Warum sich junge Muslimas das Kopftuch nicht verbieten lassen

Carla Amina Baghajati von der Islamischen Glaubensgemeinschaft diskutierte mit jungen Muslimas über die Ehre der Frau und die leidige Kopftuch-Debatte.

Carla Amina Baghajati von der Islamischen Glaubensgemeinschaft hat für die WIENERIN (Ausgabe 2/2016) die "Ehre der Frau" mit jungen Muslimas diskutiert.

Aisha ist sauer. Ein Foto auf ihrer Facebook-Seite hat den Hunderte Kilometer entfernten Onkel auf den Plan gerufen: „Der Bursche neben dir auf dem Bild bringt dich in Verruf!“ Wohlmeinende Ratschläge fehlen nicht: „Fremde Männer nie anlächeln, nicht grüßen, sich überhaupt fernhalten! Was soll sonst ein potenzieller Bräutigam von dir denken?“ Aishas Vater vertraut ihr zwar – im Interesse seiner Tochter ist er aber auch um ihren Ruf besorgt.

"Warum müssen nur Mädchen für die Familienehre einstehen?"


„Hier in Österreich ist das doch normal, dass wir mit Burschen zu tun haben. Manche Klassenkameraden sind wie Brüder“, sind sich die Mädchen im islamischen Religionsunterricht einig, wo Aisha ihr Erlebnis besprechen möchte. Es entspinnt sich eine Diskussion um die Unterschiede zwischen Religion und Tradition. „Kannst du deinem Vater nicht sagen, wie ungerecht das ist, dass immer nur die Mädchen für die Familienehre einstehen? Im Islam müssen Männer doch eigentlich genauso ‚brav‘ sein.“ Schnell springt die Diskussion zum Aufregerthema der Silvesternacht in Köln und der sexuellen Übergriffe.

Ein Koranzitat aus der 24. Sure fällt den Jugendlichen ein: „Sag den gläubigen Männern, dass sie ihren Blick senken und auf ihre Keuschheit achten sollen: Dies wird für ihre Reinheit am förderlichsten sein – und wahrlich, Gott ist all dessen gewahr, was sie tun.“ In den Ekel vor den Übergriffen mischt sich Verbitterung, dass „der Islam“ in der Außensicht verantwortlich gemacht wird. Frauen – und damit auch sie als gläubige Musliminnen – erschienen so als Opfer.

"Wir wollen keine Bevormundung"


„Und dann wollen sie uns auch noch von unserer Religion ‚befreien‘. Verstehen sie denn nicht, dass wir diese Bevormundung nicht wollen?“ Während sich alle einig darin sind, ihre Interessen schon lieber selbst zu verteidigen, ist dies auch der Punkt, weiter über Aishas ursprüngliches Problem zu diskutieren. „Warum wird dieser Koranvers, der jede Art von Sexismus verbietet, unter Muslimen so wenig zitiert – aber den Kopftuchvers direkt danach bekommen wir ständig zu hören?“ Hier meldet sich nun auch ein Bursche zu Wort: „Ob eine Frau Kopftuch trägt oder nicht, ist doch ihre Sache. Ich fände es auch völlig daneben, nur die mit Kopftuch als ‚anständig‘ zu behandeln.“ Das gefällt den Mädchen: „Das hätte Aishas Onkel hören sollen!“

Immer mehr geht allen auf, was sie besonders ärgert: Wenn Mädchen einmal blöd angemacht werden, dann fällt das auch noch auf sie zurück! Sollen sich die Burschen doch gefälligst benehmen! Hier kommt wieder die Theologie ins Spiel: Schon die historische Aisha, Gattin des Propheten Muhammad, war einmal mit Verdächtigungen konfrontiert. Diese Episode ist der Offenbarungsanlass für Koranverse, die Verleumdung und auch nur das Hegen schlechter Gedanken gegen Frauen aufs Schärfste ächten. Das müsste doch das Handeln bestimmen! Könnte Aishas Vater, der im Stillen ja mit ihr ist, diese Verse nicht seinem älteren Bruder vortragen? Und hat sich nicht überhaupt gezeigt, dass strenge Geschlechtertrennung erst recht Nahrung für Fantasien ist?

Patriarchale Denkmuster


Der innermuslimische Diskurs überdenkt traditionelle Rollenbilder kritisch und versucht, zwischen Reli­gion und Tradition zu differenzieren. Das ist nicht immer einfach. Denn religiöse Auslegungen haben oft patriarchale Denkmuster begünstigt. Was als Schutz für die Frau gedacht war, wirkte nicht nur bevormundend, sondern mutierte zum Schutz vor der Frau. Angeblich zum eigenen Besten wurde das „schwache Geschlecht“ auf die Rolle als Hausfrau und Mutter reduziert: Mann draußen – Frau drinnen. Das sei doch ganz ihrer Natur gemäß. Im Westen, der noch vor wenigen Jahrzehnten ähnliche Rollenbilder pflegte, stößt es auf skeptische Verwunderung, dass viele Musliminnen im Islam Argumente finden, um Geschlechtergerechtigkeit einzufordern; umso wichtiger ist der interreligiöse und „interfeministische“ Dialog. Außensicht und Innenwahrnehmung klaffen oft auseinander. Gelingt es, diese im Dialog ein Stück zusammenzubringen, dann stärkt dies das Bewusstsein für Frauenrechte überhaupt. Der Solidaritätsruf „Wir Frauen!“ ist pluralistischer ­geworden.

 

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