Warum Sportlerinnen in die Öffentlichkeit gehören

2022 ist das Jahr, in dem sich endlich viele Augen auf Fußballerinnen richten. In mehr als einer Hinsicht ist dieses Jahr bereits in die Geschichte eingegangen.

Österreichisches Nationalteam

Ein Blasorchester spielt, als die ­Fußballerinnen des FC Barcelona am 30. März 2022 eine nach der anderen aus dem Bus aussteigen und das Stadion betreten. Die Menge bebt, "la ola" ("die Welle") formt sich, immer und immer wieder.

Als die sieben Tore des Spiels geschossen werden, springen die Zuseher*innen aus ihren Sitzen, jubeln, fallen einander in die Arme. 91.553 Menschen sehen sich an diesem Tag live im Stadion das Viertelfinalrückspiel der Champions League an und sorgen so für einen neuen Weltrekord: Noch nie haben mehr Menschen dafür gezahlt, ein Frauenfußballspiel zu sehen.

Historisch

2022 ist gerade mal ein paar Monate alt und geht punkto Frauenfußball bereits jetzt in die Geschichte ein. Passend dazu findet in diesem Jahr im Juli auch die EM im Frauenfußball statt, für die das österreichische Team schon im Vorfeld große Aufmerksamkeit bekommt. Erstmalig ist mit Irene Fuhrmann eine Frau in der Position der Teamchefin des Frauen-Nationalteams.

Aufmerksamkeit

Die Augen vieler Österreicher*innen werden sich nun in den Sommermonaten auf die Frauen richten – das ist keine Selbstverständlichkeit: Erst als das österreichische Team in den letzten Jahren Erfolge verbuchte, besonders bei der EM 2017 und der WM 2019, bekam es die Aufmerksamkeit, die es heute hat. Denn gerade einmal zehn Prozent der Sportberichte behandeln Frauensport, wie der Sender SWR veröffentlichte. Um dies zu ändern, ist es wichtig, Frauen als Sportjournalistinnen und Kommentatorinnen einzusetzen.

Theri Hornich war jahrelang die einzige professionelle Eishockeyspielerin in einem Männer­team und ist heute Sportkommentatorin bei Puls 4. Sie weiß, dass es für die Zuseher*innen eine Ein­gewöhnungsphase braucht, in der auch mal nega­tive Kommentare zum Geschlecht kommen – aber diese Veränderung ist wichtig: "Es wird immer argumentiert, dass Frauen im Sport weniger verdienen, weil sie weniger Publi­kum anziehen. Man muss Frauen und Expert*innen im Sport mehr in die Öffentlichkeit bringen. Die Leistungen der Sportler*innen verdienen Aufmerksamkeit!"

Gender-Pay-Gap

Aktuell werden laut einer Unter­suchung der BBC 83 Prozent der Sportarten für Männer und Frauen bereits gleich bezahlt – doch gerade bei den fehlenden 17 Prozent geht es oft um Millionenbeträge. Forbes veröffentlichte 2018 beispielsweise eine Liste mit den 100 reichsten Sportler*innen; alle 100 Personen waren Männer. Zusätzlich zur fehlenden Aufmerksamkeit wird auch gerne angemerkt, dass Frauen weniger leisten würden, nicht so stark seien und sich deshalb weniger anstrengen müssten. So spielen Männer im Tennis etwa fünf ­Sätze, Frauen nur drei. Tennisspielerinnen diskutieren seit Jahren darüber, dass sie ebenfalls auf fünf Sätze erhöhen möchten. Das wird allerdings ignoriert.

Wertvoll

Auf ihre Leistungen machte auch Fußballerin Megan Anna Rapinoe wiederholt aufmerksam. Sie ist zweifache Weltmeisterin und Olympiasiegerin und wurde 2019 mit dem Ballon d’Or als Weltfußballerin des Jahres sowie als FIFA-Weltfußballerin des Jahres ausgezeichnet. Doch das ist noch lange nicht alles: Nachdem Rapinoe und ihr Team bei der WM 2019 den Sieg nach Hause brachten, gab es in den USA entsprechende Feierlichkeiten – und diese Chance nutzte Rapinoe, um eine Forderung zu stellen, die für drei Jahre die Welt des Profifußballs in Atem hielt: Die Spielerinnen forderten dieselben Prämien und Gehälter wie die Männermannschaft, die viel weniger erfolgreich war. Erst nach drei Jahren - im Februar 2022 ging ihre Forderung durch. Das Team bekommt nun die fehlenden Lohnungleich­heiten ersetzt. Einen Teil dieser Nachzahlung investieren die Spielerinnen in Nachwuchsförderungen für Frauen und Mädchen im Fußball. Zusätzlich wurden die Prä­mien für künftige Spiele an­gepasst, sodass sichergestellt ist, dass Frauen in den USA im Fußball gleich viel verdienen wie Männer.

Veränderung

Auch andere Fußballverbände – da­runter jene aus Norwegen, den Niederlanden und Australien – haben sich jetzt dazu verpflichtet, Prämien­lücken zwischen Frauen und Männern zu schließen. Das ist ein wichtiges Zeichen, dass Gleichberechtigung langsam auch im Sport ankommt, und das nicht nur im Fußball: 2021 wurde die erste Frau zur Präsidentin des Österreichischen Skiverbands gewählt, seit 1. 1. 2022 dürfen Beachhandballerinnen endlich in Shorts spielen anstatt in knappen Bikinihosen. All das sind nur einige Beispiele einer Debatte, die noch einen langen Weg vor sich hat, aber sich zweifellos in die richtige Richtung bewegt. Die Lücke schließt sich; langsam, aber stetig. Nötig dafür ist in vielen Fällen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Daran wird es aber nicht scheitern. Denn Frauen sind laut – und sie sind viele.

 

Aktuell