"Warum tragen Sie ein Kopftuch?"

Jena ist eine junge Frau und Mutter aus Tschetschenien. Gemeinsam mit ihren Kindern flüchtete Jena zu ihrem Mann nach Österreich.

Jena ist eine junge Frau und Mutter aus Tschetschenien. Gemeinsam mit ihren Kindern folgte Jena ihrem Mann nach Österreich, unwissend, was die Zukunft in diesem fernen Land für sie und ihre Familie mit sich bringen wird. In Tschetschenien konnte die Familie nicht länger bleiben, da Jenas Mann politisch verfolgt wurde, weil er während der Tschetschenien Kriege für die Unabhängigkeit Tschetscheniens kämpfte und somit ein Kriegsgegner der Russischen Föderation war.

Seit 2007 regiert der vom Kreml eingesetzte Präsident Ramsan Kadyrow das Land mit eiserner Hand. Ihm wurden bereits mehrere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen, darunter Entführung, Folter und Totschlag. Jena erzählt, dass der pro-russische Präsident die Polizei einsetzt, um jene Männer aufzuspüren, die im Tschetschenien Krieg gegen die Russische Föderation gekämpft haben. Männer und sogar ganze Familien würden entführt, oftmals auch während der Gebete in der Moschee. Viele der Entführten würden jedoch nicht ins Gefängnis gebracht, sondern gleich ermordet werden, berichtet Jena betroffen.

Politisch verfolgt

Auch Jenas Mann zählt zu jenen gesuchten Männern. Mehrmals in der Woche tauchten Polizisten bei Jena zu Hause auf und suchten nach ihm. Jahrelang konnte er sich überwiegend bei Verwandten versteckt halten, vor allem auch, weil Jena den Beamten glaubhaft versichern konnte, dass sie nicht wisse, wo er sich aufhält. Nur nachts konnte er unbehelligt nach draußen gehen. Wenn er es doch einmal wagte, seine Familie zu besuchen, wurde er von Nachbarn verraten und bei den Behörden angezeigt. So lebte Jenas Mann in ständiger Angst und musste Tag für Tag um sein Leben fürchten und mit ihm seine ganze Familie.

Jena war noch sehr jung, als sie heiratete. Ein unbeschwertes Eheleben kannte sie nie, da ihr Mann auch schon vor ihrer Heirat verfolgt wurde. Wenn er sich Zuhause aufhielt, lebte er in ständiger Sorge von der Polizei aufgegriffen zu werden und war daher sehr nervös und beunruhigt. Schließlich, nach vielen Jahren des Versteckens, entschloss er sich zur Flucht nach Österreich, ein Land in dem er nicht der politischen Verfolgung ausgesetzt war. Erst nach beinahe einem Jahr der Ungewissheit hörte Jena wieder von ihrem Mann. Telefonisch konnte er sich mit ihr in Verbindung setzen und erst da erfuhr sie, dass seine Flucht geglückt war und er nun auch sie und ihre Kinder nachholen wollte. Mithilfe der Cousine ihres Mannes, die Jena und ihren Kinder gültige Reisedokumente besorgen konnte, war es für sie nun möglich Tschetschenien ebenfalls verlassen.

Neubeginn in Traiskirchen


Durch die Unterstützung der Cousine gelangte Jena 2008 gemeinsam mit ihren Kindern nach Österreich. Die Freude war riesig, als sich die Familie im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen endlich, nach einem Jahr der Trennung, wiedersah. Nach einem Monat im Erstaufnahmezentrum wurde die fünfköpfige Familie in einer Flüchtlingspension in Kärnten untergebracht, wo sie eine Einzimmerwohnung bezog. Jena und ihr Mann begannen zu dieser Zeit Deutschkurse zu besuchen, um auch sprachlich in Österreich besser zurechtzukommen. Einige Monate später erhielten sie dann eine größere Wohnung in einer anderen Stadt.

Vier Jahre lang musste die Familie auf einen Asylbescheid warten. Während dieser Zeit mussten sie einige Male vor Gericht, um ihre Lebenssituation in Tschetschenien zu schildern. Vor allem eine dieser gerichtlichen Befragungen ist Jena besonders im Gedächtnis geblieben. Es war die Skepsis und der Zweifel an der Wahrheit der Geschichte, die Jena und ihr Mann der Behörde darlegten, die sie verzweifeln ließ. Für Jena machte es den Eindruck, als würde die zuständige Behörde mit allen Mitteln verhindern wollen, dass ihr Mann ein Visum oder einen positiven Asylbescheid erhält. Jena berichtet, dass den von ihnen vorgelegten Beweisen der politischen Verfolgung ihres Mannes keinerlei Beachtung geschenkt wurde. Es fielen sogar Sätze wie „Dann werden Sie eben in Tschetschenien sterben – na und?“ Jena war erschüttert und zutiefst getroffen über diese herzlosen und verachtenden Äußerungen, insbesondere da sie sich vor diesem Gerichtstermin noch relativ sicher war, dass zumindest ihr Mann Asyl erhalten würde. Nun folgte die Ernüchterung.

