"Warum soll ich Witze über Heteromänner machen? Sie sind so uninteressant"

Denice Bourbon ist laut, dick und lesbisch. Sie macht politisch korrekte Comedy und will eines nicht mehr hören: Kann das denn lustig sein?

Denice Bourbon

"Ich bin eine laute, dicke, lesbische Feministin und rede die ganze Zeit darüber", sagt Denice Bourbon, 43, in einer Mischung aus Englisch und Deutsch und lacht dröhnend. Seit sie 16 war, steht Bourbon auf der Bühne – als Sängerin, Burlesque-Künstlerin und DJ. Sie ist Kolumnistin, Podcasterin und hat bereits eine Autobiografie verfasst.

Nur eines hat sich die Wiener Schwedin lange nicht zugetraut: Comedy. Weil Bourbon in ihrem Leben aber drei Dinge vorhatte – ein Buch schreiben, ein Album aufnehmen und eben Comedy machen –, hat sie 2017 gemeinsam mit Josef Jöchl PCCC* gegründet – den ersten Politically Correct Comedy Club in Wien. Seither kann Bourbon eine Frage nicht mehr hören: Kann politisch korrekte Comedy überhaupt lustig sein?

WIENERIN: Political Correctness gilt als Spaßverderber. Warum ist das so?

Denice Bourbon: Wir müssen schauen: Wo kommt das her? Das kommt von Männern, die Angst haben, Privilegien zu verlieren. Ich glaube auch, dass all diese Typen ein falsches Verständnis davon haben, was PC (Political Correctness, Anm.) ist. Ich merke das, wenn die immer gleiche Frage kommt: Kann politisch korrekte Comedy überhaupt lustig sein? Comedy müsse ja provozieren. PC heißt nicht, dass du nichts kritisierst. Es kann und soll provokant sein. Aber Provozieren und Diskriminieren ist nicht dasselbe. Sicher kannst du provozieren. Aber in welche Richtung? Und wenn du provozierst, indem du nach unten trittst: Ja, was ist daran bitte provokant? Was ist provokant daran, wenn Heteros Lesbenwitze machen? Wenn aber Lesben Witze über Heteros machen, ist das wirklich provokant, weil es ein System zeigt.

In diesem Zusammenhang taucht immer wieder die Frage "Was darf Humor?" auf. Wie beantwortest du sie?

Ich will da die Rapperin Sookee zitieren. Sie hat ein Interview über PC und Sprache gegeben. Die Interviewerin hat sie gefragt: "Ja, aber darf man das sagen?" Sookees Antwort war: "Du darfst alles sagen. Nur warum willst du das machen?" Und das denke ich über Comedy auch: Ich werde dir nichts verbieten. Aber warum willst du das machen?

Warum spielen Klischees und Diskriminierungen offenbar eine so große Rolle in der Comedy?

Es ist einfach, einen beleidigenden Witz zu machen, weil wir so gewöhnt daran sind. Nicht diskriminierende Comedy zu machen ist hingegen schwierig. Viele Leute wollen sich diese Mühe nicht machen. Und ich finde, das sagt auch einiges über ihr Talent.

Kritik an diskriminierenden Witzen wird oft mit dem Argument abgewehrt, es sei ja nur ein Witz. Wie siehst du das?

Ob Witz oder nicht – es sind Wörter, die ausgesprochen werden und verletzend sind. Wenn es wehtut, tut es weh. Man kann sich nicht aussuchen, wann Wörter eine Bedeutung haben und wann nicht. Sie haben immer eine Bedeutung. Der Schmerz ist der gleiche. "Scherz!" ist auch etwas, das Menschen schnell nachsetzen, wenn sie eigentlich etwas ernst meinen.

Ich werde mit PCCC* nie berühmt werden. Und: I don’t want to! Ich will nur leben können: Miete zahlen, Essen und Tabak kaufen.

von Denice Bourbon

Welche Kriterien habt ihr euch für PCCC* auferlegt?

Wir haben einen Sensitivity Reader. Das ist eine Person, die sich jede Nummer vor der Vorstellung anhört. Sie schätzt ein, ob die Nummern gehen oder nicht. Das heißt: keine sexistischen, rassistischen, homophoben Witze oder Witze aufgrund des Alters oder Aussehens, eh klar. Aber auch, wenn es uns selbst betrifft: Ich bin älter als viele in meinem Umfeld und habe oft Witze über Alte gemacht. Aber damit reproduziere ich diese Diskriminierung auch. Das habe ich lange nicht verstanden.

Wir wollen auch, dass die Leute auf unserer Bühne so repräsentativ wie möglich sind. Bei der Anmeldung haben Queers and BPOC (Black and People of Color, Anm.) Vorrang. Umgekehrt fühlt sich nicht gut an, wenn du in ein Publikum schaust, in dem nur wohlhabende weiße Akademker*innen sitzen. That's not fun. Es war uns deshalb wichtig, dass unsere Tickets nie mehr als 10 Euro kosten.

Mit PCCC* macht ihr Minderheitenprogramm. Warum wollt ihr nicht Teil des Mainstreamkabaretts sein?

Heteros sind very welcome! (Lacht.) Ich werde mich ihnen aber nicht anpassen. Ich kann keine Comedy für ein Mainstream-Straight-Publikum machen, weil es nicht meine Welt ist. Es interessiert mich auch nicht. Ich kann auf der Bühne nicht immer alles erklären: was zum Beispiel queer ist oder eine cis Person. Es werden Menschen im Publikum sitzen, die das nicht wissen, und die werden dann halt nachfragen. Aber ich werde mich sicher nicht an eine straighte Welt anpassen. Das habe ich nie getan. Ich war immer Punk und I will be queer forever! Und es gibt auch genug vom Mainstream. Was soll ich da? Ich habe das Glück, dass ich so wahnsinnig unambitioniert bin, dass es mich auch nicht stresst: Ich werde mit PCCC* nie berühmt werden. Und: I don’t want to! Ich will nur leben können: Miete zahlen, Essen und Tabak kaufen.

Du hast einmal gesagt, man erwarte von dir als lesbische Frau und Feministin, dass du Witze über Heteromänner machst. Tatsächlich kommt das in deinen Shows nur selten vor.

Warum soll ich Witze über sie machen? Sie sind so uninteressant (lacht). Nein, es interessiert mich einfach nicht. Es wird die ganze Zeit über sie geredet. Warum sollten wir das auch noch tun? Das ist ein Missverständnis. Nur weil ich wütend bin, laufe ich nicht besonders oft herum und schreie: "All men can go and die!" Ich habe bessere Sachen zu tun. Mich interessieren Frauen einfach mehr – Schocker! (Lacht.)

 

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