Warum stehen viele Frauen mehr auf erotische Literatur als auf Pornos?

Pornos geben oft wenig Aufschluss darüber, wieso diese Menschen Sex haben. Doch viele Frauen wollen die Geschichte dahinter.

ERotische Literatur Pornos

Wer ganz gerne Bücher mit erotischen Szenen liest, kennt das vielleicht: Das Gefühl, wenn man das Buch weglegen muss, um einfach nur zu atmen. Wenn eigentlich noch nichts passiert, aber sie seitenweise beschreiben, wie sehr er sie will. Er aber noch nichts macht, weil sie noch nicht die richtigen Signale gesendet hat. Und Sexszenen, bei denen einen die Spannung zwischen den Zeilen mit Herzrasen zurücklässt. Alles versetzt mit einem Hauch Romantik und einer echten Storyline.

Viele Frauen entscheiden sich im Zweifelsfall eher für erotische Literatur als für Pornos. Grund dafür ist bestimmt, dass während Pornos oft den Male Gaze bedienen und weniger auf die Bedürfnisse von Frauen eingehen, erotische Literatur genau das Gegenteil ist. Pornos sind oft schnell und hart und ohne Vorspiel. Erotische Literatur zieht das Vorspiel häufig über mehrere hundert Seiten. Die Männer tun und sagen genau das, was Frauen lesen möchten. Sie sind dadurch kaum realistischer als Pornos, nur für eine andere Zielgruppe zugeschnitten.

Gedankenspiele

Aber warum gibt es hier so große Unterschiede? Eine Studie der Nation Library of Medicine aus den USA aus dem Jahr 2018 sprach mit über tausend Frauen zwischen 18 und 94 Jahren darüber, wie sie in Stimmung kommen. 90 Prozent der Frauen verwenden dafür Mental Framing. Das heißt nichts anderes als, dass sie bestimmte Szenarien im Kopf abrufen, ihre Gedanken zu Erinnerungen oder Fantasien lenken und bewusst an Dinge denken, die sie anturnen. Ihr Gehirn spielt eine wichtige Rolle. Und das deckt sich mit einer Studie, die 2009 zum Thema Pornos und Erregung von der US National Library of Medicine National Institutes of Health durchgeführt wurde: Frauen finden bei Pornos eher die Geschichte bzw. den Kontext der Geschichte erregend, als die visuelle Komponente des Pornos.

Es stellt sich die Frage: Warum ist das so? Expert*innen glauben, dass erotische Literatur in vielen Fällen empowernder ist als Pornos. Besonders Pornos, die für Männer produziert wurden (und das ist der Großteil) sehen Frauen eher als Sexspielzeug als eine aktive Person. In vielen Fällen hat die Frau nicht die Kontrolle, in manchen Fällen darf man sich beim Schauen die Frage nach Consent auch gar nicht stellen. Bei erotischer Literatur ist das anders. Hier hat die Frau die gesamte Kontrolle über die Situation und über ihre eigene Sexualität. Und das allein reicht, um viele Frauen in Stimmung zu bringen.

Identifikation

Ein zusätzlicher Unterschied ist, dass es in Büchern oder Geschichten möglich ist, Frauenfiguren zu zeichnen, die vielschichtiger sind als ein braves Mädchen oder eine Schlampe oder eine Stiefschwester oder Stieftochter (was ist eigentlich das für ein seltsamer Porno-Trend, by the way). Dadurch können sich Frauen eher damit identifizieren. Die Sexualität von Frauen wurde so lange beschämt bzw. unterdrückt, dass es für viele wichtig ist, sich mit der Person, die ihre Bedürfnisse nun auslebt, identifizieren zu können und dadurch zu verstehen: Wenn diese Frau im Buch, die ich respektiere, das machen kann, könnte ich es auch spannend finden. Dabei geht es nicht zwingend um Sex bzw. den Akt an sich. Viele Frauen empfinden den Aufbau und die sexuelle Spannung mindestens so aufregend wie die Szene mit dem Orgasmus.

Sex zwischen Frauen

Dass es nicht nur um den reinen Akt von Sex oder Penetration geht, wird auch klar, wenn man sich anschaut, welche Art von Pornos Frauen schauen. Denn natürlich gucken auch Frauen Pornos. Überraschend mag nun aber sein, welche. Denn viele Frauen schauen Pornos mit zwei Frauen. Laut einer Auswertung von Pornhub ist lesbischer Porno bei Frauen um 151 % beliebter als bei Männern. Warum? Sieht man sich Pornos an, in denen Männer vorkommen, geht es selten um das Vergnügen der Frau. Die Zuseherinnen können sich nicht mit dem Mann identifizieren und möchten sich selten mit der Frau identifizieren, da diese eher benutzt als befriedigt wird. Wenn Sex zwischen zwei Frauen gezeigt wird, legt dieser oft mehr Wert auf die Leidenschaft und das Vergnügen der Frauen.

Petra Joy ist eine weibliche Porno-Regisseurin und versucht, die Porno-Branche frauenfreundlicher zu gestalten. Gegenüber The Guardian erklärte sie: "Frauen sehen gerne eine Erregungskurve und möchten verstehen, warum diese Menschen Sex haben und wie sie erregt wurden. Frauen wollen glaubwürdige Darstellerinnen sehen, Frauen jeder Größe und jedes Aussehens, die wirklich Spaß haben, und keine Pornoklone mit falschen Nägeln, Haaren und Brüsten, die es für die Kamera vortäuschen."

Und hier schließt sich der Kreis. Genau dieser Wunsch nach der Geschichte, dem Rundherum und der Identifikation ist es, wieso Frauen häufig lieber erotische Literatur lesen als Pornos schauen.

 

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