Negativer Asylbescheid

Als Jena den eingelangten Asylbescheid zu Hause öffnete, zitterten ihre Hände wie verrückt und ihr Mann lief im Zimmer nervös auf und ab. Für die Familie war es ein vernichtendes Urteil – in großen Buchstaben war zu lesen: NEGATIV. Ein Jahr lang lebte die Familie ohne legalen Aufenthaltsstatus in Österreich. Diese Zeit ohne Papiere war sehr schlimm, kommentiert Jena, da die Angst, von der Polizei entdeckt zu werden, allgegenwärtig war. Darüber hinaus musste die Familie ohne soziale Absicherung ihr Leben bewältigen. Bei Verletzungen und Krankheiten war das Rote Kreuz ihre Anlaufstelle, da sie ohne Krankenversicherung nicht zum Arzt gehen konnten. Auch erhielten sie keine finanzielle Unterstützung und somit kein Geld. Oft half ihnen die Cousine von Jenas Mann. Jena selber kaufte Handys und Kinderwägen bei Willhaben, die sie, nachdem sie diese geputzt hatte, wieder weiterverkaufte. Im Kühlschrank herrschte oftmals gähnende Leere, aber es reichte, um zu überleben. Jenas Mann verließ kaum mehr das Haus und verschwand aus Angst vor der Polizei durch ein Fenster, wenn es an der Tür klopfte. Warum Jena selber keine Angst hatte auf offener Straße oder im Park von der Polizei aufgegriffen zu werden, begründet sie damit, dass vorwiegend Männer kontrolliert wurden.

Als dann doch der Abschiebebescheid zugestellt wurde, den Jena wieder mit zitternden Händen öffnete, musste die Familie reagieren. In der darauffolgenden Nacht packten sie ihre Sachen und fuhren nach Deutschland, um der Abschiebung nach Tschetschenien zu entgehen. Insgesamt lebten sie vier Monate in Deutschland, ehe ihnen erneut eine Abschiebung bevorstand.

"Warum müssen wir uns verstecken?"

Die Cousine von Jenas Mann bot der Familie an, sie könne einige Zeit bei ihnen leben. So kehrte Jena mit ihrem Mann und ihren mittlerweile vier Kindern zurück nach Österreich. Insgesamt mussten sie nun zu dreizehnt in drei Zimmern leben. Auch an Jenas Kindern gingen diese Lebensumstände nicht spurlos vorbei. Immer wieder fragten sie: „Warum haben wir keine Papiere und warum müssen wir uns immer verstecken?“ „Wir haben keine Papiere, weil wir auf einen positiven Bescheid warten. Aber den bekommen wir hoffentlich bald, Inshallah!“, war das Einzige, was sie ihnen antworten konnte. Aufgrund dieser unzumutbaren Wohnsituation suchte Jena das Flüchtlingsprojekt Ute Bock auf, um dort vielleicht eine Wohnung zu erhalten. Doch es waren zu dieser Zeit nicht genügend Wohnungen vorhanden, um die Familie irgendwo unterzubringen. Es war die beengende Lebenssituation und die ständige Angst von der Polizei entdeckt zu werden, die sie den Entschluss fassen ließ, nach Frankreich weiterzuziehen. Ein schwieriges Unterfangen, da Jena zu dieser Zeit erneut schwanger war. Ein allerletztes Mal versuchte sie daher beim Flüchtlingsprojekt ihr Glück, und tatsächlich: sie bekamen in allerletzter Sekunde eine freie Wohnung. „Das war super für uns“, strahlt Jena, die froh war, nicht nach Frankreich gehen zu müssen, wo alles wieder von vorne angefangen hätte und wo sie wieder eine neue Sprache hätten lernen müssen. Egal ob Miete, Strom, Kleidung oder Geld für Windeln, „Frau Bock ist eine super Frau, sie konnte uns immer helfen“, schwärmt Jana.

Insgesamt lebte die Familie vier Jahre in einer Unterkunft von Frau Bock. Während dieser Zeit war Jena häufig beim Magistrat und „bettelte“ um eine Rot-Weiß-Rot Karte. Es dauerte weitere zwei Jahre bis sie erneut zu einem Interview aufs Magistrat geladen wurden. Diesmal hatten sie mehr Glück mit den zuständigen Beamten, die laut Jena um einiges netter waren als jene einige Jahre zuvor. „Sie und ihr Mann sprechen gut Deutsch, sind gut integriert und auch ihre Kinder haben gut Deutsch gelernt. Kommen sie wieder und sie erhalten eine Rot-Weiß-Rot-Plus-Karte“, sprach der Beamte beim Magistrat. Die Freude war riesig; insbesondere die Kinder haben sich sehr gefreut, und immer wenn sie im Park jemanden trafen, riefen sie: „Wir haben einen positiven Bescheid!!!“. „Schon seit 7 Jahren wohnen wir in Österreich und jetzt wird es endlich besser“, träumt Jana vor sich hin, die sich für die Zukunft eine schönere und größere Wohnung erhofft. Der weitere Plan ist nun eine Arbeit in Österreich zu finden und auch weiterhin hier zu bleiben.

Zum ersten Mal Freiheit

Auf die Frage, wie es Jena in Österreich gefalle, antwortet sie: „Jetzt ist es super, weil niemand mehr an die Tür klopft, nur die Nachbarin“, und fügte hinzu: „Wir können nun ohne Angst ins Geschäft gehen oder im Park sitzen. In Tschetschenien konnten wir das nicht – ich konnte nicht einmal mit meinem Mann nach draußen gehen. Es ist zum ersten Mal Freiheit.“ Das einzige, was ihr in Österreich Probleme bereite, seien die Vorurteile, mit denen sie aufgrund ihres Kopftuches tagtäglich konfrontiert werde. „Warum tragen Sie ein Kopftuch? Es ist doch gar nicht heiß“, hieße es dann, vorwiegend von Männern, oder schlimmer: „Ich will in Österreich keine Leute mit Kopftuch sehen“. Aber die meisten Leute würden das auch verstehen, meint Jena und hat vor, ihr Deutsch noch weiter zu verbessern, um beim nächsten verachtenden Spruch auch angemessen reagieren zu können.

Jan Zaschkoda arbeitet beim Verein Ute Bock und veröffentlicht auf seinem Blog regelmäßig Geschichten von Flüchtlingen.

 

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