich erhebend an – wann aber beginnt die Liebe, Arbeit zu werden? Das passiert, wenn die Illusion nicht mehr ausreicht. Und die Illusion ist, wenn wir in unserer Verliebtheit glauben, dass ein
Mensch alleine alle unsere Bedürfnisse erfüllen muss. Wenn der echte Mensch für uns sichtbar wird, kommt es zu Enttäuschungen. Die Frage ist: Ist die Diskrepanz zwischen Vorstellung und Echtheit für uns aushaltbar? Auch jene Diskrepanz, die uns selbst betrifft, denn auch wir sind ja nicht so perfekt, wie uns der oder die andere am Anfang sieht. Kann ich also den anderen Menschen so annehmen, wie er ist? Das ist die Arbeit – oder, wie ich lieber sage: die Pflege des Gartens, den
man Beziehung nennt.

Ist Liebe also vielmehr eine Entscheidung?

Definitiv. Verliebtheit passiert, dagegen kann ich mich nicht wehren, weil ein Mensch in mir etwas anspricht, was ich sein will. Aber in der Liebe ist das anders. Die Liebe braucht das Commitment, das Zugeständnis.

Wer liebt, wird auch verletzt – wieso muss Liebe oft so wehtun?

Liebe selbst tut nicht weh – was wehtut, ist die Enttäuschung. Wir geben der Liebe die Schuld, obwohl sie nichts dafürkann. Wir wollen, dass passieren soll, wonach wir uns sehnen, aber das ist nicht Liebe, das ist Sehnsucht. Es ist unsere Projektion. Und die Enttäuschung darüber, dass sich die Projektion nicht erfüllt, die tut oft so weh.

Je älter man wird, desto mehr zaudert man, ob sich das Einlassen auf jemanden noch auszahlt. Ist Liebe eine Altersfrage?

Es ist keine Altersfrage, es geht eigentlich darum, dass ich für etwas, das in der Vergangenheit passiert ist, Verantwortung übernehmen kann. Ich bin verantwortlich dafür, wen ich mir aussuche. Fast alle meiner Klientinnen kommen zum selben Punkt ihrer Geschichte: „Ich habe mich in jemanden verliebt und mir vorgestellt, dass ich das oder das mit ihm erleben werde.“ Wenn man aber genau hinschaut, war es nicht ganz unerwartet, dass dies oder jenes passieren wird. Der Trugschluss ist, dass wir Menschen verändern können. Wenn das nicht klappt, hat man eine schlechte Erfahrung gemacht. Aber eigentlich muss man die eigene Verantwortung dabei sehen. Das tut erst weh, aber dafür wird es dann besser.

Liebe ist Vielfalt. Ob Frauen Männer oder Frauen oder beides lieben, mit Kindern sein wollen oder ohne – alles darf sein. Lieben wir heute leichter?

Es ist ein Paradoxon der Liebe, denn wir könnten leichter lieben. Doch in allen kapitalistisch geprägten Kulturen gibt es auch für die Liebe eine Angst, nicht zu entsprechen. Diese Angst hemmt uns, und ihr ist nur mit Selbstliebe und Selbstachtung zu begegnen. Die Beziehung zu sich selbst muss erst mal passen – dann kann man die Freiheit auch nützen.

Sie helfen beim Flirten, beim Daten – was hat #metoo verändert?

Die Themen der Männer sind andere geworden. #metoo wurde und wird auch missverstanden. Beim Flirten ist die Sexabsicht ja dabei, man darf sie spüren, bei #metoo geht es vor allem um Machtmissbrauch. Bei mir sitzen an sich schüchterne Männer, die sich nichts mehr trauen. Was oft folgt, ist, dass sie in die Friendzone rutschen. Sie wollen der Frau möglichst gar nicht mehr signalisieren, dass sie gerne Sex hätten, die Frau wiederum empfindet den Mann bald als geschlechtslos. Er kann nur Freund werden, nie Liebhaber. Dieses Dilemma haben heute wirklich viele Männer.

Nina Deißler ist Dating- und Flirtexpertin und Autorin und hält seit Jahren Seminare ab. Auf kontaktvoll.de kann man gratis seine Liebesblockade rausfinden.

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