Warum Tinder für mich nicht funktioniert

Manchen mag Daten über die App Tinder Spaß machen. Unsere Redakteurin gehört nicht dazu.

Menschen, die in der Welt des Internet-Datings nicht so bewandert sind (Hallo Mama!), mögen Tinder noch nicht kennen: Es handelt sich um eine als promiskuitiv verschriene Dating-Plattform. Das liegt wohl an dem sehr oberflächlichen System, auf dem die App beruht. Nutzern werden Menschen in einem gewissen Umkreis ihrer Umgebung angezeigt, man kann sich ein paar Fotos ansehen, und ob man gemeinsame Facebook-Freunde oder -Interessen hat. Manche fügen ihrem Profil noch ein tiefsinniges Zitat, Eckdaten zu ihrer Person oder ihre Körpergröße hinzu. Es gibt keine Algorithmen und keine Fragebögen, es bleibt also alles recht oberflächlich. Und vor allem unverbindlich. In einer gewissen Altersgruppe ist Tinder ziemlich populär: Andere Dating-Seiten wirken eben oft sehr ernst und verbindlich, und auf Tinder legt man sich erst mal nicht fest, was man finden möchte. Das kann eine Beziehung, nette Menschen, ein Reiseführer oder unverbindlicher Sex sein. Oder etwas ganz anderes.

Man scrollt also durch eine Masse an Profilen, und gibt an, wenn einem jemand gefällt. Das erfährt die andere Person nur, wenn sie auch ihr Interesse bekundet, denn dann gibt es einen "Match". Die deutschsprachige Tinder-Version sagt dann "Gratuliere! Du und Teresa stehen jetzt auf einander!" Erst dann kann man mit der anderen Person in Kontakt treten.

Das ist natürlich nur eine subjektive Erfahrung, aber Tinder funktioniert für mich genau gar nicht. Ich weiß von mindestens 3 Paaren, die über Tinder zusammen gekommen sind und es gibt auch viele Menschen, die durch Tinder swipen als wäre es ihre Religion, und sich dauernd mit neuen Menschen treffen, um sich kennenzulernen oder eben rumzumachen. Wie die das machen, weiß ich nicht.

(Es sind übrigens nicht alle Screenshots von mir, sollte jemand auf Details achten und irritiert sein).

Problem 1: Keine Interaktion

Ich habe aktuell 144 Matches, die Zahl ist über längere Zeit hinweg gewachsen. 144. Mit circa 40 gab es irgendeine Art von Konversation. (Das klingt jetzt mehr, als es ist, mehr zur Qualität dieser Konversationen später). Vielleicht verwenden viele Männer Tinder einfach genau wie ich: Also als Zeitvertreib auf dem Klo, um sich ein paar Leute anzusehen, dann aber niemanden anzuschreiben. Wenn ich jemanden anschreibe, kommt öfters einfach nichts zurück, und auch ich habe zugegebenermaßen schon öfters eine Nachricht in den unendlichen Weiten des Internets verschallen lassen. Die Männer und ich, wir sind also circa gleich Schuld daran, dass Tinder für mich nicht funktioniert.

Warum "matchen" wir uns dann aber überhaupt, wenn wir keinen Bock darauf haben, miteinander zu kommunizieren? Das ist irgendwie der Krux mit der Unverbindlichkeit von Tinder. Durch das grüne Herz sein Interesse zu bekunden, kostet erst mal nichts. Ein bisschen Bestätigung zu bekommen, war auch schon immer schön. Aber dann hat man irgendwie 100 Matches, kriegt 10 "Hallo wie gehts"-Nachrichten und auf einmal ist das alles nicht mehr so aufregend.

Problem 2: Gespräche laufen sich schneller aus, als man "unverbindlich" sagen kannst

Schließt direkt an Problem 1 an. Warum sich aus diesen Gesprächen weder tiefe menschliche Verbindungen noch unverbindliche Treffen ergeben haben, bleibt ein Rätsel. Da haben sich doch offensichtlich 2 Menschen sehr bemüht, ein Gespräch miteinander zu führen.

Problem 3: Mittelgute Anmachsprüche...

... und mit mittelgut mein ich grottenschlecht. Obwohl ich das Bemühen schätze, etwas Originelleres als "Hey wg" zu formulieren (beschäftigte Mittzwanziger haben offenbar keine Zeit mehr, um "wie geht's" auszuschreiben), kann diese Ambition auch über das Ziel hinausschießen. Dagegen kann ein unoriginelles "Hey, du siehst sympathisch aus, wie geht's dir heute?" wie ein eloquentes Wunder wirken.

Dieser Spruch hat mich so grantig gemacht, dass ich gar nicht zurückschreiben wollte. Aber dann dachte ich, dumme Reaktionen, wem dumme Reaktionen gebühren.

Eh lustig.

Das nennt man Tanzen. Und leider date ich keine Menschen, die das Wort "grooven" verwenden. Vielleicht sollte ich das in meine Tinder-Bio schreiben.

Dast ist eigentlich mein Liebling. Es tut mir eh ur leid, dass ihn seine Freundin verlassen hat, eine Woche bevor er nach Wien gezogen ist. Aber ich glaube, ich würde lieber jemanden treffen, der bis zum 3. Satz warten kann, um von seiner Exfreundin zu sprechen.

Problem 4: Tinder-Plus-Profile und Touristen

Tinder wurde noch merkbar schlechter, seit die App die bezahlte Premium-Version "Tinder Plus" eingeführt hat. Mit Tinder Plus kann man sich nicht nur Leute in einem gewissen Umkreis vom eigenen Aufenthaltsort ansehen, sondern auch in anderen Städten. Was das bringen soll, weiß der Kuckuck.

Dieser Supermacker zum Beispiel ist gerade 1273 km von mir entfernt. Das macht jeglichen Real Life-Kontakt in naher Zukunft relativ unwahrscheinlich. Hinzu kommt das skurrile Phänomen, das in letzter Zeit alle Männer auf Tinder "CEO & Founder" als Berufsbezeichnung angegeben haben.

Gerade um die Feiertage und Silvester war es auch merkbar, dass einem auf Tinder nur Touristen vorgeschlagen wurden, die eben ein paar Tage auf Wien-Besuch waren. Manchmal sind sie auf der Suche nach Einheimischen, die ihnen die Stadt zeigen, manchmal sind sie auf der Suche nach Einheimischen, mit denen sie unkompliziert schlafen können. Da ich an beidem kein Interesse hatte, hat das die Tinder-Erfahrung noch ein bisschen mühsamer gemacht.

(Nicht wirklich ein) Problem 5: Doch relativ promiskuitiv

Ich freue mich wirklich für alle Menschen, die auf der Suche nach schnellem, unverbindlichen Sex sind, dass sie mit Tinder so ein wunderschönes Werkzeug gefunden haben, mit dem das wohl gut funktioniert. Ein bisschen würde mich aber die Erfolgsquote von folgenden Nachrichten schon interessieren:

Dtf it die Abkürzung für "down to fuck" und die Person möchte wissen, ob man gerade Lust auf Sex hat.

Ich hab Tinder schon oft wieder gelöscht und auch jetzt bin ich eigentlich nur eine frustrierende Konversation davon entfernt. Man kann aber den Unterhaltungswert davon, am Klo fremde Leute zu betrachten und zu beurteilen nicht ganz verneinen, und so werd ich Tinder vielleicht noch ein bisschen am Handy behalten.

 

